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Tierschutz in der Türkei

Eine gute Seele für vergessene Seelen

1 Kommentare Haustiere | Dienstag, 6. März 2018, Regina Röttgen

Blinde Katzen, verstörte Hunde, geschundene Pferde: Eine junge St. Gallerin hat in der Südtürkei nicht nur ein Zuhause gefunden, sondern auch eine Lebensaufgabe. Sie führt eine Auffangstation für Strassentiere. 

Zwei Stunden dauert die allabendliche Runde von Nadine Burk. Zwei Stunden, in denen sie in 14 strahlende Augenpaare blickt, 28 Tiere glücklich macht – indem sie sie füttert, liebkost, ihnen ausmistet oder Medikamente verabreicht. Die 32-jährige St. Gallerin lebt auf einem Reithof in Manavgat an der Südküste der Türkei und ist Mitbegründerin des Tierschutzvereins Limon, der sich für das Wohl von herrenlosen oder vernachlässigten Tieren einsetzt. 

Burks Hof ist gleichzeitig die Auffangstation des Vereins. Um die «Gäste» kümmert sie sich aber auf dem zweiten Teil ihrer Runde, zuerst sind ihre eigenen Tiere, fünf Katzen und vier Hunde, und der junge Pflegehund Raja an der Reihe. Es sind entweder Tiere von der Strasse oder aus dem örtlichen Tierheim. Manche tragen noch heute seelische Narben mit sich herum. Zum Beispiel Raja. Als sie die Junghündin aus dem Tierheim geholt habe, sei sie völlig verstört gewesen, sagt Burk. Mittlerweile gehe Raja zwar fröhlich mit anderen Hunden um. «Von Menschen mag sie aber noch nicht angefasst werden.» 

Burks Stimme klingt zuversichtlich, wenn sie das sagt, dabei hat die junge Frau schon viel Tierleid gesehen. Bereits als 15-Jährige, in ihren ersten Ferien in der Türkei, fütterte sie Katzen und Hunde auf der Strasse. Als sie ihr Herz an eine Urlaubsliebe verlor, begann sie zwischen der Schweiz und der Türkei zu pendeln. Nach abgeschlossener Ausbildung zur Bürokauffrau fand sie in einem Touristikunternehmen eine Anstellung und zog ganz in die Türkei. «Plötzlich hatte ich zehn Katzen vor der Tür, die jeden Tag zum Fressen kamen», erinnert sie sich an ihre Anfangszeiten als Tierschützerin.

Eine Hündin an der Kette 
Wie alle Beschäftigten in der türkischen Tourismusbranche hat sie im Winter keine Arbeit. Viel Zeit, um sich um die «vergessenen Seelen der Strasse» zu kümmern, wie Burk die Tiere liebevoll nennt. In der Schweiz, in der sie jeweils den Dezember verbringt, wird sie oft gefragt, warum sie gerade den Tieren in der Türkei helfe. Ihre Antwort: «Ich lebe dort und als tierliebender Mensch kommt man in der Türkei kaum drum herum, etwas zu tun.» 

Nägel mit Köpfen machte Burk schliesslich wegen der Hündin Limon – der späteren Namenspatin des Tierschutzvereins. Der Anblick der Promenadenmischung ihres Nachbarn brach Burk damals das Herz, wie sie sagt. «Limon war nur an der Kette.» Mehrmals täglich ging Burk mit Limon spazieren. Sie überredete den Nachbarn, die Hündin zumindest nachts freizulassen. «Man glaubt hier, das sei für Mensch und Hund weniger gefährlich.» Als sie vorschlug, Limon zu kastrieren, stiess sie jedoch auf taube Ohren. «Viele Türken verstehen eine Kastration als Eingriff in die Natur und den Willen Gottes.» Es kam, wie es kommen musste: Limon warf neun Welpen. Manche wurden mitgenommen oder verschwanden, andere wurden überfahren. Am Ende waren es nur noch zwei.

Zur gleichen Zeit hatte sich das türkische Tierschutzgesetz geändert: «Einfangen, Kastrieren, Aussetzen» war das löbliche Ziel, das aber nicht immer so umgesetzt wurde. Mit Einsatzwagen und Betäubungspistolen zogen die städtischen Tierfänger durch die Strassen. Auch an dem Abend, als Burk gerade Strassenhunde fütterte. «Ich habe noch probiert, alle Hunde in den Garten zu packen», erinnert sie sich an ihre verzweifelten Versuche, die Tiere vor dem Zugriff der Beamten zu retten. Vergeblich: Limon und einer der Welpen wurden eingefangen.

Am nächsten Morgen fuhr Burk ins örtliche Tierheim. Dort beschied man ihr, die beiden Hunde seien noch auf dem Weg vermittelt worden. Burk bezweifelt das noch heute. Sie nimmt an, dass die Hunde in einem Wald ausgesetzt wurden – gängige Praxis in der Türkei. Das entsetzliche Bild, das sich ihr im Tierheim bot, liess sie nicht mehr los: «Zwei eingezäunte Gehege mit Sandboden, ohne richtige Gebäude, Hütten oder Unterschlupf.» Pro Gehege zählte Burk rund hundert Hunde. «Zur Futterzeit gab es Essensreste, dann zerfetzten sich die Tiere fast in der Luft.»

Überfahren und sich selbst überlassen
Wenige Tage später hörte Burk abends das jämmerliche Geschrei eines Hundes – und sie sah, wie jemand etwas in einen Grünstreifen am Strassenrand legte. «Limons zweiter Welpe Milow war angefahren und einfach zur Seite gelegt worden. Beide Vorderbeine waren gebrochen», erzählt sie. Die Operation überstand die Kleine zwar gut, eine spätere Virusinfektion überlebte sie aber nicht. Limon und den anderen Welpen hat Burk bis heute nicht mehr gesehen.

Für Burk stand fest: Ihre Hilfe musste eine andere Form annehmen. Zusammen mit der deutschen Tierschützerin Daniela Wieczorek, die sie in der Türkei kennengelernt hatte, holte sie dank Spenden von Bekannten fast 200 kranke und verletzte Tiere aus dem Tierheim. «Teils war es für Hilfe zu spät und wir konnten die Tiere nur noch einschläfern lassen.» 

Im April 2016 schliesslich gründeten die beiden Frauen gemeinsam mit anderen Tierschützern den Verein Limon. Burk baute eine Pferdebox im Reitstall ihres Freundes für schnurrende «Notfälle» um: Der Verein kümmert sich hauptsächlich um Jungtiere und solche mit Handicap. «Für alle anderen ist die Strasse ein besseres Zuhause als das Tierheim.» Burk pflegt kranke Tiere und kastriert so viele wie finanzierbar, letztes Jahr über 200. «Jedes einzelne Tier ist ein Erfolg, da es verhindert, dass neue hinterherkommen», sagt sie. 33 Handicap-Tiere vermittelte der Verein zudem 2017 ins Ausland.

Blinde Katzen, abgemagerte Pferde
Burk ist zuversichtlich, dass sich auf Dauer etwas ändern wird. «Die Tierliebe unter den Einheimischen hat zugenommen. Viele Hotels haben Katzenhäuser und lassen ihre schnurrenden Gäste kastrieren.» Auch im Tierheim sehe es besser aus. «Es wurde viel gebaut.» Kleine Gruppenzwinger, Trockenfutter und Hundehütten seien heute die Regel. 

Genug zu tun hat sie trotzdem. Die Burksche Auffangstation bietet derzeit neun Samtpfoten – fünf davon sind blind – ein warmes Plätzchen, bis sie ein neues Heim gefunden haben. «Sechs warten auf ihre Ausreise zu ihren neuen Besitzern.» Der Verein kümmert sich um die nötigen Dokumente. «Ein Flugpate darf dann das Tier legal mitnehmen.» Ein Beispiel ist Fluffy. Der graue, blinde Kater reiste kurz vor Weihnachten zu seiner neuen Familie. Ein Schweizer Paar hatte sich im Urlaub in ihn verliebt und ihn adoptiert.

In dem Stall leben nicht nur Katzen, sondern auch diverse Pferde: Burks eigenes, einige Einstellpferde und acht gerettete – für die eine deutsche Tierschutzorganisation die Unterhaltskosten übernimmt. «Es gibt tolle Ställe in der Türkei», sagt Burk, «aber in den Touristenställen sind die Pferde im Winter am Verhungern.» Im Januar hatte sie erneut eine Stute vor dem Hungertod zu retten versucht. «Leider ist sie gestorben.» Gerne würde der Verein mehr tun, sagt Burk, «aber Pferde zu retten, ist auf Dauer eine finanzielle Herausforderung».

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Kommentare (1)

Luis Pereira am 14.03.2018 um 17:01 Uhr
Das ist ein schönes Vorbild!
Wohne in Panama und möchte einen Wildlife-Sanctuary aufbauen,
um Papageien und Faultieren zu helfen, welche illegal erworben - und dann meistens dem Schicksal überlassen werden, weil der Staat sich sehr beschränkt um solche Wildtiere kümmert, obwohl sie von Aussterben bedroht sind. Suche einen Tierfreund als Partner, welcher bereit ist Auszuwandern und auch in das Projekt zu investieren. Habe langjährige Erfahrung in Zentralamerika und ein geeignetes Grundstück. lupeonline24@gmail.com
Der Redaktion vielen Dank

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