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Ab auf die Alp – Teil 1

Ein Schreiberling unter Kühen

Unterhaltung | Donnerstag, 13. Juli 2017 08:00, Niklaus Salzmann

Onlineredaktor Niklaus Salzmann verbringt den Sommer auf einer Alp im Simmental. Er berichtet, wie er den Mutterkühen ihre Plätze im Stall zuweist und von einem überraschenden Neuankömmling.

Ich habs verpasst! Es hätte doch erst Ende Juli so weit sein sollen. Doch ich greife vor, beginnen wir am Anfang.

Erstaunlich eigentlich, dass der Bauer unter all den Bewerbern meine Familie ausgewählt hat, um seine 28 Kühe zu hüten. Zwar hab ich einst im Zivildienst auf einem Bergbauernhof während ein paar Monaten mit Grauvieh gearbeitet, mit derselben Rasse, die wir nun wieder in unserer Obhut haben. Aber im Grunde genommen sind wir Anfänger. Wir, das sind meine Partnerin und ich mit unseren beiden Buben, sieben und fünf Jahre alt.

Vielleicht basierte der Vertragsabschluss auf einem sprachlichen Missverständnis? Ob wir auch schon «z'Berg» gewesen seien, hat uns der Bauer gefragt. Ja, früher oft, haben wir geantwortet, und die Antwort durchaus ehrlich gemeint schliesslich haben wir einst zahlreiche Berggipfel im Berner Oberland bestiegen. Nur, ein Bauer im Simmental hat keine Zeit zum Bergsteigen – «z'Berg» bedeutet für ihn: auf der Alp. Und einen Alpsommer haben wir nie zuvor gemacht.

Keine rechte Alp
Allerdings gilt auch das, was wir nun hier auf der Alp Hüntenbärgli auf fast 1800 Metern über St. Stephan machen, für manche Einheimische nicht als richtiger Alpbetrieb. Rechte Kühe werden gemolken, wir hingegen kümmern uns um trächtige Mutterkühe, die erst wieder Milch geben werden, wenn sie ihre Kälber zur Welt gebracht haben.

Kälber wären natürlich herzig, doch angesichts des berüchtigten Beschützerinstinkts von Mutterkühen sind wir ganz froh, dass die unseren keinen Nachwuchs dabei haben. Trotzdem ist Respekt angebracht, waren diese Kühe doch im vergangenen Dreivierteljahr nie angebunden und hatten wenig Kontakt zu Menschen, gerade weil sie nicht gemolken werden. Und nun sind sie einige nicht gerade begeistert von der Idee, sich von uns jeden Morgen an einem fest zugewiesenen Platz im Stall einen Strick um den Hals legen zu lassen.

Theoretisch ganz einfach
Die Kinder lassen wir deshalb noch nicht mit den Kühen arbeiten, sie haben andere Aufgaben: Fliegen jagen, Milch auf der Nachbarsalp holen – und gern dürfen sie auch ausschlafen, wenn wir Erwachsenen die Kühe in den Stall holen. Zum Glück sind wir zu zweit, das macht es einfach: Die eine Person öffnet das Stalltürchen, lässt eine Kuh hinein und – wichtig für einen geordneten Ablauf – schliesst es wieder, bevor weitere Tiere hineinkommen. Die andere stellt sich breit im Gang auf, um die Kuh an der entscheidenden Stelle zum Abbiegen an den ihr zugedachten Platz zu bewegen.

Ganz einfach, im Prinzip. Nur: Was mache ich, wenn die Kuh keine Anstalten macht, abzubiegen, sondern unbeirrt geradeaus auf mich zu geht, den Kopf leicht gesenkt und die Hörner voraus? Sie ahnen es: Ich gehe zur Seite und lasse sie durch.

Das hat allerdings einen Haken. Der Gang ist so schmal, das ich zwar dem Kopf der Kuh ausweichen kann, nicht aber dem breiten Bauch. Und während ich noch darüber nachsinne, ob sich ein Bandencheck im Eishockey wohl so ähnlich anfühlt, hat sich die Kuh bereits an den falschen Platz an die Raufe gestellt. Unsere Aufgabe ist es nun also, sie da wieder rauszuholen und woanders einzuordnen. Die Gisela sollte zum Beispiel neben die dominante Alia, die sich in den Schädel gesetzt hat, Gisela nicht hineinzulassen. Und ich kann ihnen versichern, Kühe haben dicke Schädel.

Kalb Sira
Kälbchen Sira geht zum ersten Mal über eine Weide.
Bild: Niklaus Salzmann

Kühe sind nicht immer gross
Wie auch immer, wir haben es geschafft und es geht Tag für Tag einfacher. Die Tiere haben sich daran gewöhnt, sich von uns umarmen zu lassen – denn einen Strick um den Hals binden geht nur durch umarmen. Und wir haben uns daran gewöhnt, dass uns gelegentlich eine Kuh von einer halben Tonne Gewicht auf den Fuss steht.

Doch was schreibe ich da von grossen Kühen? Schana hat hier oben ein Kalb zur Welt gebracht, und es ist winzig! Mit grossen Augen und Steckenbeinlein, wie ein kleines Rehlein! Und ich habe die Geburt verpasst, war im Büro der «Tierwelt» am arbeiten – das gehört zu den Risiken des Teilzeit-Alphirten. Geburtstermin wäre Ende Juli gewesen, aber mit Tieren lässt sich eben nicht alles vorausplanen. Drei Tage alt ist das Kalb, als ich es zum ersten Mal sehe. Und ich kann Ihnen versichern: Auch ein drei Tage altes Kalb ist noch sehr klein und sehr herzig.

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