Magazin
› Zurück

Nutztiere

Ausbrechen? Kein Problem

Nutztiere | Donnerstag, 19. September 2019 08:00, Daniela Poschmann

Pferde sind nicht nur intelligent, sondern auch äusserst geschickt. Einige von ihnen erweisen sich als wahre Meisterknacker, wenn es darum geht, Stalltüren, Riegel oder Schlösser zu öffnen. 

 

 

Flora ist ein richtiges Talent, was Aus- und Einbrüche angeht. «Sie ist einmal in eine ehemalige Brennerei eingebrochen, hat Alkohol gefunden und ist dann betrunken bei einer Freundin im Garten eingedrungen und in den Fischteich gefallen», erzählt Jessica Birk aus dem deutschen Lindau am Bodensee. Das Besondere daran ist, dass es sich bei Flora um ihr 29-jähriges Pferd handelt. Und auch wenn diese Geschichte Birk zum Schmunzeln bringt, hat sie ihr Vierbeiner schon ein ums andere Mal um den Schlaf gebracht.

Das Video eines Pferdes, das Türen und Schlösser öffnet, sehen Sie hier.  

 

Obwohl die massiven Stall- und Sattelkammertüren mehrfach verriegelt sind, sogar mit Schlüssel, schafft es Flora immer wieder sie zu öffnen. Auch der darauffolgende Stromzaun ist kein Hindernis. Da schlüpft sie einfach unten durch. Und wenn sie mal keinen Ausflug macht, verhilft ihr diese Begabung zu feinem Müsli. «Alle fünf bis sechs Monate darf ich die Sattelkammer neu machen, da sie alles zerlegt und zwischen Sätteln, Kutschengeschirr und Trensen das Müsli leer mampft», erzählt Birk.

Dass Floras Talent etwas Besonderes ist, legt auch die Aussage von Andreas Kurtz von der Ethologieschule in Steg im Tösstal ZH nahe: «Was Pferde gut können, sind Stangen verschieben an Weideeingängen oder Ähnlichem. Schlösser sind meist komplex, und es ist eher Zufall, wenn Pferde diese öffnen.» Kurtz weiss, wovon er spricht. Schliesslich entwirft der Verhaltensforscher seit Jahren Pferdeställe.

Viele Schlossknacker
Auch laut einer aktuellen Studie gehört Flora zu einer Minderheit. Eine internationale Befragung von der süddeutschen Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, der St. Andrews University in Schottland und der Ludwig-Maximilian-Universität München hat ergeben, dass nur zwei von knapp 520 Pferden dazu in der Lage sind, Schlüssel an Türen und Vorhängeschlössern zu drehen. Andere kompliziertere Mechanismen wie Karabinerhaken und Türen mit Drehverschlüssen werden von rund 40 Pferden geknackt. Für solch komplexe Schlösser müssen die Pferde bis zu zehn Aktionen in der richtigen Reihenfolge durchführen! Experten wie Kurtz überrascht das nicht: «Dass Pferde kognitive Fähigkeiten haben, weiss man schon lange.» 

Dennoch: Durch die Befragung der Pferdehalter und die Analyse von 77 YouTube-Videos fanden die Wissenschaftler überraschend viele Schlossknacker: Insgesamt haben fast 520 Pferde gelernt, einfache Koppeltore oder Stalltüren aufzumachen, 50 davon öffnen auch Schiebetüren. «Die meisten Pferde öffneten Tore mit einfachen Angeln, mit quergelegten Balken oder Griffen – Mechanismen, die durch wenige Kopfbewegungen in eine Richtung geöffnet werden konnte», berichten sie. 

Während die meisten Pferde laut Studienautorin Konstanze Krüger nur eine bestimmte Tür oder ein spezielles Gatter im Griff haben, gibt es auch welche, die den gleichen Schliessmechanismus an verschiedenen Orten betätigen oder mehrere verschiedene Verriegelungen nacheinander lösen. Letztere beeindruckte sie besonders. «Bei einigen Tieren kann man sagen, sie haben das generelle Prinzip verschlossener Tore verstanden.» 

Keine artgerechte Haltung
Wie die Pferde das gelernt haben, kann auch die Studie nicht eindeutig beantworten. Entweder hätten sie sich alles durch Versuch und Irrtum selbst beigebracht oder es sich beim Menschen abgeschaut, heisst es. «Wenn das der Fall war, dann müssen die Pferde sehr innovativ gewesen sein», sagt Krüger. Schliesslich nutzt der Mensch dafür Körperteile, die das Pferd nicht hat. Es muss diese mit der Hand ausgeführten Techniken in seinen mit Kopf und Maul machbaren Ablauf übersetzen. Eine enorme Transferleistung.

Bleibt die Frage, wozu die Tiere den enormen Aufwand betreiben. Die Intention dahinter ist laut der Untersuchung meist dieselbe: Flucht. Einige Tiere wollen sich aber auch Zutritt zu Stallkumpanen oder Futter verschaffen oder sind neugierig und verspielt. 

Andreas Kurtz glaubt nicht an ein Fluchtverhalten. Schliesslich haben Hauspferde keine Feinde. Seiner Meinung nach wollen die Ausreisser zu Artgenossen oder Futterquellen erschliessen. Eine nicht artgerechte Haltung sei die Ursache. So steht es für ihn ausser Frage, dass sich Pferde in Gruppen eher für ihre Sozialpartner statt für Türen interessieren. «Wo es Türen gibt, ist die Haltung mangelhaft. Pferden sollten selber wählen können, wo sie sich aufhalten, ob drinnen oder draussen», sagt er und fügt an: Wenn Pferde  23 Stunden unterfordert seien, weil man sie mit einer schlechten Haltung überfordere, dann löse das einiges in den Köpfen dieser Tiere aus.

In Floras Kopf geht definitiv einiges vor, und das, obwohl sie nicht allein, sondern zu dritt im Stall steht. Selbst als ihre Halterin genug hatte und von aussen Riegel anbrachte, war die Stute nicht zu bremsen. Ein Stöckchen ins Maul, ein wenig Geduld und schon hatte sie Freigang. «Ein Splint war die nächste Idee», sagt Jessica Birk. Doch auch das brachte keinen Erfolg. Den hat sie einfach rausgedrückt.

 

 

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen