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Ausflug

Wo das Salz herkommt

Unterhaltung | Mittwoch, 9. Dezember 2015 10:10, Niklaus Salzmann

Seit über 300 Jahren wird in Bex VD Salz gewonnen. Wer das Bergwerk besichtigt und den Spuren historischer Minenarbeiter folgt, lernt den Wert des für uns alltäglich gewordenen Mineralstoffs so richtig schätzen. 

Der Stollen, durch den die Besucher bei Bex in den Berg hineingehen, ist so niedrig, dass sich grosse Leute bücken müssen. Mit Hammer und Meissel wurde dieser Stollen einst aus dem Stein gehauen, gerade Mal fünf Meter pro Monat haben die Arbeiter geschafft, wie die Besuchergruppe später erfährt. 

Der Stollen führt in einen runden Saal mit Becken entlang der Wände, aus denen der Geruch von Salzlake aufsteigt. 300 Gramm Salz lasse sich aus jedem Liter der Sole gewinnen, erklärt der Führer den Besuchern, rund zehn Mal mehr als aus Meerwasser. Nur ein kleiner Teil davon wird als Speisesalz verkauft, das meiste landet in der Industrie, in Produkten, von denen eine Auswahl hier in einer Vitrine ausgestellt ist: Waschpulver, Filzstifte, Seife, Leim, aber auch Kosmetikprodukte, wie sie in der Boutique beim Eingang zur Salzmine verkauft werden. 

In einem Film wird den Besuchern ein kurzer Abriss über die Geschichte der Salzmine im Waadtland gegeben. Der Legende nach waren es Ziegen, welche in der Region bestimmte Quellen bevorzugten, da das Wasser dort besonders viel Salz enthielt. So führten sie die Menschen auf die Spur des Salzes im Berg, das sich hier vor Hunderten Millionen Jahren abgelagert hatte, als noch das Meer die Landschaft bedeckte, lange bevor sich die Alpen erhoben. 

Mit dem Schüttelzug ins Berginnere
Als das Salzvorkommen im Waadtland vor über 500 Jahren entdeckt wurde, gehörte die Region den Bernern. Diese begannen dann auch mit der systematischen Salzgewinnung, nicht zuletzt, um die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland zu verringern. 

Das Rauschen eines Zuges holt die Besucher zurück in die Gegenwart. Es ist der «TGV», wie der Führer schmunzelnd ankündigt, der «train à grandes vibrations», der Schüttelzug, der die Gruppe tiefer in den Berg hineinbringen wird. Doch vor dem Einsteigen betasten die Touristen noch die Spuren von Hammer und Meissel an der Wand und werfen einen Blick in einen Schacht, der mit diesen Werkzeugen gegraben wurde – 45 Meter weiter unten erblicken sie Wasser, der Grund liegt nochmals 25 Meter tiefer. Pech nur, dass dort nirgends Salz gefunden wurde. 

Auf der Suche nach dem weissen Gold mussten sich die Arbeiter damals mühselig tiefer in den Fels vorgraben. Die Besucher haben es heute bequemer, zehn Minuten dauert die Fahrt mit dem Minenzug – ein Höhepunkt der Besichtigung, zumindest für die Kinder. Unterwegs beginnt es faulig zu riechen, und das hört auch nicht auf, als die Passagiere nach 1,6 Kilometern aussteigen. «Es sind die versteckten Ostereier, die wir nicht gefunden haben», scherzt der Führer, doch er klärt dann doch noch auf: Es ist der Geruch von Schwefel, nicht gerade angenehm in der Nase, aber ungefährlich. 

Ganz im Gegensatz zum berüchtigten Grubengas, das völlig geruchlos ist, aber in der Vergangenheit das Leben vieler Mineure kostete. Ein Funken zwischen Hammer und Meissel konnte genügen, um das methanhaltige Gemisch zum Explodieren zu bringen. Die Mineure pflegten früher jeweils einen Kanarienvogel in einem Käfig zu halten. Solange der Vogel sang, war alles in Ordnung. Lag der Vogel aber am Boden, hiess es die Grube sofort zu verlassen – offenbar war die Gaskonzentration gefährlich hoch geworden.

Grubengas tritt auch heute noch aus, wenn ein Tunnel gebohrt wird. Mit Röhren wird es aus dem Berg geleitet, und der Kanarienvogel ist durch ein elektronisches Messgerät ersetzt worden. Seit über 50 Jahren gab es in Bex keine Explosion mehr, sodass die Besucher dem Führer unbesorgt durch die Stollen folgen können. Er leitet sie allerdings nicht dorthin, wo die Mineure am Werk sind, sondern zu einer Leinwand in einer Kaverne mit Salzablagerungen an der Decke. 

Staub, Lärm, Schmutz lassen sich nur erahnen, wenn die Besucher in einem zweiten kurzen Film die Arbeiter virtuell in einen Stollen begleiten. 800 Meter tiefe Löcher bohren die Maschinen in den Fels. Falls sich in den entnommenen Proben Salz findet, wird dann mit hohem Druck Wasser hineingepresst. Das Salz löst sich im Wasser, und beides zusammen fliesst als Sole wieder heraus. Anschliessend wird es gereinigt – das Speisesalz darf selbstverständlich nicht mehr nach Schwefel riechen – und durch Verdunsten vom Wasser getrennt. 

734 Stufen mit vollen Hutten
Auf diese Weise werden in Bex jeden Tag rund 100 Tonnen Salz aus dem Berg geholt. Das steht in keinem Vergleich zu früher, als die Steine zum Waschen an die Oberfläche getragen wurden. Die ausgestellten Traghutten, eine Art hölzerne Rucksäcke, haben ein Leergewicht von zehn Kilogramm. Wenn der Führer erzählt, dass die Arbeiter mit den vollen Hutten 734 Stufen zu erklimmen hatten, tut der Rücken schon vom Zuhören weh.

hren Abschluss findet die Führung in einer Ausstellungsgrotte, die nochmals in die Geschichte der Salzmine eintauchen lässt. Die Besucher gehen entlang verschiedener Laternenmodelle, von den gefährlichen Öllampen über Petroleumlampen hin zu Karbidlampen, die hier einst im Einsatz waren. Sie erhalten Einblick in eine historische Garderobe der Minenarbeiter. Und nicht zuletzt können Kinder selber Hand anlegen und versuchen, mit Hammer und Meissel ein Loch in der Wand etwas zu vergrössern. 

Wer eine Flasche dabei hat, darf sie an einem Brunnen füllen, um zu Hause selber mittels Verdunstung Salz daraus zu gewinnen. Der Brunnen bietet aber noch eine andere Überraschung, zumindest für die jeweils erste Gruppe des Tages. Aus dem Rohr fliesst nicht nur Salzwasser, sondern auch Grubengas. Der Beweis? Den liefert der Führer, indem er das Gas mit dem Feuerzeug anzündet. Ein schönes Schlussbouquet, bevor das Bähnchen die Besucher wieder an die frische Luft bringt. 

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