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Eringerkühe

Wer nachgibt, verliert

Nutztiere | Donnerstag, 2. Mai 2019, Meret Signer

Jeden Frühling bekämpfen sich im Wallis die Eringerkühe publikumswirksam. Das ist nicht nur Show, sondern liegt im Naturell der Tiere. 

 

Kaum sind die Tiere losgelassen, fliegen die Fetzen. Ohrenbetäubendes Glockengebimmel untermalt die Szene, deren Protagonistinnen ein gutes Dutzend Eringerkühe sind. Nummer 135 und Nummer 14 lassen ihre schweren Köpfe aufeinanderprallen, Nummer 119 scharrt derweil nervös im Dreck und sieht Nummer 63 hinter sich quer durch die Arena galoppieren.

Die Rabatteure in den roten Poloshirts, die für Ordnung im Ring sorgen sollen, haben alle Hände voll zu tun. Einer von ihnen macht sich gross, damit er nicht drunterkommt, ein anderer springt dazwischen, als eine dritte Kuh droht, einen Zweikampf zu sprengen. Derweil geht ein Raunen durch die paar Tausend Zuschauer, als auf der anderen Seite der Arena eine Halbtönnerin das Gleichgewicht verliert und zu Boden plumpst. Sie steht gleich wieder auf, zieht sich aber rasch zurück; ihren Kampf hat sie verloren.

Im Jurywagen geht es fast ebenso hektisch zu. Nummern werden durcheinandergerufen. «Nummer 143 abführen, bitte», ruft der Speaker durch die Lautsprecher aus, als die entsprechende Kuh einmal zu oft verloren hat. «Wir danken dem Besitzer der Nummer 85», als dieser sein Tier freiwillig aus dem Wettkampf nimmt. 

Die Eringerkühe messen sich im Ring (Video: Matthias Gräub):

Mehr als eine Publikumsattraktion
Vielleicht fünf Minuten lang dauert diese Hektik, danach legt sich der Staub langsam in der Arena. Knapp die Hälfte der Kühe sind wieder aus dem Ring verschwunden, die verbliebenen stehen allein oder paarweise herum und beäugen sich kritisch, von den Rabatteuren wird eine Paarung nach der anderen zueinandergeführt. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Nun ist auch für das Publikum Zeit, Luft zu holen und zu begreifen, was es gerade gesehen hat.

Wir befinden uns in Raron, im Goler, wie dieser Fleck Walliser Erde genau heisst, und sind Zeugen des ersten Eringer-Kuhkampfes dieses Frühlings. Stechen nennen es die Einheimischen, und ausgestochen werden hier die stärksten Kühe der Region. Sie werden sich am kommenden Wochenende wieder treffen, wenn das Nationale Finale in Sitten stattfindet. Unter all den Königinnen wird dann die «Reine des Reines» gesucht. Die Alphakuh der Eringerrasse.

Denn die Kuhkämpfe, im Wallis mit langer Tradition verbunden, sind mehr als eine Publikumsattraktion. Klar, das sind sie auch, das sieht man der mitfiebernden Menschenmenge an, die sich bei Raclettewetter am Sonntagmorgen ins Niemandsland zwischen Wald und Rhone bewegt hat. Die Kuhkämpfe simulieren, was die Natur erfunden hat: den Kampf um die Hierarchie in der Herde.

Die Kämpfe dauern meist nicht lange (Video: Matthias Gräub):

Wer selber Kühe hat – oder sich mit ihnen beschäftigt – weiss, dass in jeder Herde eine Hierarchie herrscht. Ob Grauvieh, Simmentaler oder Eringer, manche Tiere dürfen immer zuerst an die Tränke, sich das saftigste Büschel Gras aussuchen. Andere müssen hinten anstehen und tun das zumeist sehr gefügig. 

«Kuhphilosoph» Martin Ott schreibt in seinem Buch «Kühe verstehen»: «Wenn wir die Herde zum Melken von der Weide holen, treffen wir fünf Minuten vor vier die starken Königinnen am Tor an…schauen mit keinem Blick nach hinten, weil sie eine solche Stellung in der Herde einnehmen, dass sie selten oder gar nie angegriffen werden. Sie strahlen ihre souveräne Autorität rundherum aus, sie haben es nicht nötig, sich diese dauernd bestätigen zu lassen…»

Autorität auf der Weide
Doch auch in einer Herde mit vermeintlich fixer Machtstruktur mussten die Rollen irgendwann einmal verteilt werden. Und sie werden es auch immer wieder von Neuem. Junge, fitte Kühe können Artgenossinnen, die über ihrem Leistungs- und AutoritätsZenit sind, schon mal vom Leitkuh-Thron stossen. Bei den meisten Rinderrassen geschieht das friedlich und höchstens mit kleinen Rangeleien. 

Eine Studie mit dem Titel «Verhaltensgenetische Aspekte bei Rindern» erklärt, dass solche soziale Hierarchien zu weniger Aggressionen im Sozialverband führen. «Die in einer Rinderherde vorhandene Hierarchie wird in Konkurrenzsituationen (zum Beispiel bei begrenztem Platz- oder Futterangebot) besonders offensichtlich. Bei Stallhaltung sind folglich die sozialen Auseinandersetzungen häufiger als auf der Weide.»

Die Kühe, die sich heute in Raron gegenüberstehen, brauchen sozialen Knatsch zumindest über den Sommer kaum zu fürchten. Sie werden bald auf eine Alp geführt und haben dort mehr als genug Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Und doch scheint bei ihnen der Rangkampf wichtiger als bei den meisten anderen Rassen. Zumindest wird er hartnäckig und geduldig ausgetragen. Teilweise stehen sich Kuhpaarungen eine halbe Stunde lang praktisch regungslos gegenüber. Horn an Horn, Stirn an Stirn. Wer zurückweicht, verliert das Duell – und den Königinnenrang auf der Alp.

Kampfleistung als Selektionskriterium
Und im schlimmsten Fall – so drastisch das klingt – das Leben. Nicht, dass die EringerDuelle sonderlich gefährlich wären. Es passiert kaum mal etwas, auch wenn sich Hörner und Kuhaugen immer wieder sehr nahe kommen. Ab und an fällt einer Kämpferin die äussere Hornschale ab. Das blutet, ist aber nichts Schlimmes. Gefahr droht vielmehr vom Metzger. 

Denn während andere Rassen auf Milchoder Fleischleistung gezüchtet werden, gilt bei den Eringern durchaus die Leistung in Kuhkämpfen als Selektionskriterium. Ray Sterren aus Ausserberg, selber mit zwei Rindern und einer Kuh in Raron im Einsatz, bestätigt das: «Wenn wir ein Tier haben, das gar nicht gut sticht, und wir Platz brauchen, dann tun wir sicher eher dieses weg als ein anderes.» Der junge Züchter relativiert aber gleich: «Wenn es aber aus einer guten Zuchtlinie kommt und nicht so gut ist, dann behalten wir’s trotzdem. Vielleicht überspringt das Talent ja eine Generation.»

Die beiden Rinder, die Sterren ans Stechfest mitgebracht hat, müssen sich um ihre Zukunft jedenfalls keine Sorgen machen. Das eine, Venta, gewinnt seine Kategorie in Raron und auch Babiole landet in den «Preisen». Sprich: Unter den ersten sieben ihrer Klasse. Das gibt eine Treichel als Preis und eine Einladung an den Finalwettkampf. Sterren freut’s: «Es ist schon schön, wenn man eigene Tiere im Final hat, obwohl man etwas entspannter zuschauen kann, wenn man keine dabeihat.»

Für Ray Sterren ist die Eringerzucht ein Hobby. In der Familienstallung stehen ein knappes Dutzend Tiere. Ähnliche Dimensionen sind bei vielen Eringerzüchtern im Wallis zu sehen. Da gibt es nicht viel Raum für stallinterne Trainingskämpfe. «Wenn sie die Ordnung einmal untereinander ausgemacht haben, stechen sie eigentlich nicht mehr weiter», sagt er. Üben für das Stechfest ist also kaum möglich, deshalb ist auch ganz schwierig vorauszusehen, wie sich einzelne Tiere in der Arena schlagen. Ein kleines bisschen trainiert hat Ray Sterren mit seinen Kämpferinnen aber doch: «Ich war ein wenig laufen mit ihnen, damit sie etwas Ausdauer bekommen.»

Nationales Finale am 4. und 5.Mai in Sitten www.finalenationale.ch

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