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Entspanntes Rindsvieh

Kühe streicheln lohnt sich für den Bauern

Nutztiere | Montag, 23. April 2018, Ann Schärer

Streichelt der Landwirt seine Kälber, werden sie zahmer und angenehmer im täglichen Umgang. Davon ist nicht nur der Thurgauer Bauer Ivo Schwizer überzeugt. Auch Studien am Forschungsinstitut für biologischen Landbau bestätigen diesen Effekt. 

An Ostern erblickte Kalb Orli das Licht der Welt. Auch bei dieser Geburt war Ivo Schwizer aus Frauenfeld TG zugegen. Er legt viel Wert darauf, mit den neugeborenen Kälbern in ihren ersten Lebensstunden in Kontakt zu kommen. Seine Mutterkühe lassen dies in der Regel gerne zu. So bekam Orli in den ersten 24 Stunden nach seiner Geburt viele Streicheleinheiten. «Ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass dies die Beziehung zwischen mir und den Tieren stark verändert. Sie werden so viel zahmer und zutraulicher», sagt Schwizer, während er Orli streichelt. 

Er ist überzeugt, dass diese erste Prägungsphase für die weitere Entwicklung des Tieres zentral ist. Er versucht in der gesamten Woche nach der Geburt immer wieder Kontakt zu den Kälbern aufzunehmen. Dabei spiele auch der Geruch eine zentrale Rolle, sagt Schwizer. Doch nicht immer gelingt es ihm, das Kalb in den ersten 48 Stunden seines Lebens ausreichend zu streicheln. «Als eine unserer besten Kühe gekalbt hat, waren wir gerade in den Skiferien. Das Kalb ist wild geblieben und ich kann es bis heute kaum anfassen», sagt der Ingenieur Agronom FH, der 30 Prozent beim Schweizer Bauernverband arbeitet. Das Tier schlage beim Putzen sogar häufig aus. Auch Tiere, die auf der Weide zur Welt gekommen sind, bleiben meist wild. 

«Mir ist es wichtig, dass meine Tiere zahm sind und der Umgang mit ihnen problemlos abläuft. Im Idealfall bleiben sie auch in Ausnahmesituationen ruhig – beispielsweise beim Verladen für die Fahrt auf die Alp», sagt er. Seine ganze Mutterkuhherde alpt er während 100 Tagen auf einer Alp im Oberengadin. Seine Tiere lassen sich auf der Alp nicht von ihm streicheln, doch sobald sie wieder im heimischen Laufstall sind, zeigen sie wieder ihr zahmes Verhalten. 

Zum ersten Mal aufgefallen ist Schwizer der nachhaltige und positive Effekt früher Berührungen bei Kälbern, die unter schwierigen Bedingungen zur Welt kamen. Kälber, die seiner Geburtshilfe bedurften, waren ihr Leben lang zahmer als solche Kälber, die eigenständig zur Welt kamen. So entschied er sich, den Kälbern in der Prägungsphase besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken. 

Studien finden positive Effekte 
Die Agrarwissenschaftlerin Johanna Probst vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) ist in Studien zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Wichtig sei bei den Berührungen, dass diese für Kalb und Mutter angenehm seien, betont sie. «Dann kann eine frühe positive Prägung auf den Menschen erzielt werden. In unseren Studien zeigte sich, dass Kälber, die früh positiv behandelt wurden, im späteren Leben weniger Scheu vor dem Menschen zeigten und selbst am Tag der Schlachtung weniger gestresst waren.»

Forscherin Johanna Probst streichelt ein Kalb:

Ob es sich dabei um eine selber entwickelte Methode wie die von Ivo Schwizer handelt oder um eine gut dokumentierte wie TTouch, mit welcher das Forscherteam bei den Studien gearbeitet hat, sei nicht ausschlaggebend. «Im Endeffekt ist es wichtig, auf die Reaktionen des Tieres zu achten und zu schauen, dass die Berührung beim Tier positiv ankommt», sagt Probst. 

Immer wieder hört man davon, dass Tiere aus Mutterkuhhaltung schwierig im Umgang seien und ihre Kälber so stark verteidigen würden, dass kein Mensch in deren Nähe darf. Dies ist vor allem bei grösseren Herden der Fall, die den Kontakt mit Menschen nicht gewohnt sind. Insbesondere bei Mutterkuhherden bringe eine positive Beziehung von Mensch und Tier viele Vorteile, sagt Probst. «Weniger Angst vor dem Menschen bedeutet weniger Stress für die Tiere und weniger Stress erleichtert immer den Umgang miteinander.»

Davon ist auch Ivo Schwizer überzeugt. Seine Herde ist auch während der Sömmerung auf der Alp ruhig und entspannt. Zu Problemen komme es höchstens einmal, wenn Wanderer mit Hunden die Herde durchqueren. «Die Tiere fühlen sich durch die Hunde bedroht und der Hundebesitzer versucht seinen Hund zu beschützen», erzählt er. Die Tiere seien in solchen Situationen jeweils sehr wachsam. Doch ansonsten profitiert er von ruhigen und umgänglichen Tieren. Viele von ihnen kann er sogar problemlos am Halfter führen. 

Ein Merkblatt zum Rinderhandling findet sich auf: shop.fibl.org.

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