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Nutztiere

Sauteures Tierwohl

Nutztiere | Donnerstag, 25. Januar 2018 08:40, Ann Schärer

In der Schweiz Schweinefleisch zu produzieren, wird zunehmend anspruchsvoller. Die Produzenten können aus dem Erlös kaum ihre Kosten decken. Konsumenten und Detailhandel hätten es in der Hand, dies zu ändern.

Unschlüssig schweift der Blick über die Fleischauslage beim Grossverteiler. Zum Znacht mal wieder Rind oder vielleicht doch lieber Lamm? Oder mageres Poulet? Schweinefleisch ... bestimmt nicht. Zu fett, zu wenig attraktiv. Doch dann fällt der Blick auf den Preis. Dieser ist beim Schwein günstiger als bei jedem anderen Fleisch. So landet das Schweinefleisch letztlich dann doch noch im Einkaufswagen. Denn obwohl sich das schlechte Image des Schweinefleisches hartnäckig hält, ist es auch bei uns nach wie vor das mit Abstand am häufigsten konsumierte Fleisch.

Die Anzahl Schweinehalter ist rückläufig
Trotzdem gibt es weniger Schweinehalter als einst. «In den letzten 15 Jahren hat sich die Anzahl Betriebe, die Schweine halten, halbiert. Nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit», sagt Adrian Schütz vom Verband der Schweizer Schweinezüchter, Suisseporcs.

Als einen der wichtigsten Gründe für diese Entwicklung nennt er nebst der sinkenden Nachfrage die wachsende Spezialisierung. Früher habe man nebst den Kühen auch ein paar Schweine gehalten. Die strengen Auflagen ans Tierwohl machen dies mittlerweile fast unmöglich. Betriebe müssen sich für eine Tierart entscheiden und einen grossen Betreuungsaufwand in Kauf nehmen. Alle Schweizer Schweine sind in ein Qualitätsmanagement-System (QM) eingebunden. Heisst: Die Rückverfolgung der Herkunft ist zu 100 Prozent gewährleistet, die gesetzlichen Auflagen sind erfüllt und eine Qualitätskontrolle wurde durchlaufen.

Ein Drittel der Schweizer Schweine kommt zusätzlich in den Genuss eines Labelprogrammes wie IP Suisse oder Coop Naturafarm. Dabei schliessen sich viele QM-Betriebe freiwillig den Tierwohlprogrammen des Bundes BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltung) oder Raus (Regelmässiger Auslauf im Freien) an. Zwei Drittel der Schweizer Schweine werden gemäss BTS gehalten, gut die Hälfte erhält regelmässigen Auslauf ins Freie. Viele Betriebe könnten deshalb schnell auf eine Label-Produktion umstellen, wenn der Konsument bereit wäre, diese Mehrkosten zu bezahlen.

Kein Umdenken in der Gastronomie
Viele Schweinezüchter geben ihren Betrieb auch deshalb auf, weil ihnen immer weniger Geld in der Kasse zurückbleibt. Blieben ihm früher von einem Franken Erlös 60 bis 80 Rappen, sind es heute nur noch 40. Dem Produzenten müsste am Schluss zwingend mehr Ertrag bleiben, findet Schütz. Dafür macht sich auch der Schweizer Tierschutz (STS) stark.

Doch dies würde bedeuten, dass den übrigen Beteiligten (Fleischverarbeiter und -veredler) weniger Einnahmen blieben, woran diese natürlich nicht interessiert sind. Trotzdem hat Adrian Schütz für den Detailhandel auch lobende Worte: «Die zwei Grossverteiler haben Tierwohl-Förderungsprogramme eingeführt, als noch kaum jemand davon gesprochen hat. Damit haben sie den Konsumenten allmählich erreicht.» Doch dies ist bei der Gastronomie, dem Abnehmer von rund der Hälfte des Schweizer Schweinefleisches, noch nicht der Fall. «Dort zählt nach wie vor der Preis», sagt Adrian Schütz.

Totalverbot für Vollspaltenböden
Einen grossen Einfluss auf die Schweizer Schweineproduktion könnte das Totalverbot für Vollspaltenböden haben, das Ende August 2018 in Kraft tritt. Gleichzeitig steht jedem Tier ein Drittel mehr Fläche zur Verfügung. Investitionen, die viele Schweineproduzenten zum Aufgeben veranlasst. Dadurch könnten laut Schätzungen vom Schweinehandel 60 000 Mastplätze verloren gehen. Etwa 7500 Muttersauen müssen weg. «Das wird kein Produzent freiwillig machen. Sie werden via Preispolitik dazu gezwungen werden müssen», sagt Schütz.

Die Betriebsstrukturen sind in der Schweiz grundsätzlich anders als im Ausland. «Bei uns hat ein Betrieb im Durchschnitt 50 Muttersauen, in Deutschland 500», sagt Raphael Helfenstein, der ebenfalls bei Suisseporcs tätig ist. In der Schweiz gibt es keine eigentlichen Grossbetriebe mit mehr als 1500 Tieren. Und das hat einen grossen Einfluss auf den Preis. Ein Grund, weshalb viele Schweizerinnen und Schweizer aus grenznahen Regionen das noch günstigere Schweinefleisch aus dem Ausland einkaufen. Zahlen dazu gibt es nicht. Doch würde es den enorm hohen Inlandanteil von 96,3 Prozent 2017 bestimmt etwas schmälern. «Wir haben eine enorm hohe Inlandproduktion und einen guten Zollschutz», erklärt Helfenstein. Und viel strengere Tierschutzstandards als der EU-Raum, und noch viel höhere als Länder in Nord- und Südamerika.

Schweizer Schweine haben es besser
So haben Schweizer Schweine ab 2018 mehr Fläche zur Verfügung als EU-Schweine. In der Schweiz ist zudem das «freie Abferkeln» Vorschrift. Mutterschweine können in grosszügigen Abferkelboxen mit ausreichend Nistmaterial in freier Bewegung gebären. Im Ausland werden die Mutterschweine in Metallgestelle gezwängt, damit sie die frisch geborenen Ferkel nicht erdrücken können. Bei uns liegt es in der Verantwortung des Züchters dies zu verhindern. Vollspaltenböden gehören bald der Vergangenheit an und auch bei der Transportzeit gibt es Unterschiede. Und in der Schweiz gelten sechs Stunden Fahrzeit als Maximum, in der EU 24 Stunden. «Die Schweizer Schweineproduktion ist enorm fortschrittlich und anderen Ländern voraus. Doch das hat sich leider noch zu wenig herumgesprochen», sagt Adrian Schütz.

Auch dem Wunsch der Konsumenten nach fettärmerem Fleisch sei man längst nachgekommen. So enthält ein Schweinsnierstück weniger Fett als ein Pouletschenkel. Und um gleich noch ein Vorurteil aus dem Weg zu räumen: Antibiotika werden nur noch selten eingesetzt, denn der Gesundheitszustand der Schweizer Schweine ist gut. «Über das freiwillige Zusatzprogramm ‹SuisSano› versuchen wir dies nun auch noch zu belegen. Dort muss jede Behandlung mit einem Medikament – nicht nur Antibiotika – erfasst werden», sagt Schütz.

 



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