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«Krass – das ist ja echt!»

Stadtkinder auf dem Bauernhof

Nutztiere | Montag, 18. Mai 2015, Franz Bamert, LID

Bei Schule auf dem Bauernhof geht’s um Wichtigeres als um Noten und Zeugnisse. Die Bauernfamilie Meyer in Willisau etwa gibt Schülern einen spielerischen Einblick in die Kreisläufe des Lebens.

Es ist definitiv nicht so, dass es Kathrin und Vinzenz Meyer auf ihrem 20-Hektaren grossen Bauernhof Wellsberg langweilig würde. Mutterkühe, Schweine und Bienen plus Kleinvieh geben genug zu tun. Doch neben den eigenen vier Kindern beherbergt und betreut die Familie jährlich rund sieben Mal Primarschulklassen mitsamt Lehrpersonal.

«Klar haben wir auch schon gedacht: Jetzt reichts», sagt Kathrin Meyer. Vor allem im Heuet oder wenn sonst gerade viel Arbeit anfällt. Doch dann sind da die Kinder aus der Stadt oder der Agglomeration. Sie kommen gar nicht mehr aus dem Staunen heraus, wenn eine Kuh ein Kälbchen wirft. Oder wenn die Schweine ihre «Fährli» säugen.

«Krass – das ist ja alles echt»
«Viele halten zum ersten und vielleicht zum letzten Mal in ihrem Leben ein frischgelegtes, noch warmes Hühnerei in der Hand», sagt Vinzenz Meyer. Und seine Frau ergänzt, dass sie nie mehr diesen Buben vergessen wird. Der stand nur da, staunte und sagte: «Mann – das ist krass, das ist nicht Internet, das ist ja alles echt.»

In solchen Momenten denkt Kathrin Meyer an ihre eigene Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof zurück: «Ich bin ewig dankbar, dass ich so aufwachsen durfte und weiss auch, wie wichtig der Bezug zur Erde, zu den Tieren, zum Kreislauf des Lebens gerade für Kinder ist.»

Zusammenhänge erkennen
Nirgendwo können Kinder diesen Kreislauf zwischen säen, pflegen, ernten, zwischen geboren werden und sterben eher begreifen als auf einem Bauernhof. «Sie sehen, wie ein Tier auf die Welt kommt. Aber auch, dass ein Kalb zum Metzger muss», sagt Vinzenz Meyer. «Die Kids sind dann im Moment schockiert. Erst wenn ich frage, ob sie Fleisch essen, wird ihnen der Zusammenhang bewusst.»

Während er erzählt, schwingt kein Vorwurf mit, im Gegenteil: «Wer heute in der Stadt aufwächst, bekommt vieles einfach nicht mehr mit.» Und Kathrin schiebt nach: «Wir wissen ja auch nicht wirklich, wie das Leben dort ist. Darum ist der Kontakt mit den Kindern auch für uns wertvoll.»

Schule auf dem Bauernhof
Seit 2005 waren 250'000 Kinder in der «Schule auf dem Bauernhof.
Bild: Franz Bamert, LID

Arbeit und Liebe
Schule auf dem Bauernhof – das ist offenbar für alle Beteiligten ein Geben und Nehmen. Die Teilnehmer sind die zukünftigen Kunden welche dereinst entscheiden, was und wo sie einkaufen. «Es ist darum auch eine Chance, sie auf dem Hof zu haben», sagt die Wellsberg-Bäuerin. «Im Idealfall realisieren die Teilnehmer, dass das Bauern-Dasein mit viel Arbeit, aber auch mit Idealismus, Engagement, Liebe zu den Tieren und zur Natur verbunden ist.»

Diese Erkenntnis erarbeiten sich die Kinder spielerisch, indem sie in Kleingruppen beim Misten im Schweinestall, bei der Gartenarbeit, beim Viehtreiben oder dem Lindenblüten-Pflücken dabei sind. Es ist offenbar auch immer noch so, dass die Buben eher von den Maschinen, die Mädchen von den Tieren angezogen werden. Es braucht einiges an Vorbereitung, damit «der Karren läuft».

Aber die Kinder helfen ja auch mit und unter dem Strich halten sich Aufwand und Ertrag die Waage. Zumindest arbeitsmässig gesehen. Finanziell sieht es so aus, dass die jeweilige Schule einen Beitrag zahlt. Je nach Kanton kommen noch weitere Beiträge dazu.

«Man muss Kinder ernst nehmen»
Doch das Geld sollte nicht die Triebfeder sein. Erstens ist es nicht so viel und zweitens sagen die Meyers folgendes: «Man muss vor allem Kinder gerne mögen, sich ihren Fragen stellen und sie ernst nehmen. Kinder merken nämlich ganz schnell, wenn man nicht echt, nicht engagiert und nicht an ihnen interessiert ist.»

Doch wenn das alles zusammenkommt, wenn Kinder, Bauern und nicht zuletzt das Lehrpersonal einen guten Draht zueinander finden, dann ist Schule auf dem Bauernhof für alle Beteiligten ein Riesengewinn. «Wenn die Kinder am Schluss fast nicht loslassen können, wenn sie einmal, noch einmal und ein allerletztes Mal «ihren» Tieren auf Wiedersehen sagen; wenn dann nach ein paar Wochen noch Zeichnungen oder Briefe kommen, dann», sagt Kathrin Meyer, «dann denk ich, es hat sich mehr als gelohnt.»

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