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Jahresrückblick

Helle Köpfe: Die wichtigsten Forscher

Unterhaltung | Dienstag, 27. Dezember 2016, Andrea Barthélémy, dpa/msi

Das renommierte Fachmagazin «Nature» hat die zehn wichtigsten Forscher des Jahres 2016 gekürt. Darunter sind beispielsweise ein Korallenretter und eine untergetauchte Informatikstudentin.

Die laut «Nature» einflussreichsten Forscher des Jahres 2016 haben ein breites Themenspektrum. Ihre Arbeitsgebiete reichen von Gravitationswellen über Künstliche Intelligenz bis hin zu den Rechten von Minderheiten in der Wissenschaft.

«Die Wissenschaftler auf der 2016 ‹Nature›-Zehnerliste sind eine sehr diverse Gruppe», betonte Richard Monastersky, einer der «Nature»-Herausgeber. «Aber sie alle haben wichtige Rollen in grossen Wissenschaftsereignissen des Jahres gespielt, mit dem Potenzial, eine Veränderung auf globaler Ebene zu bewirken.» Ein Überblick über herausragende und auch kontroverse Leistungen:

GO-Champion  
Als Mitbegründer der Londoner Firma DeepMind hatte Demis Hassabis vor allem eines im Sinn – denkende Maschinen zu entwickeln. Zu Jahresbeginn war es soweit: Die Intelligenz-Software AlphaGo, mittlerweile von Google gekauft, besiegte den südkoreanischen Meister im Strategiespiel Go, Lee Sedol, ein ums andere Mal.

Go mit seinen vielen möglichen Spielzügen galt bis zuletzt als zu komplex für Computer. Für «Nature» ein Musterbeispiel für das sich rapide beschleunigende Potenzial künstlicher Intelligenz.

Korallenfreund  
Terry Hughes, einer der international führenden Korallenforscher, schlug Alarm: Das Great Barrier Reef in Australien hat die schlimmste je erfasste Korallenbleiche zu verkraften. In einer 700 Quadratkilometer grossen Region des Riffs starben zwei Drittel der Korallen, weil sie lebenswichtige Algen verloren hatten und durch steigende Wassertemperaturen förmlich gekocht wurden («Tierwelt Online» berichtete).

Hughes wurde zum Sprachrohr der Umweltschützer: «Die Botschaft an die Menschen sollte sein: Das Zeitfenster, in dem wir dem Klimawandel entgegentreten können, schliesst sich.»

Zika-Detektivin  
Als in Brasilien die ersten Kinder mit zu kleinen Köpfen geboren wurden, war die Medizinerin Celina M. Turchi an vorderster Front. Die Regierung beauftragte die Expertin für Infektionskrankheiten, den mysteriösen Fällen im Nordosten des Landes nachzugehen.

Turchi kontaktierte Fachleute aus aller Welt, bildete eine Task Force aus Medizinern vieler Fachrichtungen. Das intensive Networking zahlte sich schliesslich aus: Ein Zusammenhang zwischen einer Zika-Infektion im ersten Schwangerschaftsdrittel und der Schädel- und Hirnfehlbildung konnte nachgewiesen werden.

Kühl-Experte  
Dank des Niederländers Guus Velders wird das schädliche Kühlmittel und Treibhausgas FKW Schritt für Schritt aus Kühlschränken und Co verschwinden. Der Atmosphäre-Chemiker aus Bilthoven in den Niederlanden legte bei den Klimaverhandlungen in Ruanda im Herbst die entscheidenden Zahlen vor, die der gesamten Staatengemeinschaft einen schrittweisen Bann des verbreiteten Kühlmittels Fluorkohlenwasserstoff ermöglichten.

Unter anderem Indien verlangte vier weitere Jahre bis zum Start des Banns - Velders rechnete das durch und fand heraus, dass dieser Aufschub keinen allzu grossen negativen Effekt habe. Also konnte man sich letztendlich einigen.

Fruchtbarkeits-Rebell  
Als 2016 ein Baby mit drei genetischen Elternteilen zur Welt kam, erntete der US-Fruchtbarkeitsexperte John Zhang dafür Glückwünsche wie Proteste. Weil die Mutter an einer seltenen, die Zellkraftwerke (Mitochondrien) betreffenden Erbkrankheit litt, hatte Zhangs Team mit einer neuartigen Technik den gereiften, aber noch unbefruchteten Kern der mütterlichen Eizelle entfernt und ihn in eine entkernte Spender-Eizelle mit gesunden Mitochondrien eingesetzt.

Die so entstandene Zelle wurde mit dem Samen des Vaters befruchtet. Da die Mitochondrien aucg DNA enthalten hatte der so entstandene Embryo genetisch gesehen drei Elternteile: die Mutter, den Vater und die Spenderin der Eizelle mit der mitochandrialen DNA. Neun Monate später kam ein Junge zur Welt. Da die Technik ethisch umstritten ist, hatte Zhang den Eingriff in Mexiko durchgeführt.

Hüter der Genschere  
Der Biologe Kevin Esvelt vom renommierten Massachusetts Institute of Technology in Boston hat selbst schon mit der viel gefeierten Allzweck-Genschere CRISPR-Cas9 gearbeitet. Sie ermöglicht Eingriffe in die DNA und das Herausschneiden bestimmter Bereiche auf relativ einfache Weise.

Doch Esvelt hat Sicherheitsbedenken – denn die Methode könnte auch ungewollte ökologische Kettenreaktionen auslösen oder zum Bau biologischer Waffen genutzt werden. Deshalb entwickelte er das Verfahren weiter, machte es sicherer und umkehrbar – und erntet 2016 damit viel Zustimmung in Wissenschaftlerkreisen.

Planeten-Jäger  
Der Science-Fiction-Fan und Astronom Guillem Anglada-Escudé war eher erleichtert als schockiert, als die Entdeckung des erdnächsten Planeten ausserhalb unserer Sonnensystems feststand. Er und sein Team hatten fieberhaft gearbeitet, um im Wettbewerb der Planetenjäger zu bestehen.

Schliesslich konnten die Forscher um Anglada-Escudé den Planeten Proxima b nachweisen, der den Stern Proxima Centauri umkreist. Proxima Centauri ist der nächste Nachbarstern unserer Sonne mit einem Abstand von rund 40 Billionen Kilometern.

Physikerin für Minderheiten  
Die Kernphysikerin Elena Long erforscht ein bislang unbekanntes Terrain ihrer Zunft: Den Umgang mit schwulen, lesbischen, bi- oder transsexuellen Wissenschaftlern.

Long, selbst eine Trans-Frau, initiierte bei der Amerikanischen Physiker-Gesellschaft (APS) eine Mitgliederumfrage dazu und präsentierte die Ergebnisse bei einer APS-Konferenz: Mehr als ein Fünftel der Betroffenen, die antworteten, hatten Diskriminierung im Jobumfeld erlebt. Jetzt treibt Long die Gleichbehandlung innerhalb der APS voran.

Studien-Piratin  
Mit der Informatikstudentin Alexandra Elbakyan aus Kasachstan wählte «Nature» eine weitere Aktivistin für offene Wissenschaft in die Top 10. Elbakyan betreibt die Piraten-Website «Sci-Hub», über die Studien umsonst und jenseits von Paywalls zu bekommen sind.

2015 wurde Elbakyan vom niederländischen Wissenschaftsverlag Elsevier auf Copyright-Verletzungen und Hacking verklagt. Seitdem ist sie abgetaucht und die Seite wechselt ihre Domains. Kritiker wie Unterstützer glauben, dass «Sci Hub» eine Veränderung losgetreten hat – egal ob die Website dauerhaft besteht.

Zähmerin der Gravitationswellen  
Gabriela González hat beim Nachweis der lang gesuchten Gravitationswellen eine wichtige Rolle gespielt. Die winzigen, bereits von Albert Einstein vorausgesagten Wellen stauchen und strecken den Raum. Ihr Nachweis eröffnete ein neues Kapitel in der Weltraumforschung.

Als Physikerin und Sprecherin am federführenden Ligo-Observatorium in den USA gelang es González, erste Anzeichen für die bahnbrechende Entdeckung Monate lang unter Verschluss zu halten, bis die Funde glasklar bestätigt waren. Dazu musste sie mehr als 1000 Forscher weltweit koordinieren.

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