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«Elliot, der Drache»

Der fliegende Schosshund

Unterhaltung | Mittwoch, 24. August 2016, Matthiäs Gräub

Disney lässt in seinem neuen Kinofilm mal wieder einen Jungen im Wald aufwachsen. Diesmal in Nordamerika und mit einem computeranimierten Drachen. Dieser ist auch gleich der beste Schauspieler des Streifens.

Es ist das perfekte Rezept für einen tollen Gute-Laune-Familienfilm: Man nehme Fuchur aus der «Unendlichen Geschichte», male ihn grün an und packe ihn mit Mogli aus dem «Dschungelbuch» in die Tannenwälder Nordamerikas. Disney präsentiert in seinem neuen Kinofilm das Ergebnis, «Elliot, der Drache».

Doch von Anfang an: Pete fährt mit seinen Eltern im Auto durch den Wald, in die Ferien. «Ein Abenteuer» sei das, erzählt die Mutter, eins, für das man mutig sein müsse. Doch Pete sei «der mutigste Junge, den ich kenne». Das sind ihre letzten Worte, denn gleich darauf springt ein Reh auf die Strasse, Papa am Steuerrad weicht aus und bringt den Wagen zum Überschlagen. Aus ist es mit der Familienidylle. 

Pete, unverletzt, kriecht weinend aus dem Auto und läuft in den Wald. Umzingelt von Wölfen findet er sich auf einer Lichtung wieder, Mut hilft jetzt nicht mehr viel, die Lage scheint hoffnungslos, doch dann tritt Elliot auf, dieser gutmütige Flokati-Drache, der lieber Schleim niest als Feuer spuckt. Er vertreibt die Wölfe – die haben schon Mogli grossgezogen – und nimmt Pete mit zu sich in die Höhle.

Die beiden werden zu einem unzertrennlichen Gespann, spielen Verstecken (Elliot kann sich unsichtbar machen), fliegen zusammen durch die Lüfte und tollen in Bächen herum. Das Schmunzelmonster, wie Elliot im Originalfilm von 1977 noch hiess, trägt die Charakterzüge eines Hundes. Er jagt seinem eigenen Schwanz nach und spielt mit Stöckchen (ausgewachsenen Baumstämmen), grummelt und jault und blickt Pete mit toll computeranimierter Mimik treuherzig an. 

Schlecht gespielt – und doch rührend 
Im Örtchen Millhaven existiert der Drache nur in Erzählungen. Als blutrünstige Bestie. Nur einer ist ihm schon einmal begegnet, ein knorriger Robert Redford alias Mr. Meacham. Seine Geschichte schmückt er bunt aus und erzählt sie den Kindern des Ortes. Die glauben ihm, sonst allerdings niemand. Bis seine Tochter, die Försterin, den mittlerweile zehnjährigen Pete tief im Wald findet. Sie nimmt ihn gegen seinen Willen zu sich, trennt ihn von Elliot. Es ist das Schlimmste, was Pete passieren konnte, aber auch das Schlimmste, was dem Film passieren konnte.

Während die Meachams ein neues Zuhause für den Waisenjungen suchen, gehen die Förster auf die Jagd nach der Bestie, die sie im Wald vermuten (ob es ein Bär ist?). Ihre Dialoge sind dabei so hölzern wie die Baumstämme, die sie fällen. Man spürt förmlich die Regieanweisungen: «Jetzt mach mal auf wütend.» Klischee reiht sich nun an Klischee, die Zivilisation schadet dem Kinoerlebnis; nicht nur Pete wünscht sich in die Wildnis zurück.

Doch irgendwie gewöhnt sich der Zuschauer an den neuen Schauplatz. Taucht ein ins provisorische Familienleben, in die Köpfe der Dorfbewohner. Emotionen kommen hoch. Und aus dem Gute-Laune-Film wird ein durchaus spannender, beklemmender Streifen. Man bibbert, man trauert, man freut sich mit. 

Aus unerfindlichen Gründen funktioniert der Anschlag auf die Tränendrüsen. Vermutlich sind Kinder besser gegen die Disney-Rührseligkeiten gefeit als ihre Eltern. So ist anzunehmen, dass einige Mamas den Kinosaal verheult verlassen werden, während sich die Kids auch einen flauschigen Drachen als besten Freund wünschen.

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