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Berühmte Versuchstiere

Tiere im Dienst der Forschung

Haustiere, Nutztiere | Montag, 22. Februar 2016, Walter Jäggi

Laika, Martina, Max und Dolly wurden berühmt. Der Hund, die Gans, der Storch und das Klonschaf waren aber nicht die einzigen Tiere, die für die Wissenschaft wichtig wurden. Wir Menschen haben Versuchstieren viel zu verdanken.

Eigentlich gehörte ihnen ein Denkmal gesetzt, so viel haben Tiere zu unserem Wissen beigetragen. Man hat sie nicht gefragt, und früher hat sich kaum jemand um ihr Wohlergehen gekümmert. Doch die Bedeutung der Tierversuche ist enorm. Bei drei Vierteln aller Medizin-Nobelpreise haben Experimente mit Tieren eine Rolle gespielt. So haben Mäuse dem Zürcher Immunologen Rolf Zinkernagel 1996 zum Nobelpreis verholfen. Zusammen mit einem Kollegen hatte er entdeckt, wie unterschiedlich Tiere auf Viren reagieren. Auch der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hatte 1973 seinen Nobelpreis Tierversuchen zu verdanken – seine Graugans Martina wurde damals sogar richtig populär.

Ein Versuchstier hat tatsächlich ein Denkmal bekommen: Laika, der Mischlingshund, der als erstes irdisches Lebewesen in den Weltraum geschossen wurde. Am 3. November 1957 wurde das Tier ins All geschickt, wo es nach wenigen Stunden starb, eine Rückkehr der Sputnik-Kapsel war technisch nicht vorgesehen. Etwa zwei Dutzend Hunde wurden bei diversen Raketentests eingesetzt. So auch Belka und Strelka, die Ersten, die zur Erde zurückgeholt werden konnten. Die Sowjets hatten damit in der Raumfahrt die Nase vorn – und Regierungschef Nikita Chruschtschow konnte es sich nicht verkneifen, dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy einen Welpen des Weltraumhundes Strelka zu schenken. Kennedys Tochter Caroline erinnert sich heute noch an das niedliche, hochpolitische Haustier aus Russland, wie sie in einem Interview der BBC sagte.

Schaf, Ente und Güggel als Testpiloten
Auch die USA schickten vor den Menschen Tiere ins All, viele kamen ums Leben, andere jedoch lebten nach dem Abenteuer noch lange. Ham, ein Schimpanse, absolvierte am 31. Januar 1961 einen gut 16 Minuten dauernden Raumflug mit sieben Minuten Schwerelosigkeit. Der «Astrochimp» kehrte wohlbehalten zur Erde zurück, er starb 1983, mit 26 Jahren, in einem Zoo. Auch Ham hat eine Gedenktafel bekommen. Von vielen anderen Raumfahrt-Tieren sind höchstens noch die Namen in den Archiven geblieben: Patricia und Mike, zwei Affen, Albert und Mildred, zwei Mäuse, die im Gegensatz zu den meisten Artgenossen einen Namen hatten, Anita und Arabella, die beiden Spinnen, Félicette, die Katze. Im Laufe der Jahre dienten auch Schildkröten, Frösche, Ratten, Kaninchen oder Würmer für Experimente, welche die Raumflüge der Menschen vorbereiteten und heute noch begleiten. Ohne Hilfe der Versuchstiere hätte man bemannte Raumflüge nur mit grössten Verlusten von Menschenleben entwickeln können, heisst es in einem Bericht von Historikern der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Menschen wären wohl bis heute nicht auf dem Mond gelandet.

Auf Reisen in unbekannte und lebensbedrohliche Höhen wurden schon zwei Jahrhunderte früher Tiere vorgeschickt. 1783 führten die Brüder Montgolfier in Versailles dem König Louis XVI und einer riesigen Menschenmenge erfolgreich ihren Heissluftballon vor. Angeblich auf Befehl des Königs durften keine Menschen mitfahren, und so hatten ein Schaf, eine Ente und ein Hahn die Ehre, als Testpiloten das Zeitalter der Fliegerei zu eröffnen. Die Tiere landeten nach acht Minuten heil im nahen Wald. Namen hatten sie wohl nicht, sie gehörten zu den Scharen unbekannter kleiner Helden, die oft bloss als Werkzeug der Forscher behandelt wurden.

Brutale Versuche für den Fortschritt
Bei der Entschlüsselung der Geheimnisse der Natur von Mensch und Tier und bei der Entwicklung der Medizin hatten Tierversuche eine überragende Bedeutung. Um 380 vor Christus nahm sich der griechische Gelehrte Aristoteles ein Gelege von Hühnereiern vor. Jeden Tag öffnete er eines der Eier und konnte so verfolgen, wie Küken sich während der Brutzeit heranbilden. Später sezierte der Arzt Galen Tiere mit der Absicht, etwas über die Menschen zu lernen, denn Menschen zu sezieren war verboten. Galen zog dann seine Schlüsse aus den Verletzungen der Gladiatoren, für die er quasi als Mannschaftsarzt zu sorgen hatte. Was die Gelehrten der Antike in ihren Schriften festhielten, galt, zusammen mit der Lehre der Kirche, für Jahrhunderte als unumstösslich. Auch, dass Mensch und Tier nicht vergleichbar seien. Der einflussreiche Philosoph René Descartes etwa sah im Tier bloss eine Art seelenlosen Automaten ohne Schmerzempfinden. 

Im 18. Jahrhundert wurden die alten Weisheiten der griechischen und römischen Gelehrten hinterfragt. Die Wissenschaftler begannen, ohne Vorurteile zu beobachten und zu untersuchen. Der Schweizer Universalgelehrte Albrecht von Haller startete umfangreiche Experimente zur Erforschung des Nervensystems. An Hunderten von lebenden Fröschen, Katzen und Hunden beobachtete er den Zusammenhang zwischen Schmerzreiz und Reaktion. Seine Methoden waren nach heutigen Massstäben Tierquälerei. Doch die mit Beweisen erhärtete Feststellung, dass Tiere Schmerzen empfinden, liess den biologischen Unterschied zwischen Mensch und Tier bald weniger klar erscheinen. Mit Experimenten versuchten die Forscher, das Funktionieren des Körpers bei Mensch und Tier zu verstehen, während die Mediziner an Tieren neue Behandlungsmethoden erprobten – und 1996 zum Beispiel das Klonschaf Dolly erschufen.

Experimente, die Tieren Spass machen
Nahmen die Experimentatoren früher wenig Rücksicht auf die Tiere, so gibt es heute exakte Tierschutzvorschriften. Tierversuch ist nicht gleich Tierversuch, deshalb brauchen die Forscher stets eine Bewilligung. Nicht immer geht es um Leben und Tod: Die Störchin Max hat zehn Jahre lang mit einem Satellitensender ihre Wanderrouten gemeldet und den Ornithologen Informationen geliefert. Und der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hielt seine Graugans Martina nicht einmal gefangen. Da der Professor das erste Lebewesen war, das die frisch geschlüpfte Gans erblickt hatte, galt er für das Küken als Elterntier, dem es auf dem Fuss folgte. Der Forscher musste sich verhalten, als wäre er eine Gans – dabei lernte er sogar die Gänsesprache. 

An der Universität von Georgia in den USA lernen Sprachforscherinnen seit Jahren von Kanzi. Der 35-jährige Bonoboaffe kann sich in einer Zeichensprache verblüffend gut ausdrücken. Als am Forschungsinstitut Empa in St. Gallen eine neuartige Isolierdecke für Pferde getestet wurde, lieferten die Shetlandponys Larissa und Tequila auf einem Laufband Messdaten bei verschiedenen Temperaturen. Wie es die Schweizer Gesetzgebung vorschreibt, waren Tierärzte dabei, die das Experiment hätten abbrechen können. 

Unter den namenlosen Versuchs­tieren sind in der Schweizer Statistik die Mäuse mit Abstand die zahlreichsten, gefolgt von Ratten, Geflügel und Fischen. Versuche mit Affen sind selten, die sprichwörtlichen Versuchskaninchen ebenso. Und noch ein Kuriosum: 1864 kamen Lurche der Art Axolotl aus Mexiko nach Europa. Sie wurden zum Forschungsobjekt, weil bei ihnen abgetrennte Glieder nachwachsen. 150 Jahre später stellten die Forscher fest, dass der Axolotl im Ursprungsgebiet ausgestorben ist. Die Nachkommen der 34 damals in Paris eingetroffenen Tiere dagegen sind in Labors heute noch anzutreffen.

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