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Der Natur abgeschaut

Der grosse Kummer der kleinen Kaulquappe

Unterhaltung | Samstag, 8. September 2018 08:20, Leo Niessner

Herzergreifende Szenen am Grunde eines Sees: Die kleine Kaulquappe in Nils Hedingers «Kuap» ist ein Spätzünder. Am Animationsfilmfestival Fantoche in Baden erhielt das Werk am Mittwoch grossen Applaus. 

 

Zuerst sieht alles ganz anmutig aus: Aus einem Haufen kleiner weisser Eier am Seegrund schlüpfen unzählige Kaulquappen. Dass heisst, eigentlich knabbern sich die kleinen Tierchen durch die gallertartige Masse, die ihnen als erste Nahrung in ihrem frischen Leben dient. Danach machen sich die kleinen Lebewesen auf, ihre Umgebung zu erkunden. Zu fressen gibt es genug: der Teich im Kurzfilm «Kuap», einem der neusten Werke des Schweizer Animationsfilmers Nils Hedinger, ist voll Plankton und allerlei Gewächsen, die sich als Nahrung eignen.

Ein Ausflug, der beinahe tödlich geendet hätte
In diesem Habitat gedeihen die Tierchen prächtig – bis auf eines. Und da wird es plötzlich traurig: Dass sie nicht so schnell wächst wie die anderen, merkt die Kaulquappe erst, als ihre Geschwister innere Kiemen und ein Atemloch ausgebildet haben und erstmals an Land gehen. Die Kaulquappe folgt ihnen.Doch der Ausflug endet für sie beinahe mit dem Ersticken: Ihre Kiemen sind noch noch nicht bereit für die Lungenatmung. Es bleibt ihr daher nichts andere übrig, als ins Wasser zurück zu kehren, ganz alleine. Dort erwarten sie allerlei Feinde und Abenteuer. In der Not schliesst sie mit einer Wasserschecke Freundschaft, bis es mit der Froschwerdung dann doch noch irgendwann klappt.   


Beobachtungen von Kaulquappen in der Natur
Für seinem Kurzfilm hat sich Hedinger in die Thematik eingelesen. Ohne sich mit dem Leben der Kaulquappen befasst zu haben, wäre ein solcher Film nicht denkbar, sagt er im Gespräch mit «Tierwelt online». Denn wenn auch viel Fiktion im rund siebenminütigen Werk steckt: Die Facts sollten wenigstens weitgehend stimmen. Etwas anderes hätte wohl auch sein Vater nicht goutiert: «Er ist Biologe», erzählt der 32-Jährige. Da wundert es nicht, wenn er weiter berichtet, wie sie in seiner Jugend Kaulquappen vom nahen Teich mit nach Hause nahmen und züchteten. «Es war spannend, die Metamorphosen hautnah mitzuerleben».

So konnte er beobachten, wie die Froschlurche bis zur Froschwerdung äussere Kiemen besitzen. Dies werden im Laufe des Wachstums von einer Hautfalte überwachsen. Auch in Bezug auf die Nahrungsaufnahme hat Hedinger bei der Natur abgeschaut: Die Froschlurche raspeln mit ihren kleinen Hornzähnen am liebsten an Wasserpflanzen. Zudem tun sie sich am Algenbelag gütlich, der an der Wasseroberfläche schwimmt.

Kaulquappen fressen auch Fleisch – und mitunter Artgenossen
Was nicht im Film nicht zu sehen ist: Froschlurche sind keine reinen Vegetarier. Auch Aas gehört zu ihrer Nahrung. Zudem zeigen sie kannibalistische Züge: bei zu dichter Besiedelung beginnen sie, sich gegenseitig an den Schwanzflossen anzuknabbern. 

Die Extremitäten bilden sich nach zirka sechs bis acht Wochen aus: Während die Vorderbeine anfänglich in einer Hauttasche verborgen sind, kann man die Hinterbeine bereits sehen. Während der Metamorphose fressen die Kaulquappen übrigens nichts mehr. Als Nahrung dienen ihnen in dieser Zeit vielmehr die Fettreserven des Schwanzes, der sich nach und nach zurückbildet. 

Kurz darauf brechen die Vorderbeine durch die Hauttasche, die sie verdeckt hat. Danach dauert es lediglich ein paar Tage, bis die Lungeatmung einsetzt und das Tier an Land steigt. Der kleine Frosch misst anfänglich in der Regel knapp einen Zentimeter. 

Eine Ausnahme gibt es: In Nils Hedinger Kurzfilm ist die Kaulquappe, deren Entwicklung so stark verzögert war, bei der Metamorphose schon doppelt so gross wie die die anderen. 

Warum ausgerechnet Kaulquappen?  
Dass Hedinger ausgerechnet Kaulquappen für seinen Film gewählt hat, ist kein Zufall: Abgesehen von eigenen Zuchterfahrungen habe ihn die «Spätzünder-Thematik» interessiert: Gerade bei den Lurchen der Gelbbauchunke (Bombina variegata) könne es immer wieder vorkommen, dass einzelne in der Entwicklung eine Saison hinten nach sind. «Das Thema ist autobiografisch. Auch ich habe meine Arme und Beine im übertragenen Sinne erst spät ausgefahren», sinniert Hedinger. Die Metapher, dass ein Lebewesen aus einem Ei schlüpft, wächst, das Wasser verlässt und an Land geht, habe er gleichzeitig «mega schön» gefunden. 

Eine Metamorphose hat auch «Kuap» durchlaufen: Nach rund zwei Jahren Vorbereitung macht sich Hedinger letztes Jahr mit einem Team ans Werk. Dieses ist nun vollendet und im Programm von Fantoche im Rennen um den begehrten Kritiker- und Publikumspreis. 

Animationsfilmer Nils Hedinger aus dem Emmental arbeitete mit einem mehr als ein Jahr am Kursfilm «Kuap».

Das Fantoche-Festival in Baden dauert noch bis Sonntag, 9. September. 

 

 

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