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Mietzen spielen verrückt

Katzendroge Baldrian

Haustiere | Dienstag, 8. Mai 2018, Claudia Riedel

Von ekstatischen Glücksgefühlen bis hin zu aggressivem Verhalten: Katzen reagieren unterschiedlich auf Baldrian. Worauf man beim Einsatz achten soll und was Alternativen sind. 

Ein bis zweimal die Woche herrscht im Katzenhaus Schaffhausen Ausnahmezustand. Wenn Linda Strack nach dem Putzen die Spielsachen auslegt, gibts kein Halten mehr. Bis zu 20 Katzen stürzen sich drauf, lecken sie ab, reiben sich dran oder rollen damit wohlig schnurrend über den Fussboden. Der Grund: Die stellvertretende Leiterin des Katzenhauses hat die Plüschtiere, Bälle und Kissen zuvor mit Baldrian beträufelt. «Ein bis zwei Tropfen pro Spielzeug reichen», sagt Strack. Damit liessen sich selbst die schüchternsten Katzen aus ihren Verstecken locken. «Sie sind dann in ihrer ganz eigenen Welt und man kann ihnen wunderbar beim Spielen zusehen.» Denn während Baldrian die Menschen beruhigt, bewirkt es bei Katzen das Gegenteil – es regt sie an. Allerdings hält der Zustand nicht lange an. «Nach zehn Minuten lässt das Interesse nach, die Katzen lassen von den Spielsachen ab.»

Strack verwendet für ihre Schützlinge herkömmliche Baldrian-Tropfen aus der Apotheke. Zwischendurch legt sie getrocknete Baldrianwurzel aus und auch eine frische Baldrianpflanze hat sie schon ins Aussengehege gestellt. «Die Katzen knabbern jeweils daran.» 

Auch Grosskatzen reagieren
Im Katzenhaus kommt Baldrian hauptsächlich zur Beschäftigung der Tiere zum Einsatz oder um Ferienkatzen die Angst vor der neuen Umgebung zu nehmen. Privat lassen sich die Samtpfoten damit auch weg vom Ledersofa, hin zum Kratzbaum locken. Oder man kann ihnen die Zeit in der Transportbox angenehmer machen. Baldrian wirkt aber nicht nur auf die meisten Stubentiger, auch Grosskatzen wie Leoparden, Tiger oder Luchse reagieren darauf. Im Zoo Zürich kommt er – neben vielen anderen Duftnoten – zur Anwendung, um für die Katzen neue Reize zu schaffen und ihren Lebensraum zu erweitern.

Warum Baldrian auf Katzen wirkt, ist nicht abschliessend geklärt. Einer der Gründe könnte die enthaltene Valeriansäure sein, deren Duft an den Sexuallockstoff von rolligen Katzen erinnert. Auch Actinidin, das in den ätherischen Ölen des Baldrians enthalten ist, kann Katzen stimulieren. 

Doch nicht alle Katzen lassen sich vom Duft betören. Experten gehen davon aus, dass 60 bis 70 Prozent der Katzen auf Baldrian reagieren. Junge Katzen lässt die Pflanze häufig kalt. Wegen des nachlassenden Geruchssinns kann es auch sein, dass alte Katzen nicht mehr darauf ansprechen. Andere Katzen wiederum reagieren zeitlebens nicht auf die Heilpflanze. 

Konkurrenz durch Pheromone
Tierarzt und Phytotherapeut Thomas Demarmels aus Dietlikon ZH bezeichnet Baldrian darum auch eher als «unzuverlässig». «Es ist nicht genau erforscht, auf welche Gehirnregion der Katze das Kraut wirkt.» Vermutet werde der Hypothalamus. Dieser regelt unter anderem die Körpertemperatur oder den Appetit und produziert Hormone. Zudem könne Baldrian ganz unterschiedlich auf Katzen wirken. «Die Reaktionen reichen von hohen Glücksgefühlen über eine unangenehme Aufregung bis hin zu Aggressivität.» 

Darum verwendet Demarmels in seiner Praxis kaum noch Baldrian. «Die Pflanze ist ein Mittel aus Grossmutters Zeiten.» Inzwischen gebe es wesentlich erfolgreichere Produkte, beispielsweise mit künstlich hergestellten Gesichtspheromonen (Feliway oder Felifriend). Pheromone sind Botenstoffe, mit denen Katzen untereinander kommunizieren. Gesichtspheromone sind auch als Wohlfühl-Pheromone bekannt. Die Katzen sondern sie ab, wenn sie sich sicher fühlen und vermitteln so ihr Vertrauen.  Ein weiterer Vorteil der Pheromone: Man riecht sie nicht. Im Gegensatz zu Baldrian, dessen Geruch die meisten Menschen als eher unangenehm empfinden. 

Wer lieber auf die pflanzliche Variante setzt, soll seine Katze beim ersten Mal gut beobachten. Reagiert sie positiv, hat auch der Tierarzt nichts gegen Baldrian einzuwenden. Er rät lediglich dazu, das präparierte Spielzeug regelmässig auf Schäden zu kontrollieren. «Beim wilden Spiel kann Füllwatte austreten. Die Katze kann sich daran verschlucken.» Im schlimmsten Fall droht ein Darmverschluss. Auch sollten die Tiere dem Duft nicht andauernd ausgesetzt sein. «Ein- bis zweimal die Woche reichen.» Die Tropfen sollten daher nicht direkt auf Kratzbäume oder in Transportboxen gegeben werden. Besser ist es, ein Plüschtierchen damit zu beträufeln und an den Wohlfühlort zu legen. Sobald die Katze ihr Interesse daran verliert, kann man es wieder entfernen. Spielt sie mal etwas länger damit, ist das kein Grund zur Sorge. Denn obwohl als Katzendroge verschrien – süchtig macht Baldrian Katzen nicht. 

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