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London

Britische Tradition sorgt für Aufregung

Nutztiere | Donnerstag, 4. Dezember 2014 08:00, Dorothy Allen

In London ist es eine Tradition, Schafe über die Themse zu führen. Der Anlass dient mittlerweile karitativen Zwecken. Nun regt sich Widerstand, weil es sich dabei um Tierquälerei handeln soll.

Dass der Verkehr «mal wieder unmöglich» war, ist eine der gebräuchlichsten Entschuldigungen von Londonern, die zu spät zur Arbeit kommen. Entweder tut es gerade mal wieder eine U-Bahn-Linie nicht. Oder eine Reihe roter Doppeldeckerbusse hat irgendwo die Strasse blockiert. Oder ein schwarzes Taxi ist plötzlich stecken geblieben. Der Verkehr in der Milllionen-Metropole kann ja auch wirklich furchtbar sein.

Aber wie wäre es bitte schön, mit folgender Erklärung? «Tut mir leid, ich bin von Schafen aufgehalten worden.» Tatsächlich kommt mit schöner Regelmässigkeit der Verkehr im Zentrum Londons zum Stillstand, weil eine Schafherde die London Bridge überqueren will.

Alte Tradition im Londoner Zentrum
Die Hirten sind meist Männer in den mittelalterlichen roten Uniformen der städtischen Zünfte. Und eine Menge Passanten drängen sich jedesmal um das bizarre Schauspiel, bei dem die Freemen der City of London ihr historisches Recht in Anspruch nehmen, Schafe über die Brücke zu treiben. Es ist ein Recht, das über 800 Jahre weit zurückreicht – in eine Zeit, in welcher der Handel im heutigen Londoner Finanzzentrum noch von den alten Zünften reguliert wurde. Die Worshipful Company of Woolmen, die Ehrenwerte Gesellschaft der Wollproduzenten, gehörte zu der kommerziellen Elite dieser Zeit.

Die Freemen der City gehen übrigens aufs Jahr 1237 zurück, als der Titel Freeman Gewerbetreibenden zuerkannt wurde, die als Einzige ein Stimmrecht in der City besassen. Als Freeman durfte ein Händler Schafe über die Themse zu Viehmärkten in der City treiben, ohne den Brückenzoll zahlen zu müssen.

Heutzutage wird diese Art Ehrenbügerschaft noch immer geschätzten Mitgliedern der Gemeinde, verdienstvoller Prominenz oder zu Besuch in der City weilenden Würdenträgern verliehen. Neue Freemen werden in einer speziellen Zeremonie in der Guildhall eingeführt.

Zu den Befugnissen, die der Titel verleiht, gehört das Recht, in aller Öffentlichkeit ein Schwert zu tragen, und sich ohne Angst vor Verhaftung zu betrinken und unanständig aufzuführen. Oder eben zu besonderen Anlässen Schafe über die London Bridge, die Tower Bridge, die Blackfriars Bridge oder die Southwark Bridge zu treiben.

Während einige der Privilegien rein symbolischer Art sind, ist das Recht zum Schaftrieb stets populär gewesen. Die noch immer existierende Gesellschaft der Wollproduzenten schätzt es als hervorragende und ins Auge springende Form der Förderung des Lamm- und Woll-Handels in der Stadt.

Prominenter Protest
Die meisten Freemen aber suchen das Privileg aus vergangenen Zeiten für karitative Zwecke zu nutzen. Ein früherer High Sheriff von Kent führte so einmal sechs Hammel über die London Bridge, um Geld zur Restaurierung der Kathedrale von Canterbury zu sammeln.

Und viel Beifall erntete um die Jahrtausendwende herum der 60-jährige Freeman Jef Smith, ein ehemaliger Londoner Sozialamtsdirektor, als er Schäferkleidung anlegte, sich einen Rechen schnappte und seine zwei Schafe Clover und Little Man über die Tower Bridge trieb, um auf die oft ignorierten Rechte alter Menschen hinzuweisen.

Jetzt aber überschattet ein bitterer Streit den Brauch, der die City immer so schön bei Laune hielt und die Leute zusammenbrachte. Paul O’Grady, prominenter Fernseh­moderator und Tierfreund, hat verlangt, dass die Praxis aufhören müsse, weil er das Ganze für Tierquälerei hält. Er schrieb an den Lord Mayor of London, den Bürgermeister der City, und verlangte ein Ende der Tradition: «Ich hoffe, Sie werden mir zustimmen, dass Schafe keine seelenlosen Versatzstücke sind. Als jemand, der das Vergnügen gehabt hat, sein Haus mit diesen wunderbaren Kreaturen zu teilen, kann ich Ihnen sagen, dass Schafe intelligente und komplexe Individuen sind.»

Wenn Paul O’Grady solches schreibt, hat das viel Gewicht in London. Nicht so sehr, weil der Mann sich als Komödiant einen Namen gemacht hat und sich nebenher als Drag Queen Lily Savage feiern lässt. Sondern weil er jede Woche durch «For The Love of Dogs» führt – ein populäres Fernsehprogramm, bei dem es um das Battersea-Heim für verwahrloste Hunde und Katzen geht.

Weiter hat O’Grady dem Lord Mayor geschrieben: «Schafe eine belebte Strasse hinunterzutreiben, über die gleichzeitig Autos brausen, zeugt von wenig Respekt fürs Wohlbefinden dieser Tiere. Es ist eine unnötige Belastung für sie.»

Das wollen sich die Beschuldigten nun nicht vorwerfen lassen. Die Gesellschaft der Züchter von Romney-Schafen hat versichert, 15 Lämmer aus einem Bauernhof in Kent seien sogar «extra geschult» worden, um den Strassenlärm der City und den Beifall der Umstehenden gut zu verkraften.

Für das Wohl der Tiere ist gesorgt
Und das Tierschutzamt der City of London hat folgende Erklärung abgegeben: «Wir überwachen diese Ereignisse genau. Ein amtlicher Tierarzt ist jeweils zur Stelle, der dafür sorgt, dass allen Erfordernissen entsprochen wird. Dass die Tiere den ganzen Tag über gut untergebracht sind und dass sie genügend Futter und Wasser bekommen.»

Die meisten Menschen in der City sind jedenfalls ganz froh um ein bisschen Ablenkung, im eigenen täglichen Stress. Sie sind sich einig mit Boll Clark, dem Meister der Ehrenwerten Gesellschaft der Wollproduzenten. «Wir wollen, dass die Leute nicht nur Zeugen dieser einzigartigen britischen Tradition werden, sondern auch an ihr teilnehmen können», sagt Clark. «Immerhin geht das Ganze auf ein mittelalterliches Brauchtum zurück!» 

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