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Ziegen

Gemecker auf der Alp

Nutztiere | Mittwoch, 20. Juni 2018, Lars Lepperhoff

Der Aufstieg auf die Eselalp beim Sihlsee birgt Überraschungen. Oberhalb von Euthal im Kanton Schwyz geniessen im Sommer Zwergziegen saftige Berggräser. Die Ziegen gehören Monika Kälin.

Wer nach langem Aufstieg mühsam schwitzend auf eine Alp kommt, erwartet Rinder. Doch auf der Eselalp oberhalb von Euthal im Kanton Schwyz ist alles etwas anders. Der Aufstieg ist mit Überraschungen und Belohnungen verbunden. Gleich zu Beginn blicken dem Wanderer Lamas entgegen, leicht überheblich oder amüsiert, wie es scheint. Den Neuweltkameliden ist es am Sihlsee wohl. 

Das Schottersträsschen führt nun durch einen dunklen, von Farnkräutern bestandenen Wald, schlängelt sich schier endlos in die Höhe, bis plötzlich eine grosse Schar von Grautieren interessiert oben am Hang auf den Fussgänger blickt. Und nun kommt Bewegung in die Herde: Fröhlich trabend kommen die Zwergesel auf den unerwarteten Besucher zugelaufen – es ist, als ob sie sich freuen würden, jemanden zu sehen. 

Wer es dann endlich geschafft hat und auf der auf 1269 Metern über dem Meeresspiegel liegenden Alp ankommt, sieht kleine, possierliche Tiere mit gefleckten Fellen und Bärtchen: Zwergziegen! Sie trippeln hintereinander durch sich schlängelnde Weglein durch die Weide, meckern, zupfen ein Kräutlein ab, tauchen ihre Nase in Bergblumen und heben neugierig ihre Köpfe, um den Nebelfetzen nachzusehen, die über die Krete ziehen. Die Wolken werden immer dichter, schleichen durch den Wald und greifen wie Finger auf die Weide. Erste, spärliche Tropfen fallen.

Im Anhänger auf die Alp
Den Zwergziegen scheint es zu reichen! Wie auf Kommando springen sie zurück zu ihrem Wagen, der auf einer geraden Fläche steht, und stürmen durch die zwei Eingänge hinein. «Das mögen sie ganz und gar nicht, wenn es regnet. Ihnen reicht schon ein einziges Tröpfchen», sagt Monika Kälin und lacht dabei.

Dass sie einmal eine Herde Zwergziegen auf einer Alp sömmern würde, hätte Kälin nicht gedacht, als sie 1994 zusammen mit ihrem Mann Urs für ihre vier Kinder drei Zwergziegen anschaffte. «Uns gefielen diese lustigen Tiere», sagt die Frau mit langen, blonden Haaren. Um ihr Haus in Gross SZ nahe dem Sihlsee hatte es viel Platz. Die Bauerntochter interessierte sich für die Zucht der lustigen Meckerer, die Schar wurde grösser. «Als wir 1999 den Aufruf in der ‹Tierwelt› zum Zwergziegentreffen lasen, sagten wir uns: Da müssen wir hin!» 

Bald stellte sich heraus, dass sie mit ihren mittlerweile 25 Tieren die wohl grösste Gruppe an Zwergziegen der am Treffen teilnehmenden Leute hielten. Da sie nebst den Zwergziegen noch Zwergesel züchten, keimte der Gedanke auf, die Tiere auf einer Alp zu sömmern. «Wir haben die Eselalp gepachtet», erklärt die 48-Jährige. Die Alp gehört Maya Vogt und Peter Wartmann, die sie auch bewirtschaften und täglich mehrmals nach den Tieren sehen. Nicht nur über 50 von Kälins Zwergeseln verbringen die Sommermonate auf der Alp, sondern seit einigen Jahren auch ihre Zwergziegenschar. Während die Esel zu Fuss gehen, werden die Zwergziegen gefahren. Der Anhänger voller Ziegen wird von einem Traktor auf die Alp gezogen. 

Ziegen halten die Weiden frei
«Die Zwergziegen sind von Anfang Mai bis Anfang Juli auf der Alp», sagt Kälin. Wenn im Juli die Geissen ihre Zicklein werfen, sei es besser, sie wieder zu Hause in Gross um sich zu haben. Bei Kälins kommen jährlich um die 70 Junge zur Welt, denn zwischenzeitlich halten sie stets zwischen 40 und 70 Zwergziegen. Sie züchten gezielt und achten auf die Abstammung ihrer Tiere. Die Tragzeit dauere fünf Monate. Normalerweise würden Zwergziegen Zwillinge werfen, doch im letzten Sommer hatten Kälins auch Ziegen, die Drillinge und Vierlinge auf die Welt brachten. 

Ob es die saftigen Alpenkräuter sind, welche die Ziegen stärkten und zu solch grossen Würfen führten? «Die Ziegen halten die Weiden frei. Sie fressen auch junge Bäume und sogar Disteln. Sie picken sich das heraus, was ihnen passt», sagt Kälin. Zwergziegen sind Wiederkäuer, im Gegensatz zu den Eseln. Das magere Gras und die Kräuter seien gerade richtig für sie. Doch sie reiche ihnen ein- bis zweimal pro Woche auch Heu sowie einmal eine Flockenmischung als Kraftfutter. Zudem stehen ihnen bei ihrem Wagenhäuschen Mineralsteine für Ziegen zur Verfügung. Sie benötigen andere Mineralien als etwa Kühe. Im Frühling müssen die Ziegen vorsichtig an frisches Gras gewöhnt werden. 

Eselalp
Auf der Eselalp kann gegessen und sogar übernachtet werden, aber nur mit Voranmeldung. Vom Bahnhof Einsiedeln aus fahren die Busse Nr. 553, 555, 556 in Richtung Eselalp – Aussteigen bei Station Euthal Ruostel.

 

Die Eselalp ist über eine un-geteerte Privatstrasse zu Fuss erreichbar. Der Aufstieg dauert etwa eine Stunde, es sind
370 Höhenmeter zurückzulegen.
www.eselalp.chwww.zwerziegen.ch

Auf der Eselalp tummeln sich die possierlichen Tiere stets in einer Gruppe in ihrer riesigen Weide. Im unebenen Gelände stärken sie ihre Muskeln und ihre Kondition. Die Zwergziegen weiden auf einer grossen Fläche, die mit weissem, durch Solarenergie betriebenen Elektrozaun eingezäunt ist. «Rehe und Hirsche sehen diesen Zaun gut und verfangen sich nicht darin», sagt die Ziegenfreundin. Doch der Trupp der etwa 30 Zwergziegen wird abwechselnd auch in andere Ausläufe gelassen.

Auf der Alp würde sie derzeit nur weibliche Ziegen halten. Lisa, Cera, Carina, Gitzli, Silbi, Brownie, Grittli heissen sie zum Beispiel. Die Böcke seien gemeinsam bei ihr zu Hause, sagt Kälin. Zwergziegen haben untereinander eine Hierarchie. In einer Herde sollte höchstens ein Bock gehalten werden. Wenn Böcke aber keine Weibchen sehen, können sie problemlos zusammen gehalten werden. Die Zwergziegenexpertin rät, drei kastrierte Böcke zu halten, wenn jemand nicht züchten will: «Bei der Haltung von nur zwei Zwergziegen entwickelt sich eine sofort zum Chef, sind drei zusammen, verteilt sich das dominante Verhalten eines Tieres auf zwei.»

Die Zwergziegen auf der Alp sind nicht etwa scheu. Wenn Monika Kälin kommt, trippeln sie neugierig zu ihr. An Kälins Australian-Shepherd-Hund haben sie sich gewöhnt, der flugs über den Zaun in die Weide springt und die Ziegen aus geringer Distanz bewacht. Auch Kinder lassen sie zu sich herankommen. «Wenn eine Familie hier oben einen Tag verbringt, dürfen die Kinder die Ziegen auch streicheln», sagt Kälin.

Die Sonnenanbeter auf der Krete
Sie und ihr Mann beschäftigten sich mit den Jungen, sodass sie zutraulich würden. Dies ist auch darum äusserst nützlich, weil den Ziegen trotz Alpsömmerung zwei- bis dreimal jährlich die Klauen geschnitten werden müssen. Zudem lassen Kälins den Kot regelmässig auf Würmer untersuchen. «Ist ein grosser Befall da, behandeln wir gezielt», sagt Monika Kälin. Da ist es praktisch, wenn sich die Zwergziegen mühelos berühren lassen. Monika und Urs Kälin sind Vorstandsmitglieder der 2001 gegründeten Interessengemeinschaft Zwergziegen und haben sich ein gros­ses Wissen angeeignet.

Ihre Ziegen würden heisses Wetter auf der Alp schätzen und kaum unter Bremsen und Fliegen leiden. «Sie sind tagsüber immer draussen, wenn die Sonne scheint», sagt Kälin. Dann tummeln sie sich gerne auf der Krete und scheinen den Blick von oben herab auf Sihl- und Zürichsee zu geniessen. Heute aber schleichen sie lediglich um den Anhänger, um bei ersten Tröpfchen wieder darin zu verschwinden. Auch wenn sie schon seit Hunderten von Jahren in Europa gezüchtet werden, zeigen die meckernden Sonnenanbeter, dass sie einst in trockenen Regionen Asiens und Afrikas zu Hause waren. 

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