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Kühe

Fortschritt im Kampf gegen Euterentzündungen

Nutztiere | Montag, 29. Oktober 2018, Michael Götz, LID

Dank eines neuen Testverfahrens lässt sich der Mastitiserreger Staphylococcus aureus GTB schnell und sicher nachweisen. Damit ist eine Heilung infizierter Milchviehbestände möglich geworden.

«Euterentzündungen, sogenannte Mastitiden, sind eine sehr häufige Erkrankung der Milchkuh und verursachen der Schweizer Milchwirtschaft Kosten von jährlich 260 Millionen Franken», sagt Max Waldburger, Melkberater des Analyselabors Bamos in Bazenheid SG. Staphylococcus aureus Genotyp B, im Folgenden vereinfacht GTB genannt, ist der Problemkeim Nummer 1, da er sich leicht übertragen lässt und insbesondere bei Zukauf und bei der Alpung ganze Bestände anstecken kann. Die Forschungsanstalt Agroscope in Liebefeld BE hat ein neues Test- und Sanierungsverfahren für Kuhbestände entwickelt.      

Roman Speck in Bütschwil SG ist einer der Landwirte, die das Sanierungsverfahren mit Erfolg angewendet haben. Er hält 20 Kühe und 20 Wasserbüffel. Die silofreie Milch der Kühe wird zu Käse, diejenige der Büffel zu Mozzarella verarbeitet. Im Jahre 2016 litten immer mehr seiner Kühe an Euterentzündungen. Akute Mastitiden sind sehr schmerzhaft und können sogar zum Tod der Tiere führen. Oft leiden die Kühe jedoch an einer chronischen Mastitis. Man sieht diese unterschwellige Entzündung dem Euter nicht immer an. Sie kann sich plötzlich zu einer akuten Mastitis entwickeln. Wahrscheinlich wird auch die chronisch kranke Kuh beim Melken einen Schmerz empfinden, erklärt Heidi Hilpertshauser von der Tierklinik Au in Bütschwil.

Neuer Test brachte Klarheit
Der Landwirt musste nicht nur die Tierärztin immer öfters kommen lassen, sondern die Zellzahl im Milchtank – ein Mass für gesunde Milch – stieg so stark an, dass die Käsereien Preisabzüge vornahmen. «Ich hatte keine Freude mehr und wusste nicht mehr weiter», sagt der Landwirt. Seine Tierärztin nahm Kontakt mit dem Melkberater auf, und gemeinsam beschlossen sie, die Agroscope-Bekämpfungsstrategie anzuwenden, die noch in der Erprobungsphase war. Bamos testete die Milch jeder Kuh mit dem neuen qPCR-Verfahren. 10 von 13 Kühen reagierten positiv, das heisst sie waren mit dem Erreger infiziert. Sollte man auch die Wasserbüffel testen? Man hatte nie davon gehört, dass auch Wasserbüffel mit GTB befallen sein können. Tatsächlich liess sich dank des empfindlichen und sicheren Testes auch im Milchtank der Büffel der Erreger nachweisen. In der Folge zeigte sich, dass 9 von 12 Büffeln infiziert waren. Also musste auch diese Herde geheilt werden.    

Die Infektion mit GTB geschieht ausschliesslich über das Melken. Um also zu verhindern, dass kranke Tiere über die Melkmaschine gesunde Tiere anstecken, mussten immer zuerst die gesunden und dann die kranken Tiere gemolken werden. Dazu wurden die Kühe und Büffel jeweils in drei Gruppen eingeteilt und farblich gekennzeichnet. Rot: Die infizierten Kühe. Grün: Die nicht infizierten. Orange: Die Tiere, bei denen noch kein klarer Befund vorlag, zum Beispiel bei den frisch gekalbten. Es wurden zuerst die GTB-freien, dann die unklaren und schliesslich die mit GTB infizierten Kühe gemolken.

«Die strikte Einhaltung der Melkreihenfolge ist mitbestimmend für den Erfolg einer GTB-Sanierung», sagt Hans Graber, Projektleiter bei Agroscope. Die Tierärztin behandelte alle infizierten Kühe mit einem gegen GTB wirksamen Antibiotikum. Schon nach 14 Tagen reagierten alle Kühe negativ, das heisst, es liess sich kein GTB mehr feststellen. Das blieb so in den folgenden Tests, so dass die Euter der Kühe als gesund beurteilt werden konnten. Zusammen mit den Büffeln dauerte die Therapie gerade einmal sechs Wochen. Die Herden sind bis heute frei von GTB. «Man muss konsequent sein», betont Hilpertshauser. Jede Kuh, die man zukauft, muss vorher getestet werden. Und man muss auf die Melkhygiene schauen. Der Landwirt verwendet für jede Kuh Wegwerfhandschuhe, desinfiziert nicht nur die Zitzen nach jedem Melken mit Jod, sondern auch die Zitzenbecher der Melkmaschine mit Peressigsäure.

Langfristig weniger Antibiotika    
Landwirt Ramon Speck hat wieder Freude an seinen Tieren und seiner Arbeit. Doch er betont, dass der Weg nicht einfach war. Es war aufwändig, die Kühe in der richtigen Reihenfolge zum Melken zu bringen, denn der Speck konnte den Stall, der sowieso schon in ein Kuh- und ein Büffelabteil unterteilt war, nicht nochmals unterteilen. Das andere sind die Kosten. Die Sanierung kostete ihn etwa 9‘000 Franken, davon 3‘000 Franken für die Behandlungen, 2‘000 Franken für die Probenanalyse und 4‘000 Franken für die Milch, die er entsorgen musste. Die Milch der behandelten Kühe war während 11 Tagen für den Verkauf gesperrt. Einerseits, weil die Verarbeitung zu Fehlgärungen bei der Herstellung von Rohmilchkäse führen würde und andererseits, weil der Verzehr Antibiotika-haltiger Milch resistente Keime bei Mensch und Tier fördern würde. Umgerechnet kostete die Bestandssanierung etwa 225 Franken pro Tier. Da alle Tiere auf die Behandlung ansprachen, musste wenigstens keines ausgemerzt werden. Der Preis für den Landwirt bleibt hoch. Wenn er allerdings an die Zeit vor der Therapie denkt, ist er überzeugt, dass sich der Aufwand gelohnt hat.    

Euterkranke Kühe geben 10 bis 20 Prozent weniger Milch als gesunde Kühe, sagt Melkberater Waldburger. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) habe berechnet, dass sich im Durchschnitt pro Betrieb ein Verlust von 350 Franken/Kuh und Jahr auf Grund von Euterentzündungen ergebe. Da sind die 225 Franken gut investiert. Die Bamos-Berater haben schon über 50 Betriebe und einige Alpen in enger Zusammenarbeit mit den Tierärzten und den Landwirten erfolgreich saniert. Im Tessin läuft ein Projekt mit dem Ziel, GTB im ganzen Kantonsgebiet auszurotten. 

Doch ist es gerechtfertigt, Antibiotika einzusetzen? Klar ja, sagt Heidi Hilpertshauser. Denn anders lassen sich die Erreger nicht bekämpfen und langfristig sind weniger Antibiotika notwendig. «Man darf allerdings nicht ins Blaue hinaus behandeln», betont die Tierärztin. Das heisst, im Labor muss ein Antibiogramm erstellt werden. Dieses sagt aus, welche Antibiotika wirken. Wendet man das falsche Antibiotikum an, dann ist es nicht nur unwirksam, sondern es fördert noch den krankmachenden Keim, indem es andere Keime, die in Konkurrenz mit ihm stehen, abtötet. Die Tierärztin weist aber auch darauf hin, dass eine gezielte Antibiotikatherapie nur sinnvoll ist, wenn der Landwirt auch die Melkhygiene und die Melkreihenfolge beachtet. Das Wichtigste: Landwirt, Melkberater und Tierarzt müssen zusammenarbeiten.

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