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Brauchtum und Tradition

In Guggisberg lebt das Vreneli weiter

Unterhaltung | Donnerstag, 9. März 2017, Niklaus Salzmann

Das Guggisberglied gilt als eines der ältesten noch bekannten Volkslieder der Schweiz. In einem Museum in den Berner Voralpen lernen Besucher seine Geschichte kennen.

«Das Vreneli hat halt einfach den Hansjoggeli gerngehabt», erzählt Therese Aebischer bei der Führung durchs Vrenelimuseum in ihrem Heimat- und Wohnort Guggisberg. Es ist eine Liebesgeschichte, die sie den Besuchern weitergibt – eine, die im Dorf von Generation zu Generation über Jahrhunderte mündlich überliefert wurde. Die Geschichte vom Vreneli ab dem Guggisberg, welche die Vorlage lieferte für eines der bekanntesten Volkslieder der Schweiz: das Guggisberglied.

«S isch äben e Mönsch uf Ärde, dass I möcht bi nim si», heisst es in der ersten Strophe des Lieds. Dieser Mensch, bei dem Vreneli sein wollte, war Simes Hansjoggeli, also Hans-Jakob, Sohn des Simon. Er wohnte «ännet em Bärg», auf der Schattenseite des Guggershorn, wo die ärmeren Kleinbauern lebten, wie Aebischer erklärt. Damit war Hansjoggeli keine angemessene Wahl für das Vreneli, denn ihr Hof, der Bauernhof Linde, war stattlich. Auch heute steht an dieser Stelle – nur einen Steinwurf vom Vrenelimuseum entfernt – ein grosser Hof. Er wurde gebaut, nachdem das ursprüngliche Haus Ende des 19. Jahrhunderts einem Brand zum Opfer fiel.

Vrenelis Mutter sei früh verwitwet, erzählt Therese Aebischer, und weil man es damals einer Frau nicht zugetraut habe, einen Hof zu führen, habe man ihr den Amman zur Seite gestellt. «Er wohnte unterhalb der Kirche an der Zelg», sagt sie, und zeigt aus dem Fenster. Der Sohn des Ammans, der wäre eine passende Partie für Vreneli gewesen, sie wollte ihn aber nicht.

In die Fremdenlegion geflüchtet
In dieser Zeit, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, waren die Methoden zum Klären von Konflikten nicht eben zimperlich. Eines Tages habe der Sohn des Ammans dem Hansjoggeli abgepasst. Es kam zur Schlägerei, Hansjoggeli streckte seinen Nebenbuhler nieder, und als er ihn da bewusstlos liegen sah, hielt er ihn für tot. Er sah nur einen Ausweg, um der Strafe zu entgehen: ab ins Ausland. «Man erzählt sich, Hansjoggeli ging aus eigenen Stücken zur Fremdenlegion», sagt Therese Aebischer, «wahrscheinlich zu den Franzosen.»

Das Vreneli aber verfiel darüber in tiefe Sorgen. «Mahner mir nid wärde, vor Chummer stirben i», sagt sie im Guggisberglied. Ihr geliebter Hansjoggeli, so die Überlieferung, habe im Ausland wohl irgendwann erfahren, dass sein Kontrahent die Schlägerei unbeschadet überlebte, und sei daraufhin nach Guggisberg zurückgekehrt – allerdings zu spät, Vreneli war bereits gestorben.

Tatsächlich wurde 1715 bei einer Einwohnerzählung ein «Simes Hans Jaggi» erfasst, und 1736 wurde sein Ableben erwähnt. Die Geburt wiederum soll in einem kirchlichen Register für das Jahr 1642 festgehalten sein. Falls die Einträge sich tatsächlich alle auf denselben Hansjoggeli beziehen, wäre er stolze 94 geworden, ein sehr hohes Alter für die damalige Zeit.

Diese Registervermerke sind die einzigen schriftlichen Belege für die Geschichte vom Vreneli ab dem Guggisberg. Zusammengetragen hat sie Lydia Bucher, eine ehemalige Zivilstandsbeamtin von Guggisberg, die inzwischen 84 Jahre alt ist und noch immer gelegentlich Führungen durchs Museum macht. Auf ihren Recherchen beruhte die Ausstellung, die 1998 zur 850-Jahre-Feier der Gemeinde Guggisberg in einem historischen Stöckli mitten im Dorf eingerichtet wurde – temporär, wie man zuerst meinte. Doch der Erfolg war so gross, dass man die Sammlung ausbaute und als Museum weiterführte. «Im Schnitt führen wir 1500 Besucher pro Jahr durchs Museum», sagt Aebischer. Sie koordiniert die Führungen, die von einem Team von Guggisbergern ausschliesslich ehrenamtlich gemacht werden.

Bilder, Postkarten und Vrenelis Rock
Von der Verbundenheit der Guggisberger mit ihrem Vreneli zeugen auch ein Kirchenfenster, das die doch ziemlich weltliche Liebesgeschichte darstellt, und die Vreneli-Brunnenfigur mitten im Dorf. Im 200-jährigen Stöckli, welches das Museum beherbergt, wird aber nicht nur die Geschichte vom Vreneli erzählt. Die Besucher sehen anhand von historischen Alltagsgegenständen, wie man früher gelebt hat, und erfahren einiges über die Geschichte von Guggisberg.

Damals wie heute aktuell sind finanzielle Sorgen. Im 21. Jahrhundert zeigt sich dies in der Schliessung von Schulhäusern, von deren acht auf den 55 Quadratkilometern der Gemeinde inzwischen noch zwei weitergeführt werden. Früher wurde dagegen auf anderer Ebene gespart – vermutlich ist die Guggisberger Tracht unter anderem aus Spargründen auffallend kurz ausgefallen: Der Rock bedeckt nur gerade knapp das Knie, was deutlich weniger Stoff benötigte, als zu dieser Zeit üblich. In der Tracht, die im Museum ausgestellt ist, wurde das Vreneli auf Bildern und Postkarten immer wieder gemalt. Zwar kam diese Kleidung erst Ende des 18. Jahrhunderts auf, also etwa hundert Jahre nach Vrenelis Zeit. «Das geht unter künstlerische Freiheit», sagt Aebischer dazu, und aussehen tut es gut.

Vom originalen Vreneli übrigens gibt es nirgends eine Spur zu finden. Im Gegensatz zum Hansjoggeli ist sie in keinem Register erfasst. Einerseits weil sie gestorben ist, bevor Sterberegister überhaupt geführt wurden, andererseits weil Frauen damals wenig zählten. Die frühsten schriftlichen Erwähnungen des Vreneli finden sich im Guggisberglied und damit erstmals 1764. In diesem Jahr hatte der österreichische Staatsmann Graf von Zinzendorf die Schweiz bereist und in seinem Tagebuch fünf Strophen des Lieds festgehalten. Dazu notierte er, das Singen des Lieds sei in den Schweizer Regimentern in Frankreich verboten, weil es Heimweh auslöse.

In der Tat ist das Guggisberglied von Sehnsucht geprägt, nicht nur textlich, sondern auch harmonisch. Im Gegensatz zur traditionellen Ländlermusik ist es nicht in fröhlichem Dur, sondern in melancholischem Moll gehalten. Dieser für Schweizer Volksmusik untypische Charakter mag entscheidend dazu beigetragen haben, dass das Guggisberglied über stilistische und geografische Grenzen hinweg Anklang findet. Der Schweizer Rockchansonnier Stephan Eicher hat es im Jahr 1989 damit gar auf Platz 13 der Schweizer Hitparade geschafft. Beliebt ist das Lied auch bei Blasorchestern. Die klassischen Interpretationen sind aber diejenigen von Chören. Vom Vrenelichor etwa, jenem Guggisberger Chor, dem ausschliesslich Frauen namens Verena angehören – immerhin rund dreissig Frauen dieses Namens leben in der Gemeinde. Den Besuchern des Museums spielt Therese Aebischer jedoch die Version eines anderen Guggisberger Chors ab, diejenige des Kirchenchors. Dieser hat das Lied zum 850-Jahre-Jubiläum der Gemeinde aufgenommen.

19 Jahre alt ist also diese Aufnahme, mindestens ein Vierteljahrtausend alt das Lied und geschätzte 450 Jahre alt die Geschichte dahinter. Eine Frau und ein Mann, die sich gernhaben – das ist zeitlos und berührt. Auch wenn es für Vreneli und Hansjoggeli kein Happy End gab.

Website des Museums

Ds Vreneli ab em Guggisberg (Quelle: www.guggisberg.ch)
Sisch äben e Mönsch uf Ärde, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
sisch äben ä Mönsch uf Ärde, dass i möcht bin ihm sy.

Und mahner mir nid wärde, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
und mahner mir nid wärde, vor Chummer stirben i.

Und stirben i vor Chummer, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
und stirben i vor Chummer, so leit me mi is Grab.

I mynes Büelis Garte, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
i mynes Büelis Garte, da stah zwöi Bäumeli.

Das eini treit Muschgate, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
das eini treit Muschgate, das andre Nägeli.

Muschgate, die sy süessi, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
Muschgate, die sy süessi, und d'Nägeli sy räss.

Gab's mynem Lieb z'versueche, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
gab's mynem Lieb z'versueche, dass myner nid vergäss.

S'isch äben uf hüt es Jahre, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
s'isch äben uf hüt es Jahre, dass i mi an ihn ha ghänkt.

Het myner no nie vergässe, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
het myner no nie vergässe, het allzyt a mi dänkt.

S'isch äben of hüt zwöi Jahre, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
s'isch äben of hüt zwöi Jahre dass i mi an ihn ha ghänkt.

Ha syner no nie vergässe, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
ha syner no nie vergässe, ha allzyt an ihn dänkt.

Dört unten i der Tiefi, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
dört unten i der Tiefi, da steit es Mühlirad.

Das mahlet nüt als Liebi, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
das mahlet nüt als Liebi, die Nacht und ou den Tag.

Das Mühlirad isch broche, Simelibärg.
Und ds Vreneli ab em Guggisbärg und Simes Hansjoggeli ä net em Bärg,
das Mühlirad isch broche, die Liebi het es Änd.

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