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Federica de Cesco

«Beim Schreiben sagt mir die Katze: aufhören»

Haustiere, Unterhaltung | Dienstag, 19. Juli 2016, Niklaus Salzmann

In ihren Jugendbüchern geht es um Pferde und Wölfe, in ihrer Wohnung in Luzern um Katzen: Nebst dem Schreiben und dem Reisen sind Tiere eine der grossen Leidenschaften von Federica de Cesco.

Am Computer in ihrer Stube in Luzern vergisst Federica de Cesco gern mal die Zeit. Ihr neues Buch muss sie bis Oktober fertiggeschrieben haben, eine wahre Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, «so unwahrscheinlich wie Romeo und Julia», erzählt die Autorin. Wenn sie zu lange vor dem Bildschirm sitzt, ist es die Katze, die sie in die Realität zurückholt. «Beim Schreiben sagt mir die Katze: aufhören!», erzählt sie und strahlt dabei übers ganze Gesicht – in jedem Wort ist ihre Liebe zur Katze zu spüren. «Sie kratzt auf dem Teppich hinter mir, will dann zuerst gekrault werden und einen Augenblick spielen, danach fressen.»

Wer zu Besuch kommt, kriegt das Haustier aber kaum zu sehen. Ninja – so heisst die Katze – versteckt sich vor fremden Leuten, weil sie Angst hat, wieder ins Tierheim zurückzumüssen. Von dort haben die Schriftstellerin und ihr Mann, der Fotograf Kazuyuki Kitamura, die Katze einst geholt. «Eine Zuchtkatze kam nie infrage», sagt sie, «wir wollten eine Tierheimkatze glücklich machen.»

In de Cescos Leben sind Katzen omnipräsent. Im Buch, das sie aktuell schreibt, kommen sie aber nicht vor. Die einzigen Tiere im Roman, der sich an ein erwachsenes Publikum richtet, sind die Hunde der Protagonistin, doch auch diese spielen nur eine Nebenrolle. Nächstes Jahr plant die Autorin dagegen wieder ein Jugendbuch zu schreiben, bei dem Tiere im Mittelpunkt stehen: «Ich möchte eine Wolfsgeschichte schreiben, die in Graubünden spielt.»

Federica de Cesco liebt Wölfe, und die wichtigsten Figuren ihrer Jugendbücher teilen diese Sympathie. Ihr jüngstes Jugendbuch heisst «Shana, das Wolfsmädchen und der Ruf der Ferne» und ist bereits der zweite Roman über die junge Indianerin Shana, die eine enge Freundschaft zu einem Wolf hatte. Bevor sie das nächste Buch schreibt, will de Cesco aber unbedingt noch eine Frage klären, die ihr seit der neusten Meldung über Wolfsrisse nicht mehr aus dem Kopf geht: «Wieso reisst ein Wolf acht Schafe, wenn er nur eines fressen kann? Das muss einen Grund haben, reiner Blutdurst ist es sicher nicht.» Sie werde sich deswegen vielleicht noch mit einem Verhaltensforscher unterhalten müssen. 

Schlechter Charakter bei Kamelen?
In fast all ihren Jugendbüchern, von denen sie inzwischen ungefähr 80 geschrieben hat, geht es um Tiere, um Delfine, Elefanten, Adler und immer wieder Pferde. Bereits in ihrem Erstling «Der rote Seidenschal», den sie als 15-Jährige geschrieben hatte, lernte die Hauptfigur die Kultur der Indianer und damit auch deren Umgang mit Pferden kennen. De Cesco realisierte, wie gut Pferdegeschichten insbesondere bei Mädchen ankommen, und schrieb weitere, wofür sie auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen konnte. «Als ich in Belgien wohnte, hatten die Eltern meiner besten Freundin ein Gestüt», erzählt sie. «Ich ritt draufgängerisch, erst als eine Bekannte beim Springen starb, wurde ich etwas vorsichtiger.»

Fasziniert ist sie von Indianern, die ihre Pferde ohne sichtbare Zeichen lenken. «Ich bin überzeugt, Tiere haben eine telepathische Verbindung zu Menschen», sagt sie. Wobei es nicht mit jedem Tier gleich gut klappt, wie sie selber merkte, als sie mit Nomaden unterwegs war und ein Kamel ritt. «Kamele haben einen miesen Charakter, sie haben nur den Wunsch, den Reiter zu beis­sen.» Heute ist Federica de Cesco 78 Jahre alt und reitet nicht mehr. Doch noch immer ist sie viel draussen und bewegt sich gerne, geht täglich schwimmen und benutzt grundsätzlich die Treppe statt den Lift, um zu ihrer Wohnung im ersten Stock zu gelangen. Oft ist sie auch unterwegs, gibt Lesungen, besucht mit ihrem Mann, den sie liebevoll «Chéri» nennt, dessen Heimat Japan oder fliegt mit ihm für ein paar Tage nach London, um einige klassische Konzerte oder auch mal ein Musical zu sehen und zu hören.

Im Flugzeug liest sie, derzeit «Vingt ans après» («20 Jahre später»), den zweiten Teil zu «Die drei Musketiere» von Alexandre Dumas. Statt den dicken Wälzer mitzuschleppen hat sie ihn auf ihren E-Book-Reader geladen, natürlich im französischen Original. Sie selber hat ihre ersten Geschichten einst auf Französisch geschrieben, später dann auf Deutsch gewechselt, weil sie mit den Übersetzungen nicht zufrieden war. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Italiener, aufgewachsen ist sie mit ihnen in Italien, Äthiopien, Deutschland und Belgien. 

In der Schweiz lebte sie mit ihrem Mann zuerst am Genfersee, zog dann aber nach Luzern, weil von da aus die Anreise zu den meisten Lesungen weniger weit ist. Zum See, auf den sie vom Balkon aus einen wunderbaren Blick geniesst, sind es nur ein paar Schritte, und auch die Mentalität der Luzerner mag sie, «es ist ein Mischung aus schweizerisch-liebevoll und italienisch-lebhaft».

Bei ihr selber sind die italienischen Wurzeln im Temperament deutlich zu spüren. Sie scheut sich nicht, auch mal zu Kraftausdrücken zu greifen, etwa wenn sie über ihren früheren Verlag spricht, der ihr Buchtitel wie «Mondtänzerin» diktierte und am liebsten eine «blöde verzückte Frau» auf dem Cover abbildete. Richtig wütend wird sie beim Thema Tierschutz – wenn sie über diejenigen redet, die für Elfenbein Elefanten abschiessen und für angebliche Medizin Tiger ermorden, kommen der Dame erstaunlich böse Worte über die makellos geschminkten Lippen. 

Nichts Grausames oder Brutales
In ihren Büchern achtet sie dagegen streng darauf, nichts Grausames zu beschreiben. «Mir macht Sorgen, wenn Kinder keine Empathie mehr haben, weil sie zu viele Videogames spielen», sagt sie. Mit ihren Büchern will sie Gegensteuer geben. «Wenn in meinen Geschichten ein Kind etwas Schlimmes gemacht hat, sieht es am Ende seine Schuld ein und findet oft eine Form von Wiedergutmachung – das ist mir wichtig», erklärt sie. Auch wenn sie ein totes Tier oder einen Menschen beschreibt, wird es nie brutal, sie wählt vielmehr Formulierungen, die Mitgefühl auslösen. 

Ein verstorbenes Tier hat gar in ihrer Stube, die im japanischen Stil eingerichtet ist, einen prominenten Platz – eine Katze natürlich, die Vorgängerin von Ninja. In einem Schrein stehen eine Kartonschachtel mit deren Foto und daneben ein Säckchen. Die Schachtel enthält ein Puzzle mit dem Bild der Katze, das Säckchen die Asche. 

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