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Installation «Sounding Soil»

Der Boden spricht

Unterhaltung | Montag, 29. Oktober 2018, Matthias Gräub

«Sounding Soil» heisst eine neue Klanginstallation im Zentrum Paul Klee in Bern. Der tönende Boden verrät ganz schön viel über seine Bewohner. 

Es summt aus dem umgebauten Schiffs­container, der wie ein klobiger Findling vor dem geschwungenen Kunstbau des Berner Zentrum Paul Klee im Rasen steht. Der Container macht seine eigene Musik. Besser gesagt: Er spielt das, was auf ihm wächst. «Auf dem Dach des Containers ist ein kleiner Garten angelegt», erklärt der Klangkünstler Marcus Maeder von der Zürcher Hochschule der Künste, der für die Installation verantwortlich ist. «In dem Boden stecken Sensoren, die Feuchtigkeit und Temperatur messen und so die Musik steuern.» Das heisst: Je wärmer und trockener es ist, desto höhere Töne gibt der Container von sich. 

Geräusche einer Extensivwiese in Gais AR:

Das Live-Bodenprogramm ist keine sonderlich aufregende Sinfonie. Die Tonhöhen verändern sich unmerklich langsam. «Das ist nicht wie ein Popsong», weiss auch der Künstler. Aber darum geht es ihm auch nicht. «Die Musik soll die Pufferfunktion zeigen, die der Boden innehat.» Seine Fähigkeit, Wärme, Kälte, Feuchtigkeit aufzunehmen und allmählich wieder abzugeben, um den Lebewesen, die ihm innewohnen das Dasein zu ermöglichen.

Geschwätzige Ameisen
Diesen Bodenlebewesen ist Maeder nämlich auch auf die Spur gegangen. Er hat Mikrofone in rund zwanzig Böden in der ganzen Schweiz gesteckt – und gelauscht, was sie dabei aufnehmen. «Ich habe schon vorher ein Projekt mit Pflanzengeräuschen gemacht», erzählt er, «dafür haben wir Sensoren entwickelt. Einen davon habe ich dann aus Neugier mal in den Boden gesteckt und habe gestaunt, wie vielfältig die Geräusche im Boden sind, wie viele Tiere man darin hört.»

Im schwarz ausgekleideten Container zeigt ein Bildschirm die Umrisse einer Schweizer Karte mit weissen Punkten. Einen für jede Bodenaufnahme. Maeder tippt auf denjenigen im Wallis, seine erste –und bis heute liebste – Aufnahme. «Das war oberhalb von Sitten auf einer Alp.» Es grummelt. Knirscht.  Rumpelt. Und dann ertönt der Vibrationston eines Handys – meint man. «Ich nehme an, das sind Heuschrecken, die auf dem Boden sitzen und mit den Beinen vibrieren, um zu kommunizieren.»

So klingt die Walliser Alpweide:

Maeder tippt auf einen anderen Punkt, irgendwo im Aargau. Irgendetwas keckert, wie eine Elster. «Das sind Ameisen, die miteinander schwätzen», sagt der Künstler. Dann ein Geräusch mitten aus Zürich, von der Dachterrasse seiner Hochschule. Auch hier ist erstaunlich viel los. Im Zuckerrübenfeld hingegen ist fast nichts zu hören. 

Das sei Dünger und Bodenverdichtung geschuldet, sagt Maeder. Die Tondokumente hätten grosse Unterschiede zwischen intensiv und extensiv bewirtschafteten Böden offenbart. Bioböden sind also gut für die Artenvielfalt. Dieser Gedanke ist nicht neu – aber nun ist er erstmals hörbar.

Auch in der Wiese rund um das Zentrum Paul Kee kreucht es und fleucht es – trotz Verkehrslärm:

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