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Kino

Gefangen in der Manege

Unterhaltung | Dienstag, 15. September 2015 06:00, Oliver Loga

Im Dokumentarfilm «Wild Women and Gentle Beasts» stehen Dompteurinnen aus verschiedenen Ländern mit ihren Raubtiernummern im Rampenlicht. Die Schweizer Regisseurin Anka Schmid gewährt Einblicke in einen Alltag voller Leidenschaft und stetiger Todesgefahr.

Löwen springen durch brennende Reifen, Tiger machen «Männchen» und ein junger Braunbär schlägt Purzelbäume. Was wie ein Relikt längst vergangener Zeiten wirkt, lockt in manchen Manegen immer noch Zuschauer an – nicht nur in fernen Ländern, sondern auch in Frankreich und Deutschland. Da ist zum Beispiel Carmen Zander. Die ehemalige DDR-Meisterin in der rhythmischen Sportgymnastik sattelte nach der deutschen Wiedervereinigung um und besuchte eine Artistenschule. Seitdem ist sie mit ihren Tigern unterwegs. «Ich setze mich dafür ein, dass Raubtiere im Zirkus auftreten dürfen, weil sie Beschäftigung brauchen», sagt Zander. Für sie sind ihre Tiger Familienmitglieder. Entsprechend liebevoll geht die 40-Jährige mit ihren Tieren um und spricht sie mit «Mäus­chen» oder «Schatz» an.

Anders als Carmen Zander sind die anderen Protagonistinnen im Film «Wild Women and Gentle Beasts» keine Quereinsteigerinnen, sondern in Zirkusfamilien geboren. Die 19-jährige Französin Namayca Bauer etwa ist mit Löwen gross geworden. Sie liebt das Leben mit den Raubkatzen. Der Kontakt mit Menschen ausserhalb des Zirkus behagt ihr weniger. «Ich vermische mich nicht gerne mit anderen. Warum weiss ich selber nicht so genau», sagt die junge Frau.

In dasselbe Horn bläst Aliya Takshantova. Die Russin arbeitet unter den strengen Blicken ihrer Mutter mit Braunbären. «Ich mag Menschen eigentlich nicht. Ich liebe nur die Tiere», verrät die 27-Jährige. Ihr Umgang mit den Bären ist entsprechend sanft und geduldig, zumindest vor der Kamera. Mutter Nadezhda gibt aber auch zu, dass es schon einmal Schläge auf die Tatzen und Ohrfeigen gibt, wenn die Bären kratzen oder beissen. 

Leben zwischen Freiheit und Abhängigkeit 
Bei aller Liebe zu ihren Raubtieren sind sich die Dompteurinnen bewusst, dass ihre Arbeit lebensgefährlich ist. Man müsse sich stets vor Augen führen, dass etwas passieren könne, sagt die Löwenbändigerin Bauer. «Respekt reicht nicht aus, man muss auch Angst haben. Und Angst ist ein ständiger Begleiter», fügt Tigerexpertin Zander hinzu.

Die Schweizer Regisseurin Anka Schmid hatte dagegen keineAngst, die harsche Realität hinter den funkelnden Bildern der Zirkuswelt zu beleuchten. Sie verzichtet zwar auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Tierdressur. Stattdessen ermöglicht Schmid eine bedrückende Sicht auf das Leben der Artistinnen, das von Verzicht und Disziplin geprägt ist. 

Filmplakat Wild Women Gentle Beasts
Kinokarten zu gewinnen
Wer am Montag, 21. September, um 10.15 Uhr unter der Telefonnummer 062 745 94 87 anruft, hat die Chance, zwei Karten für ein Kino seiner Wahl zu gewinnen. Viel Glück!

In intimen Begegnungen erzählen die Frauen von ihren Wünschen und Sehnsüchten, von ihrem Alltag und ihren Erfahrungen zwischen Bewunderung und Ausgrenzung. Dabei wirken sie oft wie Tiere, die die Freiheit nicht kennen und damit überfordert wären. Die Tierbändigerinnen wenden ihre ganze Kraft für den Kampf um ihre Daseinsberechtigung als Dompteurin auf – ein Beruf, der in Zukunft nicht mehr praktiziert werden darf und bereits heute in vielen Ländern verpönt ist.

Schmids Film strotzt genau wie die Raubtiere vor unbändiger Kraft, stimmt aber gleichzeitig nachdenklich. Er stellt das Bild der Schönen und des Biests auf die Probe und lässt den Zuschauer mit dem Gefühl zurück, dass nicht nur die Tiere Gefangene des Zirkus sind, sondern auch die Menschen, die dort arbeiten und aufwachsen. 

«Wild Women and Gentle Beasts», Dokumentarfilm, 96 Minuten, Studio: Xenix Film, ab sofort in ausgewählten Schweizer Kinos.

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