Aktuell
› Zurück

Jockeys

Die Schattenseiten eines Traumberufs

Nutztiere | Dienstag, 19. September 2017, Daniela Poschmann

Der Welt des Pferderennsports haftet etwas Glamouröses und Elitäres an. Zumindest auf der Zuschauertribüne. Aber ist der Beruf des Jockeys so anziehend? Und wie geht es den Tieren dabei?

Ausgefallene Hutkreationen, teure Designer-Kleider und edle Uhren. Luxus, den Adlige und Prominente tragen, vereint in der Hoffnung, dass das ohnehin schon üppige Konto durch die richtigen Wetten noch praller wird. So scheint die Welt des Pferderennsports auszusehen. Zumindest vermitteln viele Medien, allen voran Spielfilme und Boulevardmagazine, ein solches Bild. Was dabei jedoch selten zu sehen ist, ist die Arbeit, die dahintersteckt und – laut Tierschützern – das Leid so mancher Pferde. Und nicht zu vergessen, der – zumindest hierzulande – eher geringe Lohn.

«Es ist wie jeder Beruf mit Tieren ein Idealistenjob», sagt die Natalie Meyer*, die jahrelang Rennen im In- und Ausland bestritt. Das kann Tim Bürgin aus Mörigen am Bielersee, der seit 2010 beruflich auf dem Rücken der Pferde unterwegs ist, nur bestätigen. Er spricht ganz offen über seinen Verdienst, der 80 Franken pro gerittenes Rennen plus eine sechsprozentige Gewinnbeteiligung je nach Platzierung beträgt. 

«Mein Beruf gehört in der Schweiz zu den am schlechtesten bezahlten, ich mache das, weil es meine Passion ist und nicht wegen des Geldes», sagt Bürgin. Glamourös sei das Leben eines Jockeys erst, wenn man in Frankreich oder England zu den zehn besten gehöre. Ähnlich gehe es den Pferdehaltern, die für Training und Unterhalt ihrer Tiere mehr Geld ausgeben als einnehmen würden. 

Dennoch bedeutet dieser Beruf eine Sechstagewoche. Neben dem Training mit verschiedenen Pferden heisst es: füttern, pflegen und Stall ausmisten – sowohl morgens als auch abends. Eine Knochenarbeit, mit der man aber immerhin den Lebensunterhalt bestreiten kann. Auch sonntags ist von Freizeit selten etwas zu spüren, da dann die Rennen anstehen. Und wenn andere den Feierabend geniessen, geht es um die eigene Fitness, «denn als Rennreiterin muss man sehr fit sein und braucht Ausdauer und Schnellkraft», erzählt Meyer. Schliesslich darf man als Profi je nach Gewichtsklasse maximal 55 Kilo auf die Waage bringen, im Amateurbereich immerhin fünf Kilo mehr. 

Es braucht Ehrgeiz und Disziplin
Tim Bürgin schafft das mit viel Ehrgeiz, Disziplin, gesundem Essen und Jogging. Letzteres vor allem, um zwar fit zu bleiben, aber keine unnötigen Muskeln aufzubauen. Muss er vor einem Rennen schnell etwas abnehmen, schwitzt er die Kilos in der Sauna aus. «Es ist nicht einfach, die Saison durch das optimale Gewicht von 52 Kilo zu halten. Es gibt nicht viele Reiter, die das können oder wollen, die anderen reiten dann halt Pferde, die mehr Gewicht tragen können.»

Bürgin ist im sogenannten Galoppsport aktiv – in Europa die beliebteste Rennart; ähnlich bekannt sind noch die Trabrennen, bei denen der Jockey nicht auf dem Ross, sondern in einem von ihm gezogenen Wagen sitzt. Zudem gibt es unterschiedliche Rennarten, darunter Flach-, Hürden-, Jagd- und Crossrennen, die meist von englischen oder arabischen Vollblütern bestritten werden.

Im Gegensatz zu Bürgin hat Natalie Meyer ihren Traumjob aufgegeben. Neben dem ständigen Kampf ums Idealgewicht waren dafür moralische Gründe verantwortlich: «Je mehr ich über Pferde wusste, umso mehr kam ich in den Clinch mit mir und dem Beruf Rennreiterin», sagt die Zürcherin. «Oft hatte ich grosse Mühe, wie mit den Pferden im Training umgegangen wurde und auch die Haltungsbedingungen widerstrebten mir.» Zu schaffen macht ihr vor allem der Umgang mit den Jungtieren: «Ganz schlimm finde ich, wenn die Jährlinge von der Fohlenweide in eine Einzelbox gesperrt werden. Die Pferde schreien da stundenlang.» Die Einzelhaltung führe zu Verhaltensstörungen wie Boxenlaufen, Koppen und Weben. Dies sei zwar nicht in allen Betrieben so, aber gängige Praxis.

Nur drei Peitschenhiebe pro Rennen 
Daher übt der Tierschutz immer mehr Druck auf den Rennsport aus. So sind beispielsweise «nur» noch drei Peitschenhiebe pro Rennen erlaubt. Jeder Schlag mehr kostet den Reiter 200 Franken plus die Provision sowie eine Sperre für die nächsten zwei Rennen. Pro Wiederholungstat innerhalb eines Jahres verdoppelt sich die Strafe. Bürgin spricht von sehr harten Bussen, die er aber begrüsst. Er betont, dass die Schläge zur Unterstützung und nicht zur Bestrafung eingesetzt würden und sowieso schmerzfrei seien, da mittlerweile nur noch Peitschen mit Schaumstoff­enden eingesetzt werden dürfen.

Was die von Kritikern oft hervorgehobenen Unfälle auf der Rennbahn betrifft, widerspricht Bürgin dagegen: «Wie bei jedem Leistungssport können Verletzungen passieren. Wenn man aber die Unfälle mit der Anzahl an Rennen vergleicht, sind es nur sehr wenige, wesentlich weniger als bei anderen Pferdesportarten.» Ausserdem unterstünden Pferd und Reiter regelmässigen Dopingkontrollen, und jedes Ross werde vor dem Rennen durch einen Tierarzt untersucht. «Wenn ein Pferd nicht hundertprozentig gesund ist, kann es nicht am Rennen teilnehmen.

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen