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Philosoph Markus Wild

«Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ändert sich»

1 Kommentare Nutztiere | Freitag, 24. Juli 2015 07:00, sda

Vegi und vegan sind «in», Tausende protestieren für Tierrechte: Der Basler Tierphilosoph Markus Wild sieht im Vormarsch der Tierethik einen grundsätzlichen Wandel im Verhältnis von Mensch und Tier.

Als Motoren dieser Strömung betrachtet der Philosophieprofessor an der Universität Basel das bröckelnde Selbstverständnis des Menschen als «Krone der Schöpfung»: «Der Mensch lässt sich wie alle Tiere evolutionsbiologisch erklären», erklärt Wild in der aktuellen Ausgabe des Magazins «Uni Nova» der Hochschule.

Wie alle Tiere hat der Mensch besondere Eigenschaften ausgebildet, die nur er besitzt: Eine komplexe Kommunikation, soziale Fähigkeiten und tiefgreifende Möglichkeiten zur Gestaltung seiner Umwelt. Doch einen entscheidenden Unterschied, der die Menschen von allen Tieren abheben wurde, zum Beispiel die Rationalität, gibt es laut Wild nicht.

Der Zoo als Gefängnis
Dies sieht nicht nur Wild so, sondern auch wachsende Legionen von Veganern und Tierrechtlern. Nach Ansicht des Philosophen steht die westliche Welt vor einem Paradigmenwechsel: Tiere, die vor 100 Jahren ausgerottet wurden, geniessen heute staatlichen Schutz, Menschen demonstrieren zu Tausenden für die moralische und rechtliche Gleichstellung der Tiere zum Menschen.

«Auf dem ganzen Globus sind derartige Prozesse zu beobachten», sagt Wild. In Argentinien hat ein Gericht unlängst die Haltung eines Orang-Utans im Zoo als Freiheitsentzug taxiert. Damit wurden dem Tier bestimmte menschliche Rechte zugesprochen.

Der Einsatz für die Tierethik nehme dabei eine politische Wende, sagt Wild. Obwohl Vegetarier und Veganer in der Schweiz nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, habe ihre Bewegung eine grosse intellektuelle Kraft. «Ich glaube, es gibt im 20. Jahrhundert ausser dem Marxismus keine andere philosophische Strömung, die sich in der Gesellschaft so stark verbreitet hat.»

Tierschutz vs. Tierethik
Der Tierphilosoph zieht eine klare Linie zwischen Tierschutz und Tierrecht. Tierschutz verbessere etwa die Haltungsbedingungen von Hühnern oder Schweinen. Doch weniger Tiere seien deshalb nicht getötet worden - der Tierschutz hätte das System stabilisiert und keine grundsätzliche Verhaltensänderung herbeigeführt.

Das Tierrecht stelle dagegen die Frage, ob wir überhaupt Hühner halten und Schweine töten sollen, um sie zu essen. Wild glaubt nicht, dass Tierethik nur ein moralisches Feigenblatt ist. «Sie ist eine Reaktion auf unseren Umgang mit Tieren.»

Der Tierphilosoph, der selbst Vegetarier ist und seinen Hund Titus mit in die Vorlesungen an der Uni nimmt, will Tieren quasi in die Seele schauen: Denken sie? Empfinden sie Schmerzen? Teilen sie sich gegenseitig Absichten mit? Untersuchungen belegen, dass Menschenaffen genau dies tun. Gemeinsam mit Verhaltensforschern überlegt Wilds Team nun, wie man einen Begriff für diese nichtmenschliche Kommunikation von Absichten entwickeln könnte.

Das neue Bild vom Fisch
Die Frage der Schmerzen hat Wild bereits 2012 in einem Bericht für die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) beantwortet, deren Mitglied er ist. Sein Fazit: Fische verfügen über alle physiologischen Voraussetzungen, um Schmerzen zu empfinden und unterscheiden sich somit philosophisch betrachtet nicht sehr von Säugetieren. Als Konsequenz isst Wild auch keinen Fisch mehr.

In ihrer Studie kommen Wild und sein Mitautor, ein Biologe, zum Schluss, dass sich auch das Bild des Fisches in den letzten Jahren gewandelt hat - von der tumben Reflexmaschine zu kognitiv erstaunlich leistungsfähigen Wesen. Als Indiz dafür werten sie, dass sich vermehrt jene rechtfertigen müssen, die die Schmerzwahrnehmung von Fischen bestreiten - und nicht jene, die ihnen Schmerzen zugestehen.

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Kommentare (1)

Hanspeter Niederer am 24.07.2015 um 13:59 Uhr
Sobald man das abscheuliche Leiden der Tiere unter dem Terror des fleischsüchtigen Homo sapiens in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit wahrnehmen kann, trägt man täglich eine tiefe Trauer und Verzweiflung in sich, die eine grosse innere Distanz schafft zu den Mitmenschen, die weiterhin rücksichtslos und arrogant ihrem unnötigen Spass an Tisch und Grill zelebrieren, der nur mit enormer Grausamkeit den Tieren gegenüber zu haben ist.

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