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Die Macher von «Isle of Dogs»

Sie hauchen animierten Hunden Leben ein

Unterhaltung | Donnerstag, 20. September 2018 08:00, Leo Niessner

Sie haben die Hunde in «Isle of Dogs» zum Leben erweckt: die Animatoren Kim Keukeleire und Roy Bell. Die «Tierwelt» traf die beiden am Fantoche-Animationsfilmfestival in Baden.   

Einen Hund dazu animieren, etwas zu tun (oder eben nicht), wird in jeder Hundeschule gelehrt. Hunde in Form von Puppen und Zeichnungen für die Kinoleinwand zu animieren hingegen ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen: etwa Kim Keukeleire und Roy Bell. Am Animationsfilmfestival Fantoche in Baden waren sie die Stargäste am ausverkauften «Making Of» des Blockbusters «Isle Of Dogs».

Wes Andersons «Isle of Dogs» erzählt vom zwölfjährigen Atari Kobayashi, der sich  nach Trash Island begibt. In der dortigen Exilkolonie für Hunde sucht er nach seinem eigenen Vierbeiner Spots. Kann man eine solche Geschichte erzählen und vor allem umsetzen, ohne selber einen Hund zu besitzen?
Kim Keukeleire (KK): Das ist durchaus möglich. Weil ich dauernd unterwegs bin, kann ich keinen Hund halten. Dennoch es ist wichtig, die Nähe zu den Tieren zu suchen und sie zu beobachten.
Roy Bell (RB): Ich hatte schon immer einen Bezug zu Tieren, als Leiter eines Reitstalls in Schottland. Wo Pferde leben, sind in der Regel auch Hunde nicht weit weg. Die beiden passen perfekt zusammen. Daher mochte ich Hunde schon immer gerne und wusste viel über sie. Bei meiner Arbeit am Filmset hat mir das enorm geholfen.

In welcher Hinsicht?
RB: Von den letzten 27 Monaten, in denen ich mit meinem Team an «Isle Of Dogs» arbeitete, habe ich rund vier damit verbracht, Hunde in allen Formen und Arten für den Prolog zu malen. Dafür war es wichtig, die Statur und den Körper verschiedener Hunde genau zu studieren. Diese Erkenntnisse sind in die 2D-Malereien eingeflossen.


 

Roy Bell und Kim Keukeleire. (Fotos: Leo Niessner)

Wie wichtig ist das Wissen über die verschiedenen Hunderassen, um einen solchen Film realisieren zu können?
KK: Die Beobachtung der Physiognomie, des Erscheinungsbildes, ist zentral. Bevor ich begann, den Hundepuppen leben einzuhauchen, merkte ich, dass sich ein dicker grosser Hund anders bewegt als ein dünner kleiner. Spannend war auch die Erkenntnis, dass jeder Hund einen eigenen Charakter und eine eigene Persönlichkeit besitzt – auch im Umgang mit Menschen. Hunde, die schnell sprechen haben wir daher in Bezug auf Form und Aussehen anders dargestellt als solche, die sich langsam ausdrücken.
RB: Natürlich haben wir die Hunde für den Film ein Stück weit vermenschlicht. Auf der Leinwand können sie glücklich sein oder erschrocken – was in der Realität natürlich auch vorkommen kann. Doch wir haben etwas übertrieben.

Wie machten Sie Ihre Beobachtungen?
KK: Ich sah mir viele Videos an, die zeigten, wie sich ein Hund verhält, wenn er glücklich ist oder sich nicht wohl fühlt. Diese Szenen stellten wir mit unseren Puppen nach und schickten sie eine nach der anderen an Regisseur Wes Anderson. Er hat uns dann in Video-Konferenzen jeweils im Detail gezeigt, was er geändert haben wollte. Er spielte uns vor, wie die Hunde seiner Meinung nach zu reagieren hatten. Wenn man mit Wes arbeitet, muss man immer etwas Neues erfinden. Man pendelt mit ihm konstant zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Hatten Sie auch echte Hunde am Set?
RB: Das rund 50-köpfige Team im «Puppen-Department», in dem Kim arbeitete, hatte tatsächlich welche. Im obersten Stock liefen zahlreiche Hunde frei herum, während in den unteren Stockwerken die Puppen hergestellt wurden. Da konnte es durchaus vorkommen, dass der Abteilungsleiter nicht sicher war, wie die Proportionen eines Labradors aussehen. Also schickte er Mitarbeiter nach oben, mit den Worten: «Schau mal dir doch kurz meinen Labrador an!».   

Nachdem der Film in den Kinos war – sehen Sie Hunde nun mit anderen Augen?
RB: Sicher, nachdem ich monatelang nur Hunde- und auch Katzenbilder gezeichnet habe. Wenn ich heute einen Hund auf der Strasse sehe, kann ich nicht anders, als ihn genau zu beobachten. Wie hängt seine Schulter? Was macht sein Schwanz? Wie bewegt er sich?
KK: Auch ich teile Hunde, denen ich auf der Strasse begegne, automatisch in Kategorien ein. Und ich stelle mir ihr Schicksal vor.  

Die Hunde in «Isle Of Dogs» sind zwischendurch ziemlich wütend. In diesen Momenten will man ihnen lieber nicht begegnen. Haben solche Szene Ihre Angst vor Hunden geschürt?
KK: (lacht) Nein, denn wenn ich Hunde animiere, schlüpfe ich automatisch in die Haut der Tiere hinein. Und ich kann ja nicht Angst vor mir selber haben!

Hätte ein solcher Film auch mit Menschen als Protagonisten funktioniert?
KK: Vermutlich nicht. Denn Tiere – und in diesem Fall Hunde – ermöglichen es uns viel besser, fiktive Geschichten zu erzählen, als das mit Menschen möglich wäre.
RB: Dabei ist es notwenig, den Tieren menschliche Züge zu verpassen, sie aber gleichzeitig in ihrer Rolle zu belassen. Die Vermenschlichung von Tieren hat in Cartoons, in Comics und Langfilmen deshalb eine lange Tradition. Und der sind wir gefolgt. 

Lesen Sie hier unsere Filmbesprechung zu «Isle of Dogs».


 

Für einmal selber auf der grossen Leinwand: Roy Bell gewährt am Fantoche-Festival Einblick in sein Schaffen am Set von «Isle Of Dogs». 

Am Anfang waren die Hundezeichnungen: Basierend auf diesen Vorlagen entstanden später die Hundepuppen, die im Film zu sehen sind.

Die Hundepuppen werden zum Leben erweckt: Arbeit am Filmset. 

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