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Tierwelt 24/2013

Wenn Schlangen ihre Brille nicht loswerden

Haustiere, Aquaristik/Terraristik | Donnerstag, 13. Juni 2013 07:00, Matthias Scholer

In Schweizer Haushalten leben immer mehr Reptilien. Doch viele Tiere büssen für das fehlende Wissen ihrer Besitzer mit ernsthaften Gesundheitsschäden. Dabei reichen bereits wenige Massnahmen für eine artgerechte Haltung.

Diese Schlange kann sich auf dem rauen Untergrund gut häuten. Quelle: YouTube/georgesnakeman

Die Kornnatter freut sich nicht über den Tierarztbesuch. Nervös züngelnd erkundet sie ihre Umgebung und versucht sich aus dem Griff ihres Besitzers zu winden. «Die Schlange sieht zurzeit fast nichts, deshalb ist sie auch so gereizt», erklärt Reptilientierarzt Paul Schneller. Tatsächlich sind die Augen des Tieres milchig trüb. «Die Häutung ist gestört, deshalb löste sich auch die Brille nicht von selbst ab», sagt Schneller, der in der Nordwestschweiz eine mobile Praxis betreibt. Als Brille werden die durchsichtigen Schuppen bezeichnet, welche bei allen Schlangen, und einigen Echsen, die Hornhaut des Auges bedecken. «Bei der Häutung werden diese normalerweise mitsamt der Hornhaut abgestossen», sagt der Tierarzt. 

Und dies lebenslang. Denn Schlangen hören, wie alle anderen Reptilienarten auch, nie auf zu wachsen. Da sich ihre Haut jedoch nicht kontinuierlich abschuppt, müssen sie diese regelmässig und auf einmal wechseln. Die Zeitspanne zwischen den einzelnen Häutungen variiert stark. Während sich junge Schlangen rund einmal im Monat häuten, kann die Frequenz bei älteren Tieren auf bis zu zweimal im Jahr abnehmen. Echsen und Schildkröten verlieren ihre Haut fetzenartig, Schlangen hingegen streifen ihr altes Hautkleid in einem Stück ab. 

Haltungsfehler sind die häufigste Ursache für Häutungsprobleme bei Reptilien
Wie schwerwiegend ist die Erkrankung unserer Kornnatter? «Grundsätzlich ist es falsch, bei Häutungsproblemen von einer Krankheit zu sprechen», korrigiert Schneller. Vielmehr sei eine ungenügende Häutung ein Symptom, welchem eine andere Ursache zugrunde liege. «Häutungsprobleme sind wie Fieber. Wir müssen immer den Auslöser dafür suchen», erklärt Schneller. Dies können Gesundheitsstörungen wie Lungenentzündungen, Nierenprobleme oder ein Befall mit Magen-Darm-Parasiten sein. «In den meisten Fällen sind jedoch Haltungsfehler die Ursache», sagt Schneller. Dazu gehören insbesondere eine fehlerhafte Einstellung der Temperatur oder der Luftfeuchtigkeit im Terrarium. «Die Umgebungstemperatur hat einen starken Einfluss auf den Stoffwechsel der Reptilien. Ist die Temperatur im Terrarium zu tief, können die Tiere zu wenig Energie für eine problemlose Häutung generieren», erklärt der Tierarzt. Auch entspricht die Luftfeuchtigkeit in der Behausung häufig nicht der des Ursprunglandes der Tiere. Ist die Luft jedoch zu trocken, löst sich die alte Haut ungenügend vom Körper.

«Im Internet findet man Klimatabellen mit den artgerechten Umgebungsbedingungen der meisten bei uns erhältlichen Gattungen. Die Besitzer sollten darauf achten, diese Werte konstant einzuhalten», rät Schneller. Denn was eigentlich logisch scheint, wird von den Besitzern häufig vergessen: Tiere aus Wüstengebieten brauchen trockenere Verhältnisse als Arten, welche aus Dschungelregionen stammen. 

An heissen Lampen und Heizmatten können sich Schlangen verbrennen
Ebenfalls sollten sich die Besitzer über die nötige Grösse und Ausstattung eines Terrariums informieren. Fehlt den Tieren der Platz und die Möglichkeit sich zurückzuziehen, können sie sich ungenügend auf die Häutung vorbereiten. Zudem brauchen sie in ihrer Behausung raue Oberflächen oder Äste, um die abgestorbene Hautschicht abzustreifen.

Kommt es zu Störungen bei der Häutung, können die Besitzer die Tiere baden und anschliessend versuchen, die Haut mit den Fingern abzuzupfen. Diese muss sich jedoch ohne Widerstand lösen. «Kein Öl verwenden. Dadurch werden die Hautporen geschlossen, wodurch die Sinneswahrnehmung der Tiere stark beeinträchtigt wird», warnt Schneller. Und: «Niemals versuchen, eine widerspenstige Brille zu lösen. Das kann zu schwerwiegenden Augenschäden, ja sogar Blindheit führen.» 

Deshalb beschränkt sich der Tierarzt bei der Behandlung der Kornnatter auch auf die Applikation einer Vitamin-A-haltigen Augensalbe. Die Brille sollte sich, nach der Verbesserung der Haltungsbedingungen, bei der nächsten Häutung von selber lösen. Doch die Patientin darf trotzdem noch nicht zurück in ihren Transportbeutel. Schneller untersucht sie auf ihrer ganzen Länge. Denn ein falsches Klima im Terrarium kann weitere Gesundheitsstörungen nach sich ziehen. «Viele Besitzer haben Angst vor Hautpilzen. Sie reduzieren deshalb die Luftfeuchtigkeit, wodurch jedoch die Schleimhäute der Reptilien austrocknen. Dies kann Atemwegserkrankungen bis hin zu Lungenentzündungen verursachen», sagt Schneller. Beim Tierarzt vorgestellt werden aber auch Tiere mit Verbrennungen, verursacht durch Lampen, beheizte Steine oder Heizmatten. Reptilien reagieren ungenügend auf Hitze und bleiben etwa zu lange um eine ungeschützte Lampe gewickelt oder auf einem zu heissen Stein liegen. Grossflächige Verbrennungen sind dann die Folge. 

Reptilienhalter müssen sich selber darum bemühen, an Fachwissen zu kommen
Mit artgerechter Haltung können viele Gesundheitsprobleme vermieden werden. Dies bestätigt Jean-Michel Hatt, Professor an der Zootierklinik des Zürcher Tierspitals: «Der Grossteil unserer Patienten leidet an den Folgen von Haltungsfehlern. Das versuchen wir zu ändern.» So bietet das Tierspital den Besitzern neben einer Telefonhotline auch Merkblätter zum Herunterladen an. «Dieser Service wird stark in Anspruch genommen. Grundsätzlich streben die Besitzer exotischer Tiere eine artgerechte Haltung an», sagt Hatt. Da die meisten Reptilien ohne einen Fachkundeausweis erworben und gehalten werden dürfen, müssen sich die Halter das entsprechende Wissen jedoch selber aneignen. «Natürlich wären obligatorische Kurse analog zu den Hundekursen begrüssenswert, aber das ist trotz der stetig steigenden Zahl von Tieren einfach nicht realistisch», erklärt Hatt. 

Über die tatsächliche Anzahl von Reptilien in der Schweiz gibt es nur wenige Angaben. Das Bundesamt für Veterinärwesen geht von über 100 000 Tieren aus. Eine Studie der Universität Zürich belegt zudem in den Jahren 1994 bis 2003 einen Anstieg von rund 50 Prozent der Reptilien-Patienten an der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere. 

Auch Paul Schneller spürt die zunehmende Beliebtheit der exotischen Tiere in seiner ambulanten Praxis. Einer seiner Patienten hat den Tierarztbesuch nun hinter sich. Die Kornnatter darf wieder zurück in ihren Transportbehälter. Zwar noch mit trüben Augen, aber dem Ausblick auf eine normale Häutung im nächsten Monat. 


Eine Gewöhnliche Mamba mit abgestreifter Haut. Bild: Danleo/wikimedia.org/CC-BY

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