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André Mégroz: Insektenkundler und Buchautor

«Ich töte seit Jahren keine Käfer mehr»

Unterhaltung | Dienstag, 17. Januar 2017, Matthias Gräub

Ein Käfersammler hat bei André Mégroz als Bub die Freude an Insekten entfacht. Fünfzig Jahre später hat der Bub von damals allerhand zu erzählen. Und noch immer eine ansteckende Faszination für alles, was kreucht und fleucht.

Der Herr Hugentobler war’s. Mitte Sechzigerjahre, da war André Mégroz fünfzehn und ging ins Naturmuseum. Hier, in St. Gallen, wo Mégroz auch heute noch wohnt. Im frisch renovierten Einfamilienhaus am äussersten Zipfel der Stadt. Den Wald vor der Haustür, sähe man ihn denn durch den Dezembernebel hindurch. Hier steht André Mégroz und streckt den Kopf in einen Nadelstrauch. Er schiebt die Äste beiseite, rupft ein Stück Rinde hervor und sucht darin nach Lebendigem. 

Dann erzählt er weiter: «Der Herr Hugentobler war Konservator, Präparator und Hauswart des Museums, alles in einem. Er fragte mich damals, ob mir die Insekten hier gefallen.» Sie gefielen dem jungen Mégroz, «von da an bin ich mit ihm jeden Samstag in den Wald gegangen, Insekten sammeln.» Er lernte, Käfer zu präparieren, Schmetterlinge zu bestimmen, vor allem aber lernte er Hugentoblers Begeisterung kennen: «Er war ein wohlbeleibter Mann», erinnert sich Mégroz, «aber wenn er einen Käfer sah, dann ist er wie ein Wiesel losgejuckt und ging ab wie die Post.»

Fast im Alleingang ein Büchlein gemacht
Hugentobler starb drei Jahre später, seine Freude an den Insekten jedoch überlebt in André Mégroz bis heute. Auch die Freude an denen, die wir als Schädlinge anschauen. So streicht er schon fast zärtlich über einen der unzähligen kugelförmigen Buchsbäume in seinem Vorgarten und erzählt, wie ihm der Zünsler das Leben schwer macht. «Die Maden und die Wanzen sind auch ein Teil vom Ganzen», sagt er und schiebt nach: «Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, der ist von Wilhelm Busch.»

Hören Sie hier, wie André Mégroz von der potenzfördernden Wirkung von Käfergift erzählt. Bild: Gemeiner Ohrwurm (Forficula auricularia), Aquarell von André Mégroz.

André Mégroz ist ein Entomologe. Ein Insektenforscher. Aber kein studierter. Er war ein Arbeitsleben lang im Versicherungswesen tätig, bis zu seiner Frühpension mit 55. Heute ist er Ansprechperson für Biologiestudenten, hält Vorträge und hat – ganz frisch – ein Büchlein veröffentlicht. Ein kleines Taschenbuch für die Edition Ostschweiz mit dem Titel «Silberfischchen, Lilienhähnchen und andere Insekten». Interessant daran: Nicht nur die Texte darin stammen von ihm, sondern auch alle Fotos, Skizzen und Zeichnungen; Makroaufnahmen von Rosenkäfern mit ausgebreiteten Flügeln, von Bremsen-Facettenaugen. Doppelseitengross die Farbstiftzeichnung einer Waldameise, jedes Härchen ist zu erkennen. «Daran hatte ich etwa zwanzig Stunden.» 

Wie es dazu kam, dass Mégroz unter die Autoren ging? Er wurde angefragt vom Direktor des, wie könnte es anders sein, Naturmuseums von St. Gallen. So schliesst sich der Kreis. Doch wieso gerade er? «Vielleicht ist ihnen grad kein anderer eingefallen», sagt Mégroz scherzhaft und bessert gleich nach: «Ich habe ja auch schon Vorträge gehalten und man kannte mich schon.» 

André Mégroz zu kennen lohnt sich. Wer ihm zuhört, merkt sofort: Hier redet ein leidenschaftlicher Erzähler. Keine zwei Sätze reiht er aneinander, ohne eine Anekdote über Käfer, Ameisen oder Spinnen – «richtig, das sind keine Insekten, aber die mag ich auch» – einzufügen. Und er erzählt so, dass auch der Journalist keine Lust hat, ihn zu unterbrechen, sondern lieber einfach zuhört. 

Dann erzählt Mégroz von den Erlebnissen auf all seinen Reisen rund um den Globus. Von seiner ersten Asienreise bis nach Nepal, als er aus jedem Land mindestens einen Käfer heimbrachte. Vom Filmteam, für das er sich in Namibia von einem Skorpion stechen liess und dann feststellen musste, dass alles umsonst war: Der Filmer hatte die Kamera fallen lassen. Von seinem Erlebnis im Dschungel von Costa Rica, als er in die gespenstische Stille des Waldes horchte und die Invasion von Zehntausenden Wander­ameisen schon im Voraus spürte.

André Mégroz über Insektensex und wie lange er dauert. Bild: Deutsche Wespe (Vespula germanica), Zeichnung von André Mégroz.

Massenflucht der Schmetterlinge
Neben seinen Erfahrungen in der Ferne hat der Hobby-Entomologe auch aus der Heimat einiges zu berichten. Kein Tag vergeht ohne Insekten: «Eigentlich könnte ich Tag und Nacht arbeiten», sagt er. «Heute habe ich mir vorgenommen, den Leuchtturm aufzustellen.» Der Leuchtturm, das ist ein Gerüst mit einer Lampe dran und einem feinmaschigen Netz darüber. So will Mégroz nachts Insekten anlocken und fotografieren. Auch sonst habe er noch Zehntausende Bilder zu bestimmen, da werde ihm nicht so schnell langweilig. Bilder, weil der einstige Käfersammler seine Funde seit etlichen Jahren nur noch fotografiert. 

Auch dahinter – wie könnte es anders sein – steckt eine Geschichte: «Einmal war ich in Bolivien im Amazonasgebiet an einem Sandstrand, der war voller Schmetterlinge. Ich habe einen gefangen und ihn ins Glas gesteckt. In diesem Moment fliegen alle anderen Schmetterlinge hoch, hauen ab und kommen den ganzen Tag nicht mehr zurück.» Das war für den Kenner das Zeichen, dass Insekten spüren, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Mégroz’ rationale Erklärung: «Der gefangene Schmetterling hat wahrscheinlich ein Pheromon ausgestossen, das die anderen gewarnt hat.» Das Erlebnis war für Mégroz jedenfalls Anlass genug, sein Verhalten zu ändern: «Seither töte ich keine Käfer mehr.»

So ist Mégroz vom Sammler zum Fotografen geworden, was ihn nicht davon abhält, die Tiere in seiner Umgebung genau anzuschauen. Zuweilen genauer als Wissenschaftler. «Mich fasziniert es, das Verhalten von Insekten zu beobachten und dann Theorien aufzustellen.» Genau die umgekehrte Vorgehensweise als die von Wissenschaftlern. «Darum ergänzen wir uns gut.» Natürlich hat Mégroz ein Beispiel parat. Er zeigt auf eine weissblütige Blume vor seinem Stubenfenster. «Ich habe gesehen, dass eine Blattwespe ihre Eier an diese Christrose gelegt hat.» Die geschlüpften Larven hätten sich unter den Blättern versteckt und daran geschabt. «Aber sie haben kein Loch reingemacht.» Erst, als sie grösser waren, hätten sie sich auf die Blüte getraut. 

Mégroz hatte bald eine Theorie. «Die Christrose hat ein Gift, das die jungen Wes­pen aufnehmen», vermutete er. Erst wenn sie genügend Giftstoffe in ihrem Körper konzentriert hätten, könnten sie sich nach oben trauen, ohne zu riskieren, von Vögeln gefressen zu werden. «Einmal kam ein Spatz und nahm eine», erzählt Mégroz, «der liess sie wieder raus, seither ist das nie mehr passiert.» Deutsche Wissenschaftler hätten Mégroz’ Vermutung aufgeschnappt und angezweifelt. Sie sind der Frage aber dennoch nachgegangen und mussten dem Hobbyforscher – erraten – recht geben. 

André Mégroz erzählt von Ameisenstrassen und Kakerlaken im Urwald von Costa Rica. Bild: Waldameise (Formica sp.), Zeichnung von André Mégroz.

Seine grosse Entdeckung
Der eigentliche Grund, wieso Mégroz in der Faserpelzjacke durch die sanktgallische Dezemberkälte tigert, versteckt sich nicht unter der Christrose. Auch nicht im Buchsbaum oder dem Gebüsch, von dem er noch immer ein paar Nadeln auf dem Rücken hat. Der Grund versteckt sich unter der Lavendelheide. Dort nämlich, und darauf ist Mégroz stolz, das merkt man, dort ist Stephanitis takeyai zu Hause. Eine erst vor Kurzem aus Japan eingeschleppte Gitterwanze. Sie hat der Entomologe entdeckt. Zwar nicht als Erster weltweit, aber doch als Erster in der Schweiz. «Und zwar in der Küche.» Er habe ein unbekanntes Insekt an der Küchenscheibe gesehen, wusste sofort, was es ungefähr sein könnte, schlug sich durch Internet und Fachliteratur und «habe sie innert zehn Minuten bestimmt». 

«Allein hier auf dem Grundstück gibt es über 1000 verschiedene Insekten», sagt André Mégroz, wie um sein Hobby zu legitimieren. «Das ist schon unwahrscheinlich dankbar.» Wollte er Säugetiere studieren, würde er vielleicht irgendwo ein Eichhörnchen finden, oder ab und an mal einen Fuchs. 

Und dann hat er es gefunden, das richtige Blatt. Grün ist es, rötlich braun gesprenkelt. Er dreht es um und weiss schon im Voraus, was zum Vorschein kommt. Kaum einen halben Zentimeter gross. Durchsichtige Flügel, von einem goldbraunen Gitter zusammengehalten. Sitzt einfach da. Seine Wanze.  

 

André Mégroz

 

André Mégroz: Silberfischchen,
Lilienhähnchen und andere Insekten
Taschenbuch, 76 Seiten 
Verlag: VGS Verlagsgesellschaft St. Gallen, ca. 25 Franken 
ISBN: 78-3-7291-1155-4

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