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Tierische Rekorde

Ihnen macht die Kälte nichts aus

Rekorde aus der Tierwelt | Mittwoch, 11. Februar 2015, Matthias Gräub

Ohne dicke Kleidung und geheizte Zimmer wären wir derzeit aufgeschmissen. Die Tiere an den kältesten Orten der Welt haben keine derartigen Vorteile. Dafür haben sie andere Strategien entwickelt, um die Kälte auszuhalten.

Am 12. Januar 1987 wurde eine Temperatur von -41,8 Grad Celsius gemessen – nicht etwa in Sibirien oder der Antarktis, sondern in der Schweiz. Das Dorf La Brévine im Neuenburger Jura gilt als kältester Ort in der Schweiz und setzt fast jedes Jahr die schweizweiten Temperatur-Tiefpunkte. 

Die Bewohner des Brévine-Tals versuchen aus ihrem Status als «Sibirien der Schweiz» Kapital zu schlagen und veranstalten seit 2012 jedes Jahr ein «Fest der Kälte». An der diesjährigen Ausgabe am vergangenen Wochenende wohnten 2000 Besucher der Veranstaltung bei und besichtigten dabei Schneeskulpturen, einen Handwerkermarkt und Schlittenhunde in Aktion. Die Temperatur dieses Jahr lag bei durchaus winterlichen -5 bis -8 Grad.

Kühe mögen die Kälte
Während die Menschen in der Kälte sich dick einpacken oder bei einem gemütlichen Kaminfeuer aufwärmen können, müssen Tiere mit dem Kälteschutz zurechtkommen, den sie schon tragen. Kühe zum Beispiel sind hart im Nehmen. Mit ihrem dicken Fell frieren sie auch bei Minustemperaturen nicht. An trockenen Wintertagen, so schreibt das Bundesamt für Veterinärwesen, hielten Mastmunis in Versuchen eine Kälte von bis zu -30 Grad aus.

Problematisch werde es dann, wenn Wind und Nässe dazukommen. Deshalb sind Landwirte auch dazu verpflichtet, ihren Tieren einen Witterungsschutz zur Verfügung zu stellen. Dies könne ein Unterstand sein, aber auch eine dichte Hecke, die die Kühe vor Wind schützt.

Winterschlaf und Kältestarre
Wildtiere müssen selber schauen, wie sie zurechtkommen. Für sie wird nirgends ein Unterstand gebaut; dafür können sie sich aber selbst aussuchen, wohin sie sich verziehen. Und so haben sich Tiere die unterschiedlichsten Strategien gegen das (Er-)Frieren zurechtgelegt. Igel, Murmeltiere oder Siebenschläfer senken ihre Körpertemperatur über die Wintermonate stark herab und verfallen in einen tiefen Winterschlaf; Braunbären, Dachse und Eichhörnchen halten eine weniger strikte Winterruhe. Sie verziehen sich in ihre Bauten und dämmern dahin, während sie immer wieder kurz erwachen. Dabei schränken sie ihren Energieverbrauch stark ein und zehren von ihren Nahrungsreserven, die sie sich vor dem Winter angefressen haben.

Wechselwarme Tiere wie etwa Eidechsen oder Frösche verfallen in eine Kältestarre, in der ihre Körpertemperatur teilweise bis zum Gefrierpunkt absinkt. Der nordamerikanische Waldfrosch beispielsweise lässt sich vollständig einfrieren, stellt die Atmung ein und erwacht im Frühjahr wieder zum Leben. Wie das funktioniert, erklären wir hier.

Zottelige Herdentiere
Es gibt aber auch Tiere, die das ganze Jahr über wach und aktiv bleiben, sogar an Orten dieser Erde, an denen es noch deutlich kälter wird als in La Brévine. Der Moschusochse beispielsweise ist überall dort zu hause, wo es so richtig beissend kalt wird, in Grönland, Kanada, Alaska und – neuerdings wieder – in Sibirien. Dort, auf der Taimyrhalbinsel, dem nördlichsten Teil des asiatischen Festlands, wurde 1974 eine Herde Moschusochsen angesiedelt, nachdem sie dort lange Zeit ausgestorben waren. Heute leben wieder mehr als 3000 dieser Tiere im Frostzipfel Russlands, wo die Temperaturen im Januar durchschnittlich bei -35 Grad liegen.


Moschusochsen Auf Nunivak Island zwischen Alaska und Russland. Bild: U.S. Fish and Wildlife Service

Moschusochsen haben verschiedene Strategien, die sie anwenden, um nicht zu frieren. Zunächst einmal haben sie eins der dicksten Felle in der Tierwelt. Es besteht aus einem Unterfell, um ein vielfaches wärmer als Schafwolle und einem langen, zotteligen Überfell, das ihren ganzen Körper – bis auf Nase und Lippen – bedeckt und fast bis zum Boden herunterhängt. Wenn sich Moschusochsen auf den Boden legen, wirkt dieses lange Fell wie ein Zelt, das über dem Körper des Tieres hängt und warme Luft einschliesst, während kalte Luft nicht eindringen kann.

Neben dem Fell hilft den Moschusochsen auch ihre Geselligkeit im Kampf gegen die Kälte. Im Sommer leben sie in kleinen Herden, im Winter versammeln sich Herden von bis zu 100 Tieren. Bei grosser Kälte kuscheln sie sich ganz nah aneinander und wärmen sich dadurch gegenseitig. Die Jungtiere nehmen sie dabei in die Mitte, wo es besonders warm ist und sie zudem vor Fressfeinden wie Wölfen geschützt sind.

Bei Nässe brauchts eine Fettschicht
Einziger Nachteil am Moschusochsen-Fell: Es ist auf ein kaltes, aber trockenes Klima ausgerichtet. Bei Nässe saugt sich ihr Fell rasch mit Wasser voll, die Tiere können sich erkälten, was nicht selten tödlich für sie endet. Mit genau dieser Nässe muss aber der Eisbär fertigwerden. Schliesslich lebt er im Winter hauptsächlich von der Robbenjagd, und die halten sich bekanntlich meist im Wasser auf. 


Eisbären stören sich nicht an einem nassen Fell. Bild: Smudge 9000/Flickr/CC-BY-SA

Um also auf Robbenjagd zu gehen, müssen Eisbären gut schwimmen können, mit nassem Fell noch immer flink sein und durch das Wasser nicht bis auf die Knochen durchgeweicht werden. Ein langes Zottelfell kommt für sie also nicht in Frage. Stattdessen setzt der Eisbär auf eine 5 bis 10 Zentimeter dicke Fettschicht unter der Haut. Zusammen mit einem dichten Fell aus kurzen, hohlen Haaren sorgt sie für eine perfekte Wärmedämmung. Minergie-Standard mehr als erfüllt! 

Ausserdem ist die Haut der Eisbären nicht, wie man vermuten könnte, weiss, sondern schwarz. So wird das Sonnenlicht, das auf den Bären trifft, besonders gut absorbiert, die Haut wärmt sich auf und behält die Körpertemperatur des Eisbären hoch.

Fett ist nicht nur bei Eisbären das Überlebensrezept Nummer eins im kalten Wasser. Viele Meeressäuger, die in arktischen Gewässern leben, bauen ebenfalls auf eine dicke Fettschicht. Bei Robben oder Walen heisst sie Blubber. Und beim Blauwal, dem grössten Tier in den Weltmeeren, kann sie bis zu 50 Zentimeter dick werden und bis zu 50 Tonnen wiegen.

Kuscheln in der Antarktis
Die kälteste je auf Erden registrierte Temperatur in der Natur beträgt -89,2 Grad Celsius. Sie wurde 1983 in der Wostok-Forschungsstation in der Antarktis gemessen. Der Jahresdurchschnitt beträgt dort mehr als 50 Grad unter null. Ausser ein paar Forschern findet sich in dieser ewigen Eiswüste kaum Leben, doch an den Küsten der Antarktis tummeln sich Millionen von Pinguinen. Und die vereinen die Überlebensstrategien von Moschusochsen, Eisbären und Blauwalen. 


Kaiserpinguine leben in riesigen Kolonien. Bild: Michael Van Woert, NOAA NESDIS, ORA

Die Vögel sind schon für sich allein mit einer guten Kälteresistenz ausgestattet: Eine Fettschicht von zwei bis drei Zentimetern liegt unter drei wasserdichten Schichten von Federn, die über den ganzen Körper verteilt sind. Zwischen diesen Schichten wird Luft eingeschlossen, sobald die Pinguine im Wasser sind, und Luft ist ein toller Isolator.

Was den Pinguinen zusätzlich Wärme verleiht, ist ihre Geselligkeit. Wie die Moschusochsen pflegen auch sie sich zu grossen Kolonien zusammenzufinden und dicht aneinandergedrängt Kälte und Wind zu trotzen. Bis zu einer halben Million Tiere kommen dabei gelegentlich zusammen, die sich in ihren Positionen abwechseln, damit jeder mal in der warmen Mitte stehen kann.

Winzige Rekordtierchen
Den absoluten Rekordhalter in Sachen Kälteresistenz haben Sie vermutlich noch nie gesehen. Denn er ist so klein, dass er von blossem Auge kaum sichtbar ist. Das Bärtierchen hat seinen Namen weniger von seinem Aussehen als von seiner Fortbewegungsart, die an den tapsigen Gang von Bären erinnert. Das weniger als einen Millimeter grosse, achtbeinige Tierchen lebt überall auf der Erde verteilt in Salz- und Süsswasser, aber auch in feuchten Gebieten an Land, wie etwa in Mooskissen.


Ein Bärtierchen unter dem Mikroskop. Bild: Darron Birgenheier/wikimedia.org

Was das Bärtierchen auszeichnet, ist seine extreme Zähigkeit, mit der es schon sein Überleben in der Eiszeit gesichert hat. Stuttgarter Zoologen haben 2009 Tests an Bärtierchen durchgeführt, um ihre Kältetoleranz zu untersuchen. Dabei haben sie herausgefunden, dass die Tiere erst bei -20 Grad Celsius gefrieren und ihnen die Eiskristalle auch dann nicht schaden. Bärtierchen können sich mehrfach vollständig einfrieren und wieder auftauen lassen, ohne dadurch beschädigt zu werden. 

In anderen Tests wurden die Tierchen auf bis zu -272 Grad heruntergekühlt – die tiefste Temperatur, die Menschen künstlich erzeugen können, ein Grad über dem absoluten Nullpunkt. Auch dies hätten sie überlebt. Sie stellen dazu einfach ihren Stoffwechsel nahezu vollständig ein, sind eigentlich tot und erwachen wieder zum Leben. 

Die Bärtierchen sind insofern extrem, als dass sie nicht nur ungeheure Kälte aushalten, sondern mit der gleichen Strategie auch mit grosser Hitze zurechtkommen. Und ein Experiment hat sogar gezeigt, dass die Tierchen zehn Tage im luftleeren Weltraum überlebt haben. Dies sorgte bei Wissenschaftler sogar für die Annahme, dass Bärtierchen ursprünglich ausserirdische Lebewesen sein könnten.

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