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Landwirtschaft

Die Krux mit dem Milchpreis

Nutztiere | Dienstag, 17. April 2018, Claudia Frick

Immer weniger Landwirte in der Schweiz produzieren Milch, da dies oft nicht mehr rentabel ist. Eine weniger intensive Milchproduktion soll nun helfen, die Kosten tief zu halten.

Die Milchbauern in der Schweiz haben schwierige Jahre hinter sich: In den vergangenen 25 Jahren ist der Molkereimilchpreis stetig gefallen. So erhielt der Milchbauer im Jahr 2000 fast 80 Rappen pro Liter Molkereimilch, im Jahr 2017 jedoch weniger als 60 Rappen. In den letzten Jahren stellten in der Schweiz jedes Jahr um die 800 Landwirte die Melkmaschine für immer ab und stiegen aus der Milchproduktion aus. Vier von zehn Schweizer Bauernhöfen halten noch Milchkühe. Diese Entwicklung beobachtet der Verband der Schweizer Milchproduzenten (SMP) mit Sorge. «Wegen den tiefen Milchpreisen in den letzten Jahren konnten viele Milchbauern nur die anfallenden Kosten decken, nicht aber in den Betrieb investieren», sagt Reto Burkhardt, Kommunikationsleiter des Verbandes. «Viele dieser Landwirte haben sich deshalb umorientiert und halten nun beispielsweise Mutterkühe.»

Die wirtschaftlich schwierige Situation der Milchbauern war im Februar auch Thema im Nationalrat. Der Waadtländer Landwirt und SVP-Nationalrat Jacques Nicolet forderte in einer Motion den Bundesrat auf, die Milchmengen wieder zu steuern. Eine solche bestand bis im Jahr 2008, danach wurde die Milchkontingentierung abgeschafft. Das Parlament befürwortete die Motion mit überwiegender Mehrheit. In der Milchbranche hingegen sind die Meinungen zur Motion geteilt. Der Schweizer Bauernverband (SBV) habe grosses Verständnis für die Motion, sagt Martin Rufer, Leiter des Departements Produktion, Märkte und Ökologie beim SBV. «Sie ist Ausdruck der Misere im Milchmarkt und es wäre gut, wenn weniger Milch produziert würde», führt er weiter aus.

Keine Unterstützung findet die Motion bei der BOM, der Branchenorganisation Milch. Geschäftsführer Stefan Kohler steht einer erneuten Milchkontingentierung skeptisch gegenüber. «Eine Mengensteuerung der Milch verbessert die wirtschaftliche Situation der Milchbauern nicht. Denn aufgrund des teilweise geöffneten Milchmarktes führt eine kleinere Produktion nicht zu höheren Milchpreisen», sagt er. Die BOM wurde nach der Aufhebung der Milch-Kontingentierung im Jahr 2009 mit dem Auftrag gegründet, die Wirtschaftlichkeit ihrer Mitglieder aus der Schweizer Milchwirtschaft zu stärken.

Mehr Geld für Käse als für Quark
Seit der Aufhebung der Milchkontingentierung ist das Schweizer Preissystem für Milch dreistufig. Der Milchpreis hängt auch davon ab, wofür die Milch verwendet wird. Den besten Milchpreis gibt es für die sogenannte A-Milch, die zu Konsummilch und Rahm, Butter, Joghurt und Käse für den inländischen Markt verarbeitet wird. Die BOM hat dazu einen Richtpreis definiert von momentan 68 Rappen pro Liter Milch.

Wird die Milch zu Käse für die Schweiz oder den Export verarbeitet, so gilt ebenfalls dieser Richtpreis. Darin enthalten ist die vom Bund bezahlte Verkäsungszulage. Mit dieser kompensiert der Bund den höheren Milchpreis in der Schweiz, damit Käse im Ausland zu einem möglichst konkurrenzfähigen Preis verkauft werden kann. 

Nur noch ungefähr 45 Rappen pro Liter Milch beträgt der Richtpreis für Milch, die zu Produkten im B-Segment verarbeitet wird. Dazu gehört Quark für den inländischen Markt sowie Joghurt oder Magermilchpulver für den Export in die EU. Am tiefsten ist der Richtpreis für Milch, die zu Produkten aus dem C-Segment verarbeitet wird. Dazu gehört Butter und Vollmilchpulver, Rahm und Milch, die exportiert werden. Dieser Milchpreis ist dem Weltmarktpreis angeglichen, schwankt stark und liegt zwischen 20 und 40 Rappen pro Liter. 

Die Branchenorganisation Milch BOM kontrolliert dieses Preissystem und überprüft, dass Milchverarbeiter, welche beispielsweise Butter für das Inland herstellen, den Landwirten auch tatsächlich den entsprechend hohen A-Milch-Preis bezahlen. Das System habe für einen Teil der Milchproduzenten Nachteile, sagt Stefan Kohler von der BOM. «Landwirte, die an Verarbeiter liefern, die einen grossen Teil der Milchprodukte exportieren, haben einen höheren Anteil der Milch mit tiefem B-Preis oder sogar C-Preis als Landwirte, die an Verarbeiter liefern, die aus der Milch Produkte herstellen, für welche der A-Preis gilt», sagt er. Die Kosten für die Haltung und Fütterung der Milchkühe sind jedoch immer gleich hoch, unabhängig davon, in welchem Preissegment die Milch verkauft wird. 

Obwohl viele Landwirte aus der Milchproduktion ausgestiegen sind und die Anzahl Milchkühe abgenommen hat, hat die jährlich produzierte Milchmenge leicht zugenommen. Dies, weil aufgrund einer verbesserten Genetik und grösseren Wissens rund um die Fütterung die Milchkühe deutlich mehr Milch geben als früher. Eine Milchkuh im Jahre 1960 gab jährlich ungefähr 3000 Liter Milch, eine heutige Milchkuh hingegen durchschnittlich 7000 Liter.

Standortgerecht und weniger Milch
Viele Landwirte überdenken diese Hochleistungsstrategien, sagt Reto Burkhardt von der SMP. «Die Zukunft der Schweizer Milchproduktion liegt darin, dass jeder Landwirt die für seinen Betrieb angepasste Rasse hält und nur so viel Milch produziert, wie er auch zu einem guten Preis verkaufen kann», sagt er. «Langlebige und gesunde Tiere, die mit möglichst viel Gras gefüttert werden, helfen die Kosten zu optimieren.» 

Die Schweiz ist aufgrund des hohen Graslandanteils prädestiniert für die Milchwirtschaft. «Die Milchproduktion wird weiterhin der wichtigste Betriebszweig der Schweizer Landwirte bleiben», ist Reto Burkhardt überzeugt. Insbesondere im Berggebiet ist die Milchwirtschaft fast die einzige mögliche Produktionsform. Fast die Hälfte der Milchbauern produziert die Milch hier, die anderen sind im Talgebiet beheimatet. Die meisten dieser Betriebe sind familiär geführt. Durchschnittlich 25 Kühe stehen auf einem Schweizer Bauernhof. Die grosse Mehrheit dieser Kühe ist im Sommer, aber auch im Winter regelmässig auf der Weide oder im Auslauf. «Dadurch und durch die auf einheimischem Gras basierende natürliche Fütterung unterscheidet sich die Milchkuhhaltung von derjenigen im Ausland», sagt Burkhardt.

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