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Laurent Geslin, Fotograf

Mit der Kamera auf der Fährte des Luchses

Unterhaltung | Dienstag, 20. Februar 2018, Thomas Uhland

Monatelang hat Tierfotograf Laurent Geslin Luchsen aufgelauert. Die Bilder und Filme, die er nach Hause brachte, sind spektakulär. Auch, weil man in ihnen die Naturliebe des Fotografen spürt.

Das Haus von Laurent Geslin liegt oberhalb von Gorgier am Neuenburgersee, mit atemberaubender Sicht über den See, das Mittelland und auf die Alpen. Vor dem Cheminée in der Wohnküche räkelt sich die Familienkatze, draussen brummen die Traktoren. Gleich hinter dem Haus liegt Geslins Arbeitsplatz: die weiten Wälder des Juras. Zwischen Genf und Biel, am steilen, oft ursprünglichen und unzugänglichen Jura-Südhang, streifen Luchse durchs Unterholz. Selten bekommt sie jemand zu sehen, geschweige denn vor die Kameralinse.

Doch der Naturfotograf hat die grösste europäische Katze so oft fotografiert, dass er mit den Bildern ein Buch füllen konnte. Einfach sei es nicht, die Luchse aufzuspüren, sagt Geslin beim Tee am Küchentisch aus rohem Holz. Sie seien zwar nicht besonders scheu, doch Meister der Tarnung. Da sie sich zudem, anders als etwa Füchse, fast nur im Wald aufhalten, brauche es doch recht viel Glück oder Können, um sie abzulichten.

Fantastische Aufnahmen: Laurent Geslins Video-Teaser für sein Luchsprojekt (Video: Laurent Geslin):

Leidenschaft für die Natur
Mehr Glück oder mehr Können? «Sicher braucht es auch Glück. Wenn ich ein Mal in den Wald gehe und einen Luchs sehe, ist es nur Glück. Doch wenn ich 1000 Mal in den Wald gehe, kann man eher von Pech reden, wenn ich keinen erwische. Man muss das Glück eben herausfordern», philosophiert er.

Geboren wurde Geslin in der Bretagne, wo er schon als kleiner Junge die Liebe zur Natur entdeckte. Wenn er bei seiner Grossmutter auf dem Land in den Ferien war, wartete er manchmal nachts, bis alles schlief. Dann stieg er heimlich aus dem Fenster und schlich in den Wald, um Vögel, Füchse und Wildschweine zu beobachten. Als Teenager führte er Erwachsenengruppen durch die Natur, um ihnen die Tiere zu zeigen und zu erklären. Wenn er dabei fotografierte, tat er es ohne künstlerische Ambitionen, allein um sich zu Hause an seine Beobachtungen zu erinnern.

Dann trat er in der bretonischen Metropole Rennes einem Fotoklub bei und stiess auf begeisterte Hobbyfotografen. «Sie haben mir Tipps für bessere Tierbilder gegeben.» Das Fotofieber packte ihn und liess ihn nicht mehr los. Er ging nach London, wo er sein Hobby zum Beruf machte. Das halbe Jahr über machte er kommerzielle Fotos: Hochzeiten, Mode, Essen, Akt. So lernte er das Handwerk von der Pike auf und finanzierte zugleich seine Leidenschaft, der er im übrigen Jahr frönte: Er reiste um die Welt, um Tiere und Menschen zu fotografieren. Indien, Australien, Äthiopien, Namibia hiessen einige seiner Destinationen.  

In London lernte er auch seine Frau kennen, eine Französin, die in Genf wohnte und bei den Vereinten Nationen arbeitete. Über sie erhielt er Gelegenheit, eine Reportage über Flüchtlinge in Westafrika zu machen. Es entstanden Bilder von beeindruckender Tiefe, die dem Leid dieser Menschen ein Gesicht gaben. Später, in der Schweiz, erhielt er den Auftrag, den Genfersee und seine Bewohner zu porträtieren; auch hier entstanden bewegende Aufnahmen. Und doch sagt er: «Ich sehe mich vor allem als Tierfotograf. Müsste ich mich entscheiden, wollte ich lieber ohne Kamera in der Natur sein, als mit der Kamera anderes fotografieren als die Natur.»

«Mein persönliches Projekt»
Kein Wunder, dass er die Natur vermisste, wenn er jeweils in London war. Bis er entdeckte, dass selbst mitten in der Grossstadt Wildtiere hausten. Er fotografierte Londons Stadtfüchse, machte das Fernsehen auf sich aufmerksam und drehte bald Filme in verschiedenen europäischen Städten über Füchse, Dachse, Wildschweine und sogar Bären, die oft unerkannt in nächster Nähe zu den Menschen leben. «Ich wollte zeigen, dass es in den Städten mehr gibt als Krähen und Tauben», erklärt er seine Motivation. Aus den Bildern entstand sein erstes Buch: «Urban Safari» – Safari mitten in der Stadt.

Dann, vor etwa zwölf Jahren, kam der Umzug in die Schweiz. Seine Partnerin hatte Stelle und Wohnort gewechselt. War das wöchentliche Pendeln zwischen London und der Schweiz bisher noch machbar, wurde es nun zu kompliziert. Das Paar liess sich in dem Haus mit der herrlichen Aussicht und der gemütlichen Wohnküche nieder. Vor acht Jahren gesellte sich ein Sohn dazu.

Und hier, am Abhang des Jura, entdeckte Geslin den Luchs – das Raubtier, das ihn seitdem nicht mehr loslässt. Er bezeichnet die Luchsfotografie als «mein persönliches Projekt». Er stellte fest, dass es zwar viele Bücher und Filme über Luchse gab, dass die Bilder aber samt und sonders in Zoos und Wildparks aufgenommen wurden. Er jedoch setzte sich in den Kopf, der Katze ausschliesslich in freier Wildbahn nachzustellen.

Sechs ausgeklügelte Fotofallen habe er entlang der Luchswechsel aufgestellt, sagt er. «Die grosse Arbeit war dabei, die Wechsel überhaupt zu finden.» Ein Fussabdruck hier, ein paar hängen gebliebene Haare dort – mit kriminalistischem Spürsinn reimte er sich zusammen, wo sich die Tiere nachts zu bewegen pflegten. Die Kunst bei der Tierfotografie sei, zu wissen, wann sich die Tiere wo aufhalten. Um das herauszufinden, müsse man häufig hinausgehen, sich dort aufhalten, wo sich die Tiere aufhalten und für sie Verständnis entwickeln. So gelangen ihm wunderschöne und ebenso seltene Aufnahmen der Katzen.

Eigene Geschichte erzählen
Zugleich aber wollte er sie auch persönlich vor die Linse bekommen. Drei Monate hat Geslin damit verbracht, Luchse zu finden – am Schluss habe er gerade drei Mal eines der Tiere gesehen. Doch die Bilder haben es in sich. Es entstanden berührende Aufnahmen über das Familienleben der Luchse, aus nächster Nähe aufgenommen. «Luchse sehen Menschen nicht als Bedrohung, sie greifen auch nicht an», sagt er. Anders sehe es allerdings aus, wenn ein Hund dabei sei, denn diesen sähen Luchse durchaus als Feind an.

Was er fotografiert und gefilmt hat, sei für einige Produzenten überaus interessant gewesen, weil es solche Bilder bislang noch nie gegeben habe. Die Schwierigkeit sei eher, das passende Format für seine Filme zu finden. Doch Laurent Geslin bleibt sich treu. «Im Moment will ich lieber meine eigene, persönliche Geschichte erzählen, als etwas zu tun, das mir nicht entspricht.»

Dann muss Laurent Geslin aufbrechen. Er packt seine Fotoausrüstung zusammen, krault die Katze und steigt in sein kleines Auto. Das Ziel ist Lignières am Fuss des Chasseral. Dort, so hat ihm ein Freund erzählt, sei neulich ein Luchs gesichtet worden. Wer weiss, vielleicht wird er ihn heute Nacht erwischen.

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