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Faszinierender Superorganismus

Tanzend durchs Reich der Tiere

Unterhaltung | Sonntag, 2. September 2018 15:25, Leo Niessner

Am Ende hatten die Besucher das Gefühl, ein Teil eines gigantischen Lebewesens zu sein: Zu Besuch am Auftritt des Künstlerkollektivs Superorganism am Zürich Open Air am vorletzten Samstag.  

Wenn sich viele einzelne Organismen, die voneinander abhängig sind, zusammenschliessen und eine selbstregulierende Einheit bilden, spricht man laut dem Online-«Lexikon der Biologie» von einem Superorganismus. 

Der Begriff geht auf Karl August Möbius zurück, den ersten Professor für Zoologie in Kiel an der CAU-Universität. Dort lehrte er zwischen 1868 und 1888. Als Superorganismus bezeichnete er 1877 die Lebensgemeinschaft einer Austernbank in der Nordsee. 

Seine Worte scheinen nachzuhallen. Ganz offensichtlich hat sich das Künstlerkollektiv Superorganism mit der Lehre Möbius’ befasst. Das zeigte sich am Auftritt des Oktetts am Zürich Open Air in Rümlang ZH letzte Woche. Was sie im grossen Zelt vor mehreren tausend Besuchern boten, war ein Spektaktel für die Augen und Ohren, das einem das Gefühl vermittelte, man befinde sich in den Tiefen des Meeres und werde dort Teil eines gigantischen Organismus.

 

Ein irrwitziger Streifzug durch die Tiefsee
Über eine überdimensionale Leinwand im Hintergrund der Bühne huschten seltsame Korallen, Wale, Delfine und allerlei weitere Fantasiewesen. Ein Krebs klapperte mit den Scheren. Darauf verschmolz Plankton in allen Farben und Formen mit anderen Meerestieren – zu einem Superorganismus eben. Zu einem, in dem sich im Laufe des Auftritts immer mehr Tiere auf der Leinwand die Ehre gaben, irgendwann auch solche, die nicht im Meer zuhause sind.  

Ergänzt wurden die Visuals durch wilde und bunte Lichteffekte, ein Flimmern, Flackern und Blitzen, und schrille, abgedrehte elektronische Popmusik mit überraschend einprägsamen Refrains. So stellen sich die Künstlerinnen und Künstler aus  Japan, Neuseeland, Südkorea, Australien und Grosbritannien offenbar den perfekten Organismus vor: Als eine Vielzahl einzelner Elemente – Video, Licht, Musik und Performance –, die einzeln nicht oder nur halbwegs funktionieren. Und die, ganz nach der Definition von Forscher Karl August Möbius, erst zusammen kommen und eine Einheit bilden müssen: den Superorganismus.   

Die Frage nach dem Inhalt
Natürlich, die Frage nach der Sinnhaftigkeit darf man stellen. Mit erhobenem Zeigefinger zu Umwelt- und Tierschutz mahnen, ist nicht die primäre Absicht von Superorganism. Aus dem bizarren, rasanten und einnehmenden Bilderreigen lässt sich vielmehr eine Faszination für die verschiedenen Lebewesen ablesen. Das darf auch einfach nur unterhalten. Menschen kommen in den künstlichen Welten auf der Leinwand übrigens nicht vor. Sie stehen dafür auf der Bühne. 

Sie standen am Zürich Open Air zugleich auch vor der Bühne, teils mit offenem Mund. Einen so erstaunlichen und innovativen Organismus hatten viele zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen. «Schlichtwegs super!», lautete das Verdikt dreier junger Besucherinnen nach dem – viel zu raschen – Ende des Auftritts. Eine passendere Beschreibung hätte es dafür nicht gegeben.

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