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Emmanuel Keller: Tierfotograf

«Es tut meiner Seele gut, wenn ich Tieren helfen kann»

3 Kommentare Unterhaltung | Mittwoch, 23. November 2016, Niklaus Salzmann

Fotografie ist für ihn nur Hobby, doch die Bilder des Neuenburgers Emmanuel Keller alias Tambako the Jaguar sind im Web omnipräsent – allen voran diejenigen von Raubkatzen.

Das Schneeleopardenweibchen Dshamilja im Zoo Zürich hat unter einem Baum Schutz vor dem einsetzenden Regen gesucht. Emmanuel Keller steht mit seiner Fotokamera mit armlangem Objektiv an der Abschrankung und beobachtet die Raubkatze. Noch liegt sie, aber sie bewegt sich ein wenig, bald könnte sie aufstehen. Dann wird Keller innert ein, zwei Sekunden bereit sein, um den Auslöser zu drücken.

Mit seinen Raubtierfotografien hat er sich einen Namen gemacht. «Tambako the Jaguar» nennt sich der 39-jährige Informatiker im World Wide Web, und unter diesem Pseudonym veröffentlicht er seine Fotos seit Jahren fast alle unter einer Creative-Commons-Lizenz, die es anderen ermöglicht, die Bilder kostenlos zu nutzen. Es ist wohl die Kombination aus der professionellen Qualität und der Grosszügigkeit (die Erlaubnis zur freien Verwendung), die dazu geführt hat, dass seine Bilder im Netz omnipräsent sind. In Blogbeiträgen, in Newsartikeln, aber auch auf Websites von Non-Profit-Organisationen tauchen sie auf.

Zoo-Jahreskarte als Weihnachtsgeschenk
«Es tut meiner Seele gut, wenn ich mit meinem Hobby indirekt Tieren helfen kann», sagt Emmanuel Keller. Er arbeitet 90 Prozent als Informatiker und ist nicht auf ein Einkommen durch die Fotografie angewiesen – und hat dadurch die Freiheit, nur zu fotografieren, worauf er Lust hat. «Der einzige Druck ist derjenige, den ich mir selber mache», sagt er. Ein bisschen was verdient er aber schon mit seinem intensiven Hobby: Vor einigen Jahren wurde die Bildagentur Getty Images via das Internetportal Flickr auf seine Bilder aufmerksam, seither verkauft er eine kleine Auswahl seiner Fotos auf diesem Weg an kommerzielle Unternehmen. Zudem stellt er viele Bilder via eine Website Künstlern zur Verfügung, die sie für ein paar Dollar als Vorlagen für Gemälde und Zeichnungen verwenden. Einige Hundert Franken pro Monat kommen so herein.

Auf der anderen Seite investiert Keller sehr viel Zeit in die Fotografie. Fast jeden Abend sitzt er am Computer, bearbeitet Bilder, verschlagwortet sie, stellt sie ins Netz, beantwortet Anfragen zur Nutzung. Und es vergeht kaum ein Wochenende, an dem er nicht irgendwo fotografiert. «Meine Eltern schenken mir jedes Jahr zu Weihnachten eine Jahreskarte für den Zoo Zürich», erzählt er. Zwei, drei Mal pro Monat ist er hier und lässt sich überraschen, bei welchem Tier sich gute Situationen für Fotos ergeben.

Diesmal hat er bei den Schneeleoparden Glück, Dshamilja bleibt nicht lange liegen. Sie hinkt in einen anderen Teil des Geheges, Keller drückt ein paar Mal ab und geht dann raschen Schrittes die Treppe hoch, um einen besseren Blickwinkel zu haben. «Sie ist ein Wildfang», erzählt er, «in der Falle der Wilderer hat sie ein Stück ihrer Hinterpfote verloren.» Die Raubkatze wendet ihm das Gesicht zu, und schon drückt er wieder auf den Auslöser.

Über Tierfotos die Liebe gefunden
Im Zürcher Zoo kennt Keller jede Raubkatze beim Namen. Seit 13 Jahren wohnt der gebürtige Neuenburger im Kanton Zürich, soeben ist er nach Fällanden an den Greifensee gezogen. «Ich finde den Zoo Zürich gut, die Tiere haben viel Platz und sind glücklich», sagt er. Entscheidend für seine Karriere als Tierfotograf war aber ein anderer Zoo, derjenige der irischen Hauptstadt Dublin, wo Keller nach Abschluss seines Studiums gearbeitet und gelebt hat. «Ich war damals zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder im Zoo. Der Jaguar faszinierte mich besonders, ich habe ihn beobachtet und fotografiert.»

Bis heute ist der Jaguar sein Lieblingstier, sodass sein Pseudonym «Tambako the Jaguar» noch immer passt. «Es gibt Freunde, die mich Tambako nennen, weil sie mich unter diesem Namen im Internet kennengelernt haben», erzählt er. Das Wort Tambako ist eine Abwandlung von Tambaqui, einer Ortschaft im brasilianischen Amazonasgebiet. Inzwischen hat er allerdings festgestellt, dass sich Jaguare in einer anderen Region Brasiliens leichter beobachten lassen, und zwar im Feuchtgebiet Pantanal. Im September war er zum zweiten Mal dort, mit seiner Freundin, die ebenfalls leidenschaftlich Tiere fotografiert. Die beiden haben sich über das gemeinsame Hobby kennengelernt – der Kontakt entstand über Facebook, wo er eines ihrer Fotos kommentierte.

Mit ihr besucht Keller oft Zoos in Deutschland und Frankreich, natürlich mit den Kameras im Gepäck. Für andere Hobbys bleibt meist weniger Zeit. Früher hat er elektronische Musik auf dem Computer komponiert, hauptsächlich Techno und House, doch nun ist schon länger kein Stück mehr entstanden. Vielmehr spielt er mit dem Gedanken, sich ein neues Hobby zuzulegen: Da er seit September in einer eigenen Wohnung statt einer Wohngemeinschaft lebt, könnte er Katzen halten. «Ich hätte gerne zwei Maine Coons», sagt er. «Sie sind grosskatzenartig, und ich knuddle gerne grössere Katzen.»

Eine intensive Erfahrung mit dem Streicheln einer Katze hat er vergangenes Jahr gemacht, als er als Freiwilliger während zwei Wochen im «South Africa Lion Park» arbeitete. «Ich durfte dort viel Zeit mit einem Geparden verbringen», schwärmt Keller. «Er schleckte meine Hand und mein Gesicht ab. Ich glaube, er hatte mich gern.» Das sei für ihn sogar noch schöner gewesen, als mit jungen Löwen zu spielen.

«Ich möchte einen Jaguar streicheln»
Dabei ist sich Keller bewusst, dass mit Raubkatzen auch Geschäfte gemacht werden, dass etwa Löwen gezüchtet werden, um später für die Jagd verkauft zu werden. Doch dem Park, in dem er bereits zwei Mal war, vertraut er. Er trägt ein T-Shirt von dort, das zwei Leoparden zeigt – eines aus seiner Sammlung von über 30 Raubkatzenshirts. Und 2018 plant er wieder Ferien dort zu machen.

Ins Pantanal zu den Jaguaren will er 2020 wieder fahren. «Ich würde auch gern mal einen Jaguar streicheln», sagt er, «aber das ist schwierig, Jaguare sind im Vergleich zu Löwen und Tigern unberechenbar.» Die Haltung von Jaguaren ist schwierig, in der Schweiz wagt sich kein Zoo daran. Um Jaguare zu fotografieren, muss Keller ins Ausland fahren. Im Zoo Zürich findet er immerhin eine Nachbildung des Pantanal, ohne Jaguare, dafür mit Tapiren und Ameisenbären. Auch von ihnen lassen sich tolle Fotos machen, wie Keller sagt: «Es muss nicht immer eine Raubkatze sein.»

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Kommentare (3)

Jeannine am 05.12.2016 um 16:42 Uhr
Gerade in der Weihnachtszeit sind es diese kleinen, herzerwärmenden Geschichten im Zusammenhang mit Tiererlebnissen, welche uns in schwierigen Zeiten ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Herzlichen Dank für den Denkanstoss.
Tiere sind eben doch die besseren Menschen...

kofkof am 24.11.2016 um 23:43 Uhr
Emmanuel, tu es un des photographes qui arrivent le mieux à capter le regard des animaux, et pour les fauves, peut-être le meilleur !
Je suis content que cet article te rende hommage, tu le mérites bien.

Joachim Fischer am 24.11.2016 um 21:49 Uhr
Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Ich kenne Emmanuel Keller persönlich und weiss, wieviel Arbeit, Zeit und Geduld er investiert, bis all seine wunderbaren Fotos zustande kommen.

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