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Faszinierende Lebewesen

Im Reich der Pilze

Natur & Umwelt | Donnerstag, 10. Oktober 2019, Meret Signer

Pilze sind keine Pflanzen, sie sind aber auch keine Tiere. Sie bilden ihr eigenes Reich, erfüllen wichtige Funktionen im Ökosystem und können sogar Menschenleben retten. 

Was ist eigentlich ein Pilz? Das ist eine Frage, die man sich wohl eher selten stellt. Selbst Wissenschaftler waren sich bei der Beantwortung dieser Frage lange nicht so sicher. Bis 1969 zählte man die Pilze zu den Pflanzen. Pilze sind jedoch keine Pflanzen und sie sind auch keine Tiere, auch wenn sie Gemeinsamkeiten mit beiden aufweisen. Sie haben in der Gemeinschaft der Lebewesen ihr eigenes Reich. 

Anders als die Pflanzen betreiben Pilze keine Photosynthese. Sie können also nicht das Sonnenlicht nutzen, um daraus Kohlenhydrate herzustellen, die ihnen überlebenswichtige Energie liefern. Pilze sind daher wie alle Tiere darauf angewiesen, ihre Energie über in anderen Lebewesen enthaltene Stoffe aufzunehmen. Anders als die Tiere gehen Pilze nicht auf Nahrungssuche, denn sie sind – wiederum ähnlich den Pflanzen – sesshaft und bleiben an ihrem angestammten Platz, auf dem sie wachsen. 

Um die Energieversorgung zu gewährleisten, müssen Pilze daher zu anderen Mitteln greifen. Wie der Biologe und Pilzforscher Stefan Blaser von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL erklärt, haben sie drei verschiedene Strategien entwickelt, mit denen sie auch wichtige Funktionen im Ökosystem übernehmen. Sie ernähren sich entweder als Parasiten von lebenden Organismen oder von toten, indem sie das organische Material abbauen. 

«Viele Hutpilze im Wald sind Saprophyten. Sie zersetzen die Streu, also Nadeln, Blätter und Blüten», erklärt Blaser. Es gibt auch Pilze, die Holz und Totholz zersetzen. «Sie haben entsprechende Enzyme, mit denen sie das Holz ‹verdauen› können», sagt Blaser. Die dritte Gruppe von Pilzen erhält ihre Energie über Wurzelgemeinschaften mit lebenden Pflanzen.

Im Untergrund gehts weiter
Auf einem Waldspaziergang wird der Hut mit dem Stiel oft für den ganzen Pilz gehalten, genau wie die schwammartig aus einem Baumstamm herauswachsenden Gebilde der Baumpilze. Das ist aber keineswegs der Fall. Die sichtbaren Teile der Pilze sind lediglich die Fruchtkörper. Solche lassen Pilze wachsen, wenn es Zeit wird, sich zu vermehren. Der Fruchtkörper produziert die Sporen, die vom Wind verteilt werden und aus denen neue Pilze wachsen. 

Der weitaus grösste Teil eines Pilzes befindet sich im Untergrund. Hier bildet jeder Pilz ein sogenanntes Myzel aus, ein Geflecht aus langen, fadenartigen Zellen, den Hyphen. Aus ihnen besteht der ganze Pilz, auch der Fruchtkörper. Eine weitere Besonderheit der Pilze: «Das Wachstum der Zellen in Form langer Fäden unterscheidet sie sowohl von Pflanzen, als auch von Tieren», sagt Blaser. 

Myzele können sehr gross und sehr alt werden. Bekannt ist ein Dunkler Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon, der über 2000 Jahre alt sein soll. «Diesen Riesenpilz gibt es auch in der Schweiz», sagt Blaser, der an der WSL im Datenzentrum SwissFungi daran arbeitet, die Verbreitung, Ökologie und Gefährdung aller einheimischen Pilzarten zu erfassen. Da sich ein Dunkler Hallimasch während sehr langer Zeit über eine grosse Fläche ausbreitet, sei es möglich, aufgrund des jährlichen Wachstums sein Alter zu schätzen. Im Schweizer Nationalpark in der Nähe des Ofenpasses gibt es demnach ein Exemplar, das eine Fläche von 35 Hektaren einnimmt und über 1000 Jahre alt ist. Bei anderen Pilzarten gebe es keine Möglichkeit, das Alter zu schätzen, sagt Blaser. «Doch theoretisch können auch diese sehr alt werden.»

Der Dunkle Hallimasch befällt auch Bäume und bringt sie zum Absterben. So trug er im Nationalpark zu einem grösseren Bergföhrensterben bei. Sowieso müssen Pilze sich zu behaupten wissen. «Sie stehen als Mikroorganismen mit unzähligen anderen Arten in Nahrungskonkurrenz», erklärt Blaser. «Das heisst, wenn sie sich durchsetzen wollen, müssen sie chemische Kampfstoffe einsetzen.» 

Natürliche Chemiefabriken 
Zu den Konkurrenten gehören nicht nur andere Pilze, sondern auch Kleinstlebewesen und Bakterien. Deshalb stellen viele Pilze Stoffe mit antibakterieller Wirkung her. Das berühmteste Beispiel ist wohl Penicillin G. Es wurde 1928 entdeckt und ist eins der ältesten bekannten Antibiotika, das noch heute in Verwendung ist und schon Hunderttausende von Leben gerettet hat. Hergestellt wird es vom Pinselschimmelpilz Penicillium chrysogenum. Doch auch heute noch suchen Forscher in Pilzen nach immer neuen Stoffen, die als Medikamente relevant sein könnten, und halten das Potenzial für noch längst nicht ausgeschöpft. 

Und nicht nur als Medikamente sind Pilze für Menschen interessant. Ihre halluzinogene Wirkung ist in vielen Kulturen seit Jahrhunderten bekannt. Verursacher der psychedelischen Erfahrung sind die Stoffe Psilocybin und Psilocin, auch sie ein Produkt aus der Chemiefabrik der Pilze. In unseren Breitengraden sind sie im Spitzkegeligen Kahlkopf enthalten, der gerne in der Nähe von Kuhfladen wächst und im Spätsommer öfters von Pilzlern gepflückt wird, deren Absichten nicht kulinarischer Natur sind.

Der Spitzkegelige Kahlkopf hat wie die meisten Pilze ein sehr grosses Verbreitungsgebiet, das sich über ganz Europa erstreckt. Das liege daran, dass die vom Wind verbreiteten Sporen sehr grosse Distanzen zurücklegen können, erklärt Stefan Blaser. Deshalb seien endemische Arten mit begrenztem Vorkommen extrem selten.

Karminschwärzling
Der Karminschwärzling ist eine Schweizer Besonderheit
  Bild: Markus Wilhelm

 

Ein Schweizer Endemit
Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen: «Eine wunderschöne Art, deren Verbeitungsschwerpunkt in der Schweiz zu liegen scheint, ist der Karminschwärzling.» Dieser Pilz mit hellgrauem Hut und gelben Lamellen wächst in Auenwäldern entlang der Aare, Emme, Reuss und Thur. Sein Schutz und seine Förderung haben in der Schweiz höchste Priorität. Auf der Roten Liste wird er als «gefährdet» eingestuft. 

Und er ist nicht der Einzige, der bedroht ist. In einer Evaluation von 2007 wurden 2965 einheimische Grosspilzarten untersucht. 32 Prozent von ihnen landeten als gefährdete Arten auf der Roten Liste. «Wie alle anderen Artengruppen haben auch die Pilze mit den grossen menschgemachten Veränderungen zu kämpfen», sagt Blaser. «Am schlechtesten geht es sicher den Pilzen auf Magerwiesen und -weiden, da diese Lebensräume selten sind und weiter abnehmen.»

Dabei beherbergen solche sogenannten Saftlingswiesen eine reiche Pilzvielfalt. Die Pilze im Wald dagegen haben es zurzeit noch am wenigsten schwer, auch weil es mehr Totholz und Naturreservate gebe. «Noch immer wäre aber im durchschnittlichen Schweizer Wirtschaftswald viel Mut notwendig, mehr Totholz liegen zu lassen und auch regelmässig einen Baum im Wald alt werden und sterben zu lassen.»

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