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Tierische Redewendungen

Wo bleibt die Schafskälte?

Tierische Redewendungen | Montag, 12. Juni 2017, Niklaus Salzmann

Mitte Juni kommt es angeblich oft zu einem Kälteeinbruch, der Schafskälte genannt wird. Doch können Meteorologen dieses Phänomen bestätigen? Und woher hat die Schafskälte ihren Namen?

Manche Quellen geben präzise den 11. Juni an, andere nennen eine Periode zwischen dem 4. und dem 20. Juni, aber alle sind sich einig: Mitte Juni kommt es zu einem nassen Kälteeinbruch, der Schafskälte. Dieser Bauernregel wird eine hohe Zuverlässigkeit zugeschrieben, teils wird gar eine schwindelerregend hohe Trefferquote von annährend 90 Prozent genannt.

Beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz liegen Daten vor, anhand denen dieser Temperaturrückgang sichtbar sein müsste. Wer die durchschnittlichen Tageshöchstwerte für die Jahre 1901 bis 2007 betrachtet, sieht allerdings keinen Kälteeinbruch. Der Wert für den 11. Juni liegt nur ungefähr ein Grad tiefer als derjenige zwei Tage zuvor. Eine Schafskälte ist das nicht.

Historisches Phänomen
Ist die Bauernregeln folglich ein Ammenmärchen? Nein, so einfach ist es nicht. Denn die findigen Meteorologen des Bundes kamen auf die Idee, separat die erste sowie die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu betrachten. Und siehe da: Von 1901 bis 1950 ist die Temperatur zwischen dem 9. und dem 14. Juni im Schnitt von knapp 17 auf gut 14 Grad gefallen. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist dieser Effekt dagegen nicht mehr sichtbar.

Bei der Schafskälte handelt es sich also um ein historisches Phänomen. Bleibt die Frage, wie es zu seinem Namen kam. Die naheliegende Erklärung: Das unfreundliche Wetter war bei den Bauern unbeliebt, weil es ihren frischgeschorenen Schafen gefährlich werden konnte. Nun werden aber Schafe in der Schweiz traditionell im Frühling geschoren und ihr Fell ist bis im Juni bereits so weit nachgewachsen, dass sie wieder gut gegen Niederschläge und Kälte gefeit sind.

MeteoSchweiz liefert auf seiner Website unter Berufung auf Alexander Dönz, langjähriger Leiter des Amts für Landwirtschaft Graubünden, eine Erklärung, die besser auf Schweizer Verhältnisse passt. Hierzulande findet der Alpaufzug der Schafe meist Mitte Juni statt und ist daher oft auf das nasskalte Wetter gefallen. Doch wie gesagt – die Schafskälte scheint es nicht mehr zu geben. Dieses Jahr dürfte der Alpaufzug jedenfalls heiss und trocken werden.

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