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«Nicht fuchteln! Nicht rennen!»

Verhaltenstipps: Wandern über die Kuhweide

Nutztiere | Dienstag, 17. Juli 2018, Interview: Yvonne Vogel

Für manch Wandernde ist das Queren von Viehweiden eine Mutprobe oder Qual – erst recht, seit die Haltung von Mutterkühen zugenommen hat. Alphirt Andreas Niederhäuser erklärt, wie man sich bei unliebsamen Begegnungen mit Rindern am besten verhält. 

Herr Niederhäuser, Sie gehen seit über zwanzig Jahren auf die Alp und kennen die Kälber und Rinder ebenso wie Mutterkühe. Wie gefährlich ist es für Laien, wenn sie sich mitten durch eine Rinderherde begeben müssen?
Man muss unterscheiden: Wenn es sich um eine reine Kälber- oder Jungviehherde handelt, dann besteht keine Gefahr. Die Kälber oder Gusti nähern sich gerne, sind neugierig und können eventuell etwas aufdringlich sein. Aber ungefährlich. Heikel wird es hingegen wenn Mutterkühe auf der Weide sind ...

Und diese erkennt man an den grossen Eutern? 
Ganz so einfach ist das nicht, da Mutterkühe viel kleinere Euter haben als Hochleistungsmilchkühe wie zum Beispiel die schwarz-weissen Holstein, die man oft im Mittelland weiden sieht. Mutterkühe sind eher stämmig, oft etwas kleiner. 

Urchig
Andreas Niederhäuser
54-jährig, geht seit 1996 immer wieder auf die Alp «Verdus», oberhalb des Safientals. Dort hütete er vorwiegend Jungvieh; seit zehn Jahren auch Mutterkühe mit ihren Kälbern. Der Hirte und Mitarbeiter der Archäologischen Bodenforschung Basel ist zudem Redaktor der Zeitschrift «z,Alp».

Dann erkennt man eine Mutterkuhherde daran, dass etwa gleich viele grosse Kühe mit kleinen Kälbern auf der Weide sind?
Ja, wenn grosse und kleine gemeinsam weiden, geht man besser davon aus, dass es sich um Mutterkühe mit ihren Kälbern handelt. 

Auf den grünen Warntafeln, die eingangs von Mutterkuhweiden angebracht sind, steht: «Halten Sie Distanz zu Rindvieh!» Wie viel Abstand soll man einhalten? 
Wenn es einen Weg neben einer eingezäunten Weide gibt, empfehle ich, diesen zu wählen. Auch wenn es einen Umweg bedeutet. Wenn dies nicht möglich ist, soll man versuchen, die Tiere in einem Abstand von etwa zwanzig Metern zu umgehen. 

Doch wenn nun eine Rinderherde mitten auf dem Wanderweg liegt – oder weidet – und man schlecht ausweichen kann?
Wer die Situation als sehr bedrohlich empfindet, kann auch warten, bis ein anderer Wanderer kommt, und sich diesem anschliessen. Das Wichtigste ist: sich in jedem Fall ruhig verhalten. Nicht fuchteln! Sich langsam bewegen, bloss nicht rennen! 

Und wenn eine Kuh auf einen zukommt?
Dann sollte man langsam aus- oder zurückweichen. Der Kuh dabei nicht direkt in die Augen schauen, aber besser auch nicht den Rücken zudrehen. Eine Kuh greift keinen Menschen einfach so an, sie will nur ihr Kalb schützen. Und sie droht zuerst. 

Wie sieht die Drohgebärde aus?
Sie senkt den Kopf. Oder hebt und senkt den Kopf. Wenn sie dazu noch anfängt mit den Hufen zu scharren, ja, dann sollte man etwas schneller zurückweichen. 

Angenommen, man hat Wanderstöcke dabei, soll man die einsetzen, um die Kuh zu verscheuchen?
Um eine aggressive Mutterkuh zu vertreiben, braucht es einen massiven Stecken und man muss bereit sein, der Kuh mit voller Kraft auf die Nase zu schlagen. Die üblichen leichten Wanderstöcke eigenen sich dazu nicht. Mit dem Stock nur herumzufuchteln, kann eine Kuh, die bereits droht, nur noch wilder machen. Ich wiederhole: Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben und langsam zurückzuweichen. Oder beruhigend auf das Tier einreden, kann auch hilfreich sein. 

Was empfehlen Sie als weitere Vorsichtsmassnahmen? 
Die Kälber keinesfalls berühren. Weiter wichtig ist, dass man die Tiere nicht erschreckt. Angenommen, der Wanderweg führt an Ställen oder Alphütten vorbei, dann sollte man nicht zu plötzlich oder zu schnell um die Ecke schiessen. Lieber einen Moment warten und so den Tieren Zeit geben, um die Situation zu erfassen oder abzuschätzen. 

Wir reden hier vor allem über Mutterkühe. Was, wenn auch noch ein Stier dabei ist? Muss man vor allem dem Stier aus dem Weg gehen?
Ein Stier ist nicht unbedingt gefährlicher, aber er ist sicher unberechenbarer. Auf eine Weide, wo ein Stier ist, würde ich grundsätzlich nicht gehen. Solche Weiden müssen mit einem Schild «Achtung Stier! Zutritt verboten!» gekennzeichnet sein. Und überdies sind die Viehhalter in der Pflicht, keine aggressiven Tiere in ein von Wandernden frequentiertes Gebiet zu lassen. 

Ein anderer Risikofaktor sind Begleithunde. Es wird empfohlen, Hunde an der Leine zu führen. 
Das ist richtig, Hunde sollen nah am Menschen geführt werden. Aber im Notfall muss man sie von der Leine lassen. Ein Hund ist schnell und kann flüchten. Da Mutterkühe Hunde verstärkt als Bedrohung wahrnehmen, versuchen sie diese vehement zu vertreiben.

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