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Wässermatten im Oberaargau

«Lebensraum für gefährdete Arten»

Natur & Umwelt | Dienstag, 10. Juli 2018 11:00, Interview: Leo Niessner

Mit dem Ziel, die letzten Wässermatten zu sichern, liegt die kantonale Überbauungsordnung (KÜO) in Bern öffentlich auf. Für Manfred Steffen vom Verein «Lebendiges Rottal» geht sie zu wenig weit.  

Herr Steffen, der Verein «Lebendiges Rottal», den Sie präsidieren, setzt sich für den Erhalt der Wässermatten ein. Mit welchem Ziel?
Einerseits geht es darum, eine traditionelle Kulturform der Wiesenbewässerung und -düngung zu erhalten. Ihre Ursprünge reichen zurück in die Zeit um 1100. Im 13. Jahrhundert wurde sie durch die Zisterzienser Mönche des Klosters St. Urban in der Grenzregion der Kantone Aargau, Bern, Luzern dann so richtig gefördert. Neben dem Erhalt einer Tradition und vielfältigen Landschaft geht es dem Verein Lebendiges Rottal aber auch darum, ein einzigartiges Lebensraummosaik zu erhalten.

Was macht es so speziell?
Dank des regelmässigen Wässerns und des vielfältigen, mit kleinen Gräben strukturierten Reliefs gibt es mehr feuchte Nischen. Sogar Riedflächen, Bächlein, Tümpel, Hochstaudensäume und Hecken prägen das Bild. Sie bieten selbst gefährdeten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum. Etwa die Sumpfschrecke, der Violette Silberfalter oder die Dorngrasmücke sind hier zuhause. Gerade in einer Zeit, in der solche Lebensräume sehr selten geworden sind, ist es wichtig, Gebiete wie die wenigen verbliebenen Wässermatten zu schützen und die Artenvielfalt zu fördern.  

Auf welche Art und Weise?
Durch gezielte Bewirtschaftung des Gebiets kann man die isolierten Restpopulationen dieser Arten wieder vergrössern und zu deren Vernetzung neue Lebensraumtrittsteine anlegen.

Weshalb wurden Wässermatten angelegt, es regnet doch ausreichend im Mittelland?
Mit dem Wässern machte man sich die Tatsache zunutze, dass Bachwasser abgeschwemmte Tonmineralien und organisches Material mitführt. Diese natürlichen Düngestoffe setzen sich beim Überrieseln der Wiesen ab. Auf diese Form der Nährstoffzufuhr war man angewiesen, denn der wenige vorhandene Mist des Viehs musste zum Düngen der Äcker genutzt werden. Im 19. Jahrhundert erkannte man schliesslich, dass der Anbau von Klee einen positiven Dünge-Effekt hatte.

Inwiefern?
Klee lebt in Symbiose mit Knöllchenbakterien, welche Luftstickstoff fixieren und dem Klee verfügbar machen können. Durch das gezielte Ansäen von Klee, konnte der Heuertrag der Wiesen gesteigert werden, so auch mehr Vieh gehalten werden. Dank der Einführung der Stallhaltung fiel dann auch Mist und Gülle konzentriert an. Ein enormer Aufdüngungsprozess der Landschaft startete. 

Wie machte er sich bemerkbar?
Guano, die Exkremente von Seevögeln, und mineralische Dünger wurden importiert und die sehr intensive Landbewirtschaftung mit Erfindung des Kunstdüngers wurde möglich. Die Wässermatten verloren entsprechend an Bedeutung, wurden an den meisten Orten aufgegeben und in Ackerland umgewandelt. 

Die Sicherung der letzten gewässerten Flächen ist Thema der kantonalen Überbauungsordnung (KÜO) im Oberaargau, die der Kanton Bern am Montag öffentlich aufgelegt hat («Tierwelt Online» berichtete). Sind Sie mit der Vorlage zufrieden?
Davon habe ich schon etwas mehr erwartet. Immerhin handelt es sich um die letzten Wässermatten des Schweizerischen Mittellands, die im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) aufgenommen wurden und sogar ein Kulturerbe von europäischer Bedeutung sind. Man hätte die Chance gehabt, wieder mehr auf die wirklich traditionelle extensive Bewirtschaftung ohne die neuzeitliche Zusatzdüngung zu setzen. Die Überbauungsordnung hätte sich zum Beispiel an der Wässermatten-Schutzverordnung des Kantons Luzern orientieren können. 

Was würde das konkret bedeuten?
Die wertvollen Lebensräume in den Wässermatten könnten ähnlich wie in der Luzerner Verordnung geschützt werden. Zum Beispiel mit einer gewissen Düngebeschränkung und der Regelung der Schnittzeitpunkte bei den wertvollen Hochstaudensäumen und Riedbereichen. Nun liegt es an den Gemeinden, diese Naturwerte von grosser öffentlicher Bedeutung in ihren Ortsplanungen zu sichern.

Mit welchen Mitteln?
Mit einem entsprechenden Artikel im Bau- und Zonenreglement, und die wertvollsten Lebensräume durch eine Naturschutzzone. Es gibt zum Glück bereits Gemeinden, aktuell beispielsweise Melchnau und Pfaffnau, die ihre öffentliche Verantwortung diesbezüglich wahrnehmen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Berner Wässermatten?
Dass die seltenen Wässermatten-Arten durch gezielte Massnahmen und Lebensraumvernetzung weiter gefördert werden können. Konkret setzen dies Landwirte im Vernetzungsprojekt Altbüron-Pfaffnau um. Auch mehrere Landwirte im Rahmen des Managementplans des Smaragdgebietes Oberaargau bieten dazu bereits Hand. So bereichern aktuell bunt blühende Hochstaudensäume die Wässermatten. Darin brüten bereits wieder Sumpfrohrsänger. Bei der Mahd mitten in der Matte stehen gelassene Rückzugsstreifen geben etwa der Sumpfschrecke sichere Inseln, um ihre Entwicklung bis zur Fortpflanzung abzuschliessen, und dem Schachbrettfalter geeignete Eiablageplätze.

 

 


Zur Person


Manfred Steffen, 49, ist in Lotzwil BE zuhause. Er ist Präsident des Vereins Lebendiges Rottal. 


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