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Garten

Ein inspirierender Künstlergarten

Unterhaltung | Mittwoch, 8. August 2018, Helen Weiss

Ursula und Gerhard Zwahlen haben mit viel Liebe und Einsatz einer alten Sägerei in Hauptwil neues Leben eingehaucht. Dank einer tollen Pflanzenvielfalt und grosszügigen Kunstobjekten ist aus dem Garten ein wahres Paradies entstanden. 

Der schattige Sitzplatz unter der Trauerweide ist wie geschaffen für eine kleine Pause von der sommerlichen Hitze. Ursula Zwahlen schenkt kalten Pfefferminztee in geschliffene Gläser und während man sich in die weichen Kissen der Sitzbank lehnt, kann man dem Gurgeln des Baches lauschen. In der Nachmittagsstille trudelt ab und an ein langes, schmales Blatt der Trauerweide auf den Tisch. 

Mit Blick auf die Fassade des alten Riegelhauses, die malerisch von einer weissen Kletterrose eingerahmt wird, kann man sich kaum vorstellen, wie rege es hier früher zu und her gegangen ist. «Die alte Sägerei war im 15. Jahrhundert der Treffpunkt des ganzen Dorfs», erzählt Zwahlen. Als sie gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard das Gebäude am Rand von Hauptwil TG vor 17 Jahren entdeckte, waren die guten Tage längst Vergangenheit. «Das Haus war eine richtige Lotterbude», erinnert sich Zwahlen. 

Trotz allem verliebte sich das Paar in den Charme des alten Gebäudes und erweckte es nach und nach wieder zum Leben – heute dient es als Wohnhaus und beherbergt das Künstleratelier Allesmacherei. «Einen Grossteil der Renovierung haben wir als Familie selbst gestemmt», sagt Zwahlen. Wo früher die Gemäuer unter dem Stampfen der riesigen Sägewerke erzitterten und das Mühlrad ächzte, wird auch heute wieder mit schweren Maschinen gearbeitet und ist metallisches Hämmern zu hören. 

In der Scheune erschafft Gerhard Zwahlen seine grossen, eleganten Skulpturen: Der Künstler verwandelt Metall in ausdrucksstarke Kunstwerke, die er rund ums Haus in Szene setzt. Ursula Zwahlens Kreationen, die im Atelier oberhalb der Werkstatt entstehen, sind hingegen das genaue Gegenteil – zumindest was Dimension und Material anbelangt. Als Filzerin erschafft sie Taschen, Hüte und Schals geziert mit filigranen Blüten und Pflanzen, die so naturgetreu sind, dass man sie auf den ersten Blick für echt hält.

Gemüse aus dem Spiralbeet
Doch nicht nur das Haus und die dazugehörige Scheune erlebten eine Renaissance. Auch die Wildnis rund um die alte Sägerei wurde gezähmt, ohne jedoch die natürliche Ausstrahlung des Geländes zu zerstören. Wie es für eine Sägerei zu der damaligen Zeit typisch war, steht das Haus des Künstlerpaars eingebettet in einen Hang. Oberhalb des Hauses liegt der Mühlenteich, mit dessen abgelassenem Wasser früher das Mühlrad und damit auch das Sägewerk angetrieben wurde. «Diese Gegebenheit machte das Anlegen des Gartens komplex», findet Zwahlen. «Wir mussten den Bereich unterhalb des Mühleteichs terrassenförmig anlegen.»

Das Paar hat diese Herausforderung geschickt gelöst: An der Rückseite des Hauses wird der Garten durch verschiedene Ebenen gegliedert. Halbrundförmig gestaltet, bricht die Terrassierung die Strenge der Kanten und bringt einen zusätzlichen Schwung in die Stufung. Auf der untersten Ebene neben der Trauerweide präsentiert sich ein gemeinsames Werk des Künstlerpaars: der Tourist mit einem Koffer voller Küsse. Die filigrane Skulptur Gerhard Zwahlens wird von Ursulas Filzkreationen geschmückt. Die Gestalt präsentiert sich im Halbrund der terrassierten Beete wie in einem römischen Amphitheater: Akelei (Aquilegia-Hybriden), Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) und Rosen nicken ihr wie stille Zuschauer aus den oberen Rängen anerkennend zu.

Die unterschiedlichen Niveaus sind ansprechend gestaltet: Den mittleren Bereich erreicht man über eine Natursteintreppe. Hier entdeckt man ein geschwungenes Hochbeet in Spiralform. In der Mitte erhebt sich eine schlanke Figur: Die Kreation aus der Werkstatt von Gerhard Zwahlen scheint mit ihren Händen den Himmel berühren zu wollen. Darunter gedeihen Krautstiel, Erbsen, Kefen, Bohnen, Peperoni und Knoblauch. Etwas oberhalb reifen Tomaten und rot glänzende Johannisbeeren, die mit den leuchtend orangen Blüten der Kapuzinerkresse wetteifern. «Ich lasse mein Gemüse immer wieder versamen, weshalb die Mischung in den Beeten ziemlich wild ausfällt», sagt Zwahlen schmunzelnd. 

Kontrastreiche Gestaltung
Die oberste Stufe wird fast gänzlich vom Mühlenteich eingenommen, der von einer sattgrünen Waldkulisse umrahmt wird. Auch hier schmückt ein Kunstwerk das stille Wasser. Die Ufer sind mit einer natürlich wirkenden Bepflanzung aus filigranem Wiesen-Kerbel (Anthriscus sylvestris), Pfingstrosen (Paeonia), Gräsern und Schilf überwachsen. Auf einem schmalen Trampelpfad gehts entlang des Ufers vorbei am Hühnerstall hinein in den lichten Wald, wo die vier Pfauenziegen mit ihren sechs Jungen ihr Domizil haben. «Wir züchten die alte Schweizer Rasse im Rahmen des ProSpecieRara-Programms», erzählt Zwahlen.

Den Mist der Ziegen und Hühner nutzt die Hobby-Gärtnerin als natürlichen Dünger für ihre Gemüse- und Blumenbeete. Der 50-Jährigen ist eine biologische Bewirtschaftung des Gartens wichtig. «Ich versuche eine möglichst grosse Biodiversität zu schaffen und freue mich über jede Prachtlibelle, Ringelnatter, Blindschleiche und jeden Frosch und Schmetterling in meinem Garten», sagt Zwahlen. Die Zürcherin liebt es, während der Gartenarbeit die Tiere und Pflanzen zu beobachten. «Als ich hier angekommen bin, hatte ich keine Ahnung vom Gärtnern», gesteht sie. Die Natur sei jedoch eine gute Lehrmeisterin und sie habe einfach nur zuhören müssen. «Es ist mir deshalb ein Anliegen, in meinem Garten Lebensräume zu schaffen und sorgfältig mit der Natur umzugehen.» 

Obwohl im Garten der alten Sägerei die Blumen und Pflanzen in wilder Vielfalt gedeihen, braucht es laut Zwahlen auch Struktur und Formgebung. Deshalb findet sich in allem Wilden auch immer wieder das Akkurate: Der Kontrast zwischen weichen Linien und harten Kantenführungen zieht sich durch die ganze Gartengestaltung. Die unterschiedlichen Einflüsse des Künstlerpaars werden darin deutlich – wie im künstlerischen Ausdruck der beiden, wo sich der Gegensatz in den verspielten Filzkreationen und den geraden, kühlen Linien der Metallarbeiten findet.

Den 25 Are grossen Garten bewirtschaftet das Paar gemeinsam: «Das Gelände ist jedoch so gross, dass wir nie alles schaffen», sagt Zwahlen. «Wir lassen es deshalb an gewissen Stellen auch einfach wuchern.» Es sei jeweils spannend zu beobachten, was die Natur Neues erschaffe. «Sie ist eindeutig die grösste Künstlerin.»

Ursula und Gerhard Zwahlen bieten Park-führungen mit Apéro im Skulpturengarten an. www.allesmacherei.ch

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