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Brauchtum und Tradition

Die Appenzeller feiern gleich doppelt Neujahr

Unterhaltung | Donnerstag, 12. Januar 2017 07:00, Vera Rüttimann, Storymacher.de

Im Kanton Appenzell Ausserrhoden ticken die Uhren anders: Hier wird die Jahreswende gleich zwei Mal gefeiert, einmal Ende Dezember und einmal Mitte Januar. Auch dieses Jahr stimmen die Urnäscher Silvesterchläuse am 13. Januar ihre Jodel an.

Mit einem «Zäuerli», einem Naturjodel, begrüsst eine Gruppe von «Schö-Wüeschte» das neue Jahr.

Um vier Uhr morgens ist es in Urnäsch noch dunkel. Draussen fällt der erste Schnee des neuen Jahres. In einigen Bauernhöfen und Wirtshäusern wie dem «Ochsen» brennt jedoch schon Licht. Drinnen herrscht hektische Betriebsamkeit. Die Silvesterchläuse bereiten sich auf ihren langen Marsch vor.

Die «Schönen» schlüpfen in Frauenkleider mit bunten Kniebundhosen und schmücken ihr Haupt mit einer grossen und bunt geschmückten Kopfbedeckung. Die «Wüeschte» hingegen bekleiden sich mit einem Gewand aus Rinden, Tannenzapfen und Moos. Zum Start hängen sich alle die schweren Kuhglocken und Schellen um. Mit ohrenbetäubendem Lärm brechen die Gruppen in die Dunkelheit auf, um das alte Jahr zu verabschieden.

Mit diesem jahrhundertealten und einzigartigen Brauch, dem sogenannten Silvesterchlausen, begrüssen die Appenzell Ausserrhödler zweimal das neue Jahr, einmal Ende Dezember und einmal Mitte Januar: Erst nach gregorianischem, dann nach julianischem Kalender. Hier gehen die Uhren buchstäblich anders.

Ein «Zäuerli» zur Begrüssung
Sind die Silvesterchläuse unterwegs, gibt es Momente, in denen die Zeit stehen zu bleiben scheint. Zum Beispiel dann, wenn sich die Gruppe mit ihren Hauben vor einen Bauernhof stellt und dem Senn mit einem «Zäuerli», einem Naturjodel, ein gutes neues Jahr wünscht. So wie dem Bauer Hannes K. und seinen drei Kindern. Zuerst schellen die Glocken, dann setzen hohe Männerstimmen ein, deren Gesang vom heftigen Wind weit über die frisch verschneiten Felder getragen wird.

Der alte Mann lauscht andächtig den alten Liedern. Kein Wort fällt, sein Blick geht in die Ferne. Die ganze Hektik des alten Jahres scheint von ihm abzufallen. Selbst die Tiere in seinem Stall scheinen innezuhalten. Dreimal wiederholt sich der Gesang. Das Ritual wird mit einer Art Feitstanz abgeschlossen, in dem die Schellen heftig geschüttelt werden. Durch einen Strohhalm erhalten die Chläuse vom Landwirt zum Dank einen Schluck Glühwein.

Der «Chuppel», wie sich die Gruppen nennen, zieht weiter zum nächsten Hof. ?Wegen des Schneefalls sind an diesem Morgen fast nur die «Wüeschte» und die «Schö-Wüeschte» unterwegs. Vom Erscheinungsbild her sind sie die Wildesten. Sie ähneln mit ihren Umhängen aus Tannenzweigen, Stroh und Hüten aus Ästen wandelnden Büschen. Die Kinder fürchten sich ein wenig vor ihren Masken.

Für die Urnäscher ist der 13. Januar, der «alte» Silvester, der einzig wahre. Den genauen Ursprung dieses einzigartigen Festes kennt jedoch niemand mehr so genau. Experten bringen die Ursprünge des Silvesterchlausens mit dem spätmittelalterlichen St. Nikolausfeiertag der Klosterschüler in Verbindung. In Quellen wird das Chlausen erstmals 1663 schriftlich erwähnt. Die Kirche wehrte sich heftig gegen das «in der Nacht herumlaufen mit schellen und polderen in Form des Niklausens», das sich immer mehr in die Zeit nach Weihnachten zu verschieben begann.

«Überbleibsel eines sturen Volkes»
Früher lebten die Urnäscher nach dem julianischen Kalender. Als der Papst jedoch den gregorianischen Kalender einführte und sich damit der Beginn des neuen Jahres verschob, erhob sich dagegen der protestantische Unmut. Seitdem wird hier Silvester zweimal gefeiert. «Das Chlausen wurde von der Kirche lange Zeit nicht gerne gesehen. Bis in die 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war eine gewisse Aversion zu spüren», sagt Antonia Brown, die als Museumsführerin in Urnäsch arbeitet. Der alte Silvester ist für sie «das letzte Überbleibsel eines eigenständigen und oftmals etwas sturen Volkes gegen die katholische Obrigkeit».

Bis in die Mittagsstunden sind die Chläuse auf den Feldern unterwegs, bevor sie sich in den Wirtshäusern stärken. Es ist eine äusserst kräftezehrende Tätigkeit, denn Masken und Glocken wiegen allein gut 25 Kilogramm. «Dies erklärt, weshalb nur Männer unterwegs sind», sagt Antonia Brown.

Auf dem Kopfschmuck der «Schönen» ist in Miniatur meist das gesamte bäuerliche Leben dargestellt, das nirgendwo sonst derart urtümlich und liebevoll gepflegt wird wie im Appenzellerland. So zeigen die Motive auf den imposanten Hüten Alpauf- und -abzüge, Alpstobeten, Viehschauen und Sennentänze. Aber auch religiöse Motive sind zu entdecken, etwa der Alpsegen, der Viehsegen oder Darstellungen des Armen-Seelen-Kultes.

Wärme in schwierigen Zeiten
Als es aufhört zu schneien, sind auch die «Schönen» mit ihren Samtkostümen aus Bordüren und Brokat vermehrt zu sehen. Ihre Hüte tragen sie stolz wie Pfaue durch das Dorf, in das sie gegen Abend unter bewundernden Blicken einziehen. Im «Ochsen» wird nahe zusammengerückt. Es ist kalt draussen. Vergnügt sitzen die Leute vor ihren dampfenden Tellern mit Appenzeller Siedwurst und einem Glas «Träsch».

Während die «Zäuerli» angestimmt werden, kommt wohl manch einer der Gäste ins Sinnieren darüber, weshalb Bräuche wie das Silvesterchlausen jedes Jahr an Beliebtheit zunehmen, auch bei Jugendlichen. So viele Chlausen-Chuppel wie heute, sagt ein Kenner, seien schon lange nicht mehr unterwegs gewesen. Antonia Brown, die an diesem Tag ausländische Gäste betreut hat, fasst es so zusammen: «Bräuche wie das Chlausen erzeugen Wärme und Zusammenhalt. Das brauchen die Menschen gerade in Zeiten wie diesen. Deshalb ist die Kirche im Ort mittlerweile der grösste Fan des Silvesterchlausens.»

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