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Felix Finkbeiner

Der Mann für eine Billion Bäume

Unterhaltung | Mittwoch, 26. Juni 2019, Meret Signer

Als Kind begann Felix Finkbeiner damit, Bäume zu pflanzen, und wurde zu einem bekannten Klimaaktivisten. Heute lebt der Deutsche in Zürich, untersucht die Aufforstung in seiner Doktorarbeit und ist mit seiner Mission noch lange nicht fertig.

Felix Finkbeiner war ein Kind mit einer Vision. Als Neunjähriger träumte er davon, dass Kinder in jedem Land der Welt eine Million Bäume pflanzen sollten. Um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, schritt der Viertklässler gleich selber zur Tat. Auf dem Pausenplatz seines Schulhauses setzten er und seine Klassenkameraden 2007 ihren ersten Baum. 

Finkbeiner, heute 21 Jahre alt, sitzt im Pausenraum an der ETH Zürich an einem Tisch, der zuweilen zur Tischtennisplatte umfunktioniert wird. Die Stimmung im Institut für Umweltwissenschaften sei toll, sagt er und wähnt sich wieder zurück in seiner Jugend. Inspiriert hatte Finkbeiner damals die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, über die er für einen Vortrag im Internet recherchiert hatte. Maathais Bewegung hat bis heute in Afrika 30 Millionen Bäume gepflanzt. Und genau so wollte auch der junge Felix Bäume pflanzen – und etwas gegen den Klimawandel tun. 

Mit 21 Jahren bereits Doktorand 
Bei der Aktion waren zwei Lokaljournalisten anwesend. Das Ganze sprach sich herum und andere Schulen wollten ebenfalls mitmachen. Die Schülerinitiative Plant-for-the-Planet war geboren. «Im ersten Jahr pflanzten wir in Deutschland 50'000 Bäume, im dritten Jahr waren es eine Million», sagt Finkbeiner. Heute sind bei Plant-for-the-Planet 75'000 Kinder in 71 Ländern aktiv. Allein auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan wurde 2015 Land in der Grösse von 50'000 Fussballfeldern wieder aufgeforstet. «Im Durchschnitt pflanzen wir dort alle 15 Sekunden einen Baum.» 

Ausserdem läuft bei Plant for the Planet die «One Trillion Tree Campaign», bei der jede Organisation und jede Privatperson, die ebenfalls Bäume pflanzt, diese eintragen kann. Laut dem hier aufrufbaren Baumzähler wurden seit der Lancierung der Kampagne 2007 schon 13,6 Milliarden Bäume gepflanzt. Das Ziel ist aber 1000 Milliarden. Auf Deutsch ist das eine Billion. Und auf Englisch – eben – eine Trillion. 

Felix Finkbeiner spricht über die «Trillion Tree Campaign» (Video: Esri Events):

Wenn Finkbeiner davon erzählt, was seine Bewegung schon alles erreicht hat, wirkt er nicht abgehoben. Er erwähnt seine Lehrerin und seine Eltern, die ihm bei der Vereins- und Stiftungsgründung geholfen haben: «Ohne sie wäre das nicht aus dem Klassenzimmer gekommen.» Man bekommt den Eindruck, dass es für den jungen Mann selbstverständlich ist, sich so für eine Sache einzusetzen. 

Auch dass er mit seinen 21 Jahren schon an der ETH doktoriert, ist für ihn nichts Besonderes. «Ich bin kein Wunderkind», lacht der Deutsche, der im Oktober 2018 für sein Doktorat nach Zürich zügelte. Aufgewachsen ist er in einer 3000-Einwohner-Gemeinde südlich von München. Mit 17 zog es ihn nach London, wo er internationale Beziehungen studierte. 

Zum Bäumepflanzen kommt Finkbeiner selber inzwischen kaum noch. An der ETH beschäftigt er sich aber sehr wohl noch mit Bäumen – aber vom Schreibtisch aus. Anhand mathematischer Modelle untersucht er die Auswirkungen von grossflächigen Aufforstungen auf das Klima. Dabei möchte er zum Beispiel wissen, wie schnell ein Wald wächst und wie viel CO2 er dabei aufnehmen kann.

Aufforsten gegen den Klimawandel 
Aufforstung sieht er zwar nicht als die Lösung der Klimakrise – «aber sie ist ein wichtiger Teil». Wälder seien grundsätzlich wichtige CO2-Senken, die einen Drittel bis einen Viertel der weltweiten CO2-Emissionen wieder aufnehmen können. «Mit Aufforstung allein ist es aber nicht getan», sagt Finkbeiner. Auch Verzicht auf Flugreisen allein bringt seiner Meinung nach nicht viel. 

Er selber reist zwar wenn möglich mit dem Zug, ernährt sich vegetarisch und kompensiert seine Flüge. Doch: «Wir werden die Klimakrise nie damit lösen, indem die Leute freiwillig das Richtige tun. Das tun vielleicht fünf Prozent», sagt er. «Wir müssen die Spielregeln ändern.» Dazu brauche es Druck auf die Politik und neue Gesetze. Über das Klimaproblem spricht Finkbeiner mit viel Überzeugung. Für ihn ist klar: «Wenn wir so weitermachen wie bisher, schaffen wir es nicht mehr.»

Finkbeiner ist schlagfertig, hat auf jede Frage blitzschnell eine passende, eloquente Antwort. Kein Wunder, ist er es doch seit Jahren gewohnt, öffentlich zu reden. Als Kind erreichte er durch Plant-for-the-Planet grosse mediale Aufmerksamkeit und damit natürlich einige Bekanntheit. Er hielt Vorträge und Reden, als 13-Jähriger wandte er sich sogar an die Vereinten Nationen – in fliessendem Englisch, denn Finkbeiner besuchte eine internationale Schule. Im Alter von 20 Jahren erhielt er das deutsche Bundesverdienstkreuz.

Felix Finkbeiners Rede an die Vereinten Nationen – angekündigt von Alt-Bundesrat Joseph Deiss (Video: Plant-for-the-Planet):

Der Rummel um seine Person habe ihn nicht sehr beeinflusst, sagt Finkbeiner. «Mir ist erst viel später klargeworden, wie bekannt ich war.» Heute vergleicht man ihn gerne mit der schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg, die er selber noch nie getroffen hat. Luisa Neubauer dagegen, in Deutschland einer der führenden Köpfe des Klimastreiks, ist eine Freundin. «Im Gegensatz zu Greta und Luisa wurde ich viel weniger angefeindet», erzählt Finkbeiner. «Vielleicht, weil meine zentrale Botschaft das Bäumepflanzen war. Klimaleugner haben damit viel weniger Probleme als mit der klareren Botschaft von Greta.»

1000 Milliarden Bäume pflanzen
Es habe allerdings die eine oder andere Verschwörungstheorie rund um Plant-for-the-Planet die Runde gemacht. Dies vor allem deshalb, weil sein Vater Mitglied beim Club of Rome ist. Um diesen global aktiven Thinktank ranken sich allerlei Mythen und Legenden. So kursierte auf rechten Blogs dann auch das Gerücht, dass Plant-for-the-Planet gar keine Jugendbewegung sei, sondern ein vom Club of Rome geplantes Geschäftsmodell. Das stimmte natürlich nicht: «Eine Non-Profit-Organisation kann kein Geschäftsmodell sein und Plant-for-the-Planet ist eine komplett unabhängige Organisation.» 

Auch heute noch ist Finkbeiner viel für Plant-for-the-Planet unterwegs – oder er besucht seine Familie in München. Doch auch in Zürich gefällt es ihm. Sehr sogar. «Zürich ist eine tolle Stadt», sagt er. Zu Hause ist er hier in einer WG. Gerne betätigt er sich auch sportlich: Mit seiner Forschungsgruppe machte er an der Sola-Stafette mit, dem Zürcher Hochschul-Stafellauf, und wird auch die Seeüberquerung bestreiten.

Seine Vision verliert Finkbeiner bei alldem nicht aus den Augen. Für die Zukunft könnte er sich durchaus vorstellen, in die Politik einzusteigen. «Meine Aufgabe ist es, die Menschheit zu überzeugen, 1000 Milliarden Bäume zu pflanzen. Und damit werde ich mich noch eine ganze Weile beschäftigen.»

www.plant-for-the-planet.org

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