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Südmähren

Wo die Tschechen Wein statt Bier trinken

Natur & Umwelt | Montag, 4. Juni 2018, Matthias Gräub

Südmähren ist der Weingarten von Tschechien. Das Klima zwischen den Rebbergen entlang der Thaya sorgt für eine prächtige Natur – und verleitet Adelsfamilien zu merkwürdigen Spässen. 

Ein lauer Wind zieht durch die dürren Baumstämme. Das Knarren vermischt sich mit dem schüchternen Klopfen eines Spechts hoch oben im Geäst. «Es hat lange nicht geregnet, deshalb ist vieles schon verblüht», erklärt Reiseleiterin Marina in tadel-losem Deutsch. Der Blick wandert gen Boden, wo gerade etwas Langes, Dünnes Reissaus nimmt und sich ins trockene Gras am Strassenrand schlängelt.

Es war nur eine Blindschleiche und keine der fünf Schlangenarten, die hier, im Nationalpark Podyjí leben. Marina hat sie auf einem kleinen Zettel notiert: «Ringelnatter, Kreuz-otter, Schlingnatter, Würfelnatter, Äskulapnatter.» Sie ist sichtlich stolz auf das, was die Natur hier in Südmähren zu bieten hat. «Wir haben auch 65 Säugetierarten und 77 geschützte Pflanzen», liest sie vom Zettelchen ab.

Der kleinste Nationalpark der Tschechischen Republik windet sich auf rund 40 Kilometern Länge dem österreichisch-tschechischen Grenzfluss Thaya entlang. Dies- und jenseits der Grenze hatte die Natur jahrzehntelang Zeit, sich in Ruhe zu entfalten. Der Eiserne Vorhang machte das Thayatal während des Sozialismus in der damaligen Tschechoslowakei zum unüberbrückbaren Hindernis.

Wobei: Das ist es auch heute noch fast, denn die Thaya hat über die Jahrmillionen eine Schlucht in das Gestein gefräst, die stellenweise mehr als 200 Meter tief ist. Entsprechend ist an ihrem Ufer ein sogenanntes Talphänomen zu erleben. Im weitgehend windgeschützten Tal überleben Pflanzen- und Tierarten, die eigentlich in der ungarischen Steppe zu Hause wären und für die es auf diesen Breitengraden zu kalt sein müsste.

Weinbau ist Familiensache
Reiseleiterin Marina ist etwas abseits des Weges auf die Knie gegangen und hält einen Büschel besonders borstiger Grashalme in der Hand: «Hier haben wir die einzige Steppe in ganz Tschechien.» Sie mag recht haben, aber entstanden sind diese Mini-Flecken Steppe nicht wie etwa die Puszta in Ungarn vor Jahrtausenden, sondern im Mittelalter durch die Rodung der Eichenwälder und durch Kühe und Schafe, die in der Folge auf den neuen Flächen grasten.

Nichtsdestotrotz vermag das Klima in Südmähren zu überraschen. Wer die tschechische Trinkkultur untrennbar mit Bier gleichsetzt, wird hier eines Besseren belehrt: die Südhänge der sanften, lang gezogenen Hügel tragen reihenweise Reben, die oft noch jung sind und kaum Ertrag geben. Die Weinberge wechseln sich ab mit schier endlosen gelb blühenden Rapsfeldern, die an die Zeit der grossbäuerlichen Kolchosen erinnern. 

Links und rechts der Strasse in Richtung Osten bekommt das Auge des Naturliebhabers einiges zu sehen. In den endlosen Furchen der frisch bestellten Äcker tollen Feldhasen umher, balzen Fasane um die Gunst ihrer Weibchen und äugen ganze Rehfamilien skeptisch durch die Landschaft. Aus einem kleinen Stausee, über den eine Stras­senbrücke führt, ragt eine einsame Kirche. «Sie stand auf dem Hügel über einem Dörfchen», sagt der Fahrer in gebrochenem Englisch. «Alle anderen Häuser wurden geflutet.»

Vor allem reiht sich aber auf der Reise Weinkeller an Weinkeller – schmale, zweistöckige Reihenhäuschen. Jedes ist in seiner eigenen Farbe angepinselt und beherbergt die Lese von einer der Weinparzellen. Statt Grossbauern sind die südmährischen Weinbauern in Familienbetrieben organisiert. Das Gebiet entlang der Thaya ist bei Weitem die grösste Weinregion Tschechiens. 

Entsprechend prominent vertreten sind die Grünen Veltliner, Welschrieslinge und Chardonnays aus Südmähren auch im «Salon du Vin», dem Kellergeschoss des imposanten Barockschlosses im Städtchen Valtice. Hier werden jedes Jahr die hundert besten Weine Tschechiens ausgezeichnet und für jedermann zur Degustation angeboten.

Jagdverrückte Liechtensteiner
Ein Dorf weiter, in Lednice, steht ein noch prächtigeres Schloss: Eisgrub heisst es auf Deutsch und gebaut wurde es einst für die Adelsfamilie Liechtenstein. Genau – die Liechtensteins, die heute ihr eigenes «Ländle» zwischen der Schweiz und Österreich regieren. Ursprünglich aus der Region um Wien stammend, liess sich das Adelshaus im 13. Jahrhundert hier nieder und fühlte sich allem Anschein nach pudelwohl. 

Das lässt zumindest der Blick auf die weitläufige Parkanlage vermuten. Ein fünf Kilometer langer Flanierweg rund um einen kleinen See führt zu einer ungewohnten Sehenswürdigkeit. Da ragt ein Minarett 60 Meter in den Himmel, und niemand weiss so genau, wieso. Muslime waren die Liechtensteins nämlich nie. Eine Legende besagt, dass Fürst Alois Ende des 18. Jahrhunderts eine Kirche in seinem Schlosspark bauen wollte, aber keine Baugenehmigung erhielt. Also habe er aus Trotz ein Minarett gebaut. 

Touristen mögen es ihm heute danken. Denn auch wenn die 300 Wendeltreppenstufen erst einmal für einen gehörigen Drehwurm sorgen, bietet sich von oben ein traumhafter Ausblick auf das Schloss, aber auch auf den Rest der Unesco-Welterbestätte inklusive ihrer Vogelwelt. Wer den Feldstecher dabeihat, sieht den brütenden Weissstörchen von hier aus direkt ins Nest, darunter gleitet ein Nachtreiher übers Wasser. 

Das Faible der Liechtensteins für Tiere war etwas anderer Art: Sie waren leidenschaftliche Jäger, wie ein langer Gang von Hirschtrophäen beweist – jedes Exemplar beschriftet mit Jagdort, Jahrzahl, Gewicht des erlegten Tieres und Zusatzinformationen wie «Morgenpürsche». Der humoristische Clou dürfte aber das «Einhorn» sein, das neben einem ausgestopften Falken von der Wand grüsst. Ein nachgebildeter Pferdekopf mit einem aufmontierten Narwalhorn.

Keine Fledermäuse in der Höhle
50 Kilometer weiter nördlich, jenseits von Brünn, der grössten Stadt der Region, liegt der Mährische Karst, eine Kalkfelsenlandschaft mit tiefen Canyons und weitverzweigten Höhlen. Eine der bekanntesten von ihnen, die Punkva-Höhle, kann mit Booten befahren werden. Ein Dutzend tschechischer Nah-Urlauber gondelt in dem flachen Motorboot zwischen gefährlich spitz herabragenden Stalaktiten hindurch. Ab und zu ist Kopf einziehen gefragt. Vor allem aber lachen die Tschechen über den offensichtlich urkomischen Kommentar des Bootsführers.

Ein Biologe übersetzt die Sprüche so gut es geht auf Englisch, kommt aber kaum hinterher und beschränkt sich schliesslich darauf, zu erzählen, wie die Höhlen Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden, wie lang das Höhlensystem seien und wieso es hier keine Fledermäuse gäbe. Die Höhle hätte ursprünglich keinen oberirdischen Eingang gehabt, deshalb sei sie nie die Heimat von Fledermäusen gewesen. Das habe sich in den letzten hundert Jahren nicht geändert.

Für die Touristen wurde nicht nur ein Eingang in den Berg gefräst und die Bootstour durch die Tropfsteinhöhle eingerichtet, sie kommen neuerdings auch per Gondelbahn aus der Schlucht hinaus. Kaum zwei Minuten dauert die steile Fahrt, aber der Blick hinunter in den Abgrund ist atemberaubend. Erst recht, wenn das Auge dem Turmfalken zu folgen vermag, der gerade Beute gemacht hat und sie nun seinem Nachwuchs in der Felsnische bringt. 

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