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Pferderennen

Schwere Zeiten für Galopper

1 Kommentare Nutztiere | Dienstag, 11. Juni 2019, Oliver Loga

In der Schweiz erfreuen sich Pferderennen grosser Beliebtheit. Sie geraten finanziell aber immer stärker unter Druck. Dennoch setzen die Organisatoren alles daran, um einen reibungslosen Ablauf und einen tiergerechten Umgang zu ermöglichen. 

Ein Hauch von Ascot – dem traditionsreichsten und berühmtesten britischen Pferderennen – umweht die Rennbahn im zürcherischen Dielsdorf. Elegant gekleidete Damen fallen mit ihrem extravaganten Kopfschmuck ins Auge. Genüsslich nippen sie an Cüpligläsern, während ihre männlichen Begleiter in feinem Zwirn gekleidet sind und kräftig an imposanten Zigarren ziehen, um anschliessend Rauchringe in die Luft zu blasen. 

Ein paar Meter entfernt geht es auf der Stehplatztribüne deutlich zünftiger zu und her. Dort haben sich die Besucher weniger in Schale geworfen und lieber sportlich-legere Outfits angelegt. Statt mit Champagner befeuchten sie ihre trockenen Kehlen mit frisch gezapftem Bier. Eines haben die beiden unterschiedlichen Klientele aber gemeinsam: die Leidenschaft für Wetten und schnelle Pferde. Entsprechend lautstark peitschen alle Zuschauer ihre Favoriten mit lang gezogenen Anfeuerungsrufen an. Auch wenn nicht alle auf das richtige Pferde gesetzt haben, ist dem Sieger der faire Applaus und die Anerkennung des gesamten Publikums sicher. 

Wer einmal die Atmosphäre an einem Renntag in Dielsdorf erlebt hat, spürt, dass Pferderennen in der Schweiz eine besondere Bedeutung haben. Die perfekten Bedingungen vor Ort, die viele Zuschauer als selbstverständlich ansehen, bedürfen aber einer Menge Organisationsarbeit hinter den Kulissen. «Bereits einige Wochen vor den Renntagen gibt es eine OK-Sitzung mit allen Beteiligten, um die Abläufe zu koordinieren», sagt Barbara Heller, Vorstandsmitglied und Kommunikationsverantwortliche des Rennvereins Zürich. 

Pferderennen 2019 in der Schweiz
> 395 Rennen (224 Trab – 19 weniger gegenüber dem Vorjahr; 171 Galopp – 7 weniger).

> 4 442 000 Franken Preisgeld
(Trab:  2 259 000 Franken, das sind 185 000 Franken weniger; Galopp: 2 183 000 Franken,
oder 72 000 Franken weniger).

> Die meisten Rennen finden in Avenches VD statt. Dort gibt es von März bis November über 23 Rennen. 2018 waren es allerdings noch doppelt so viele.

Dazu gehören die Verpflegung des Publikums, logistische Aufgaben wie der Pferdetransport und die Betreuung von Sponsoren, die teilweise eine Ausstellungsfläche während des Anlasses benötigen. Auch der reibungslose Ablauf der Wetten müsse gewährleistet sein. Das beginne bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie der Stromversorgung, damit die zahlreichen Monitore reibungslos funktionieren und die Wettquoten anzeigen, erklärt Heller.

Hohe Ausgaben, geringere Einnahmen
Am wichtigsten sei aber ganz klar der sportliche Teil, betont Heller. «Das Wohl der Tiere hat bei uns die oberste Priorität. Sie sind schliesslich die Hauptdarsteller.» Die zahlreichen Helferinnen und Helfer kümmern sich deswegen unter anderem um einen optimal präparierten Boden, der die Verletzungsgefahr minimieren soll; um fachgerecht eingestreute Boxen für eine möglichst angenehme Unterbringung und um die medizinische Versorgung der Vollblüter.

Trotz des gewaltigen Aufwandes und des Herzblutes, das die Beteiligten einfliessen lassen, hat der Schweizer Pferderennsport bereits bessere Tage erlebt. Immer mehr Anlässe fallen dem Rotstift zum Opfer (siehe Box). Auch in Dielsdorf kann man davon ein Lied singen. So ist im Horse Park das Abendrennen im August ersatzlos gestrichen worden, nachdem Rennen des Wettanbieters PMU an einem Abend nicht mehr bewilligt wurden. Aufgrund der hohen Fixkosten des Verbands rechnete es sich nicht mehr, einen vierten Renntag neu aufzubauen. 

Daher gibt es nur noch drei Renntage auf der 250 000 Quadratmeter grossen Anlage im Zürcher Unterland – allerdings mit gleich vielen Rennen. Ein Grund für den landesweiten Rückgang sind laut Heller strukturelle Probleme des zentral gemanagten Verbandes. Es herrsche keine Transparenz bei der Verteilung der Einnahmen, die durch die Rennvereine und die Aktiven erbracht werden. 

Noch schwerer wiegen – übrigens in ganz Europa – die immer stärker wegbrechenden Umsätze, sei es bei den Wetten oder bei den Sponsoren. «Es wird selbst im Wirtschaftsraum Zürich immer schwieriger geeignete Geldgeber zu finden», sagt Heller. «Angesichts des riesigen Konkurrenzangebotes unterstützen sie oft andere Events.» Bei Kosten von rund 140 000 Franken pro Renntag habe das verheerende Auswirkungen. 

Hinzu komme die geringe mediale Präsenz. Kaum ein Pferderennen werde noch im Schweizer Fernsehen gezeigt. «Selten sind lokale TV-Sender auf dem Rennplatz dabei, obwohl man seitens der Rennvereine einen grossen Aufwand betreibt, mit den verschiedenen Medien aktiv in Kontakt zu treten», beklagt Heller. Das mache den potenziellen Sponsoren ein Engagement natürlich nicht gerade schmackhafter. 

Von diesem Teufelskreis sind auch die Sportpferdebesitzer und Trainer betroffen. Einige von ihnen haben der Branche bereits den Rücken gekehrt, sodass teilweise Ausschreibungen mangels genügend Teilnehmern zurückgezogen werden müssen. Das Dilemma sei nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenke, dass allein für das Training und das Futter jährlich mit ungefähr 30 000 Franken Fixkosten pro Rennpferd zu rechnen sei, sagt Heller. Sinken dann noch die Preisgelder und steigen die Gebühren, kann dies auch leidenschaftliche Besitzer demotivieren. 

Kreative Lösungen sind gefragt
Heller und ihre Mitstreiter wollen sich von diesen Widrigkeiten aber nicht unterkriegen lassen. «Wir versuchen kreativ zu sein, indem wir zum Beispiel mehrere Sponsoren für die gemeinsame Präsentation eines Rennens gewinnen.» Teamarbeit ist auch auf der sportlichen Seite mehr und mehr gefragt. So können sich etwa Besitzergemeinschaften ein Pferd «teilen» und damit auch die Kosten auf mehrere Schultern verlagern.

Barbara Heller jedenfalls hofft, dass der Schweizer Pferderennsport noch eine lange Zukunft vor sich hat. Sie ist nicht nur mit Rössern aufgewachsen, sondern auch mit den Rennen in Dielsdorf. «Mich hat schon von Kindesbeinen an die Geschwindigkeit und die Schönheit der Pferde fasziniert. Rennen gehören deshalb für mich zu den natürlichsten Sportarten für Rösser.» Und Heller ist sich sicher, dass die Erlebnisse an einem Pferderennen jeden packen. «Wer das erlebt hat, der ist begeistert.» Egal, ob er schick oder sportlich gekleidet ist und ob er Sekt oder Bier trinkt.

www.pferderennen-zuerich.ch

www.crb-rennpferde.ch

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Kommentare (1)

Holger Romey am 20.09.2019 um 19:09 Uhr
Ein sachlich geschriebener Artikel, der aber kaum die benötige Resonanz finden wird. Im Rennsportland Schweiz und auch in den meisten anderen europäischen Ländern, sind kreative Köpfe gefragt, die Probleme identifizieren und auch angehen können. Leider wird in den meisten Ländern und auch hier in der Schweiz, immer wieder auf die Möglichkeiten verwiesen, sich ein eigenes Rennpferd zu kaufen, pachten oder auch nur zu beteiligen. Das aber wird mit Sicherheit das eigentliche Problem des Rennsports nicht lösen. Denn die mit Abstand wichtigste Säule aller Pferderennen auf dieser Welt, sind die Wettumsätze selber. Wer nicht in der Lage ist Wettumsätze zu generieren, der wird auch niemals, wirtschaftlich erfolgreich arbeiten können. Sich alleine auf Sponsorengelder zu verlassen, kann als Überbrückung funktionieren, aber wird langfristig die Probleme nicht lösen können. Der Teufelskreis der Unbedeutenheit setzt sich dann auch in den Medien fort, was langfristig zum Kollaps führt. Insbesondere hier in der Schweiz sind die Rahmenbedingungen für Wettumsätze jahrelang katastrophal gewesen, wenn Gewinner an der Kasse noch 35% des Wettgewinns einbehalten bekommen. Da üblicherweise die Totalisatorquoten auch schon mit 20-25% Abzügen belegt sind, bleibt da ein breit gestreutes Erfolgserlebnis zwangsweise aus. Wer also soll zu solchen Konditionen wetten? Nun, mittlerweile hat sich ja das Thema um die Besteuerung von Wettgewinnen durch die geänderten Glücksspielgesetze etwas humanisiert, weshalb durchaus noch Grund zur Hoffnung besteht. Der Wetter muss in erster Linie auf die Rennbahn geholt werden, was nun etwas leichter funktionieren sollte. Dann muss er auf fähige Mitarbeiter treffen, die einem die super komplizierten Wettarten dann auch erklären können. Nur auf die PMU zu hoffen, bleibt etwas schwierig, zumal die auch immer häufiger auf die Bremsen treten und ihrem eigenen Sport, regelmässig den Vorzug geben. In Anbetracht der aussergewöhnlichen Situation in der Schweiz, was die Kaufkraft der regulären Bevölkerung betrifft, sollte man doch optimistisch in die Zukunft schauen, insofern die tatsächlichen Probleme erkannt, analysiert und angegangen werden.

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