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London

Bauernhöfe in der Millionenstadt

Nutztiere | Montag, 20. Oktober 2014, Markus Rediger, LID

Die Höfe der Britischen Farmer sind weit draussen im Land und werden immer grösser. Deshalb übernehmen in der Millionenmetropole London sogenannte «City Farms» ihre Rolle als Türöffner zu Bauernhoftieren und der Natur.

Wer die Stadt London besucht, hält nicht nach Bauernhöfen Ausschau. Da stehen vielmehr die Tower Bridge, der Big Ben oder Westminster auf dem Reiseplan. Ganz anders geht es den Familien mit Kindern, die in der grössten Stadt der Europäischen Union zuhause sind. Sie sehnen sich nach etwas Bauernhof-Atmosphäre, nach Tieren, Wiesen und Landluft. Natürlich ist in der Grossstadt-Agglomeration mit 13,6 Millionen Einwohnern oder rund 3 Millionen Einwohnern in der Innenstadt wenig Raum für Bauernhofstimmung. Dennoch gibt es in London 16 Stadthöfe oder City Farms und über 60 in ganz Grossbritannien.

Die City Farms haben nicht zum Ziel, möglichst viel zu produzieren, nein, sie sollen den Städtern Zugang zu Nutztieren, Pflanzen und der Natur ermöglichen. Das klassische Angebot dieser City Farms and City Gardens, wie sie je nach Ausprägung auch genannt werden, umfasst Tiere, Aktivitäten für Kinder und Jugendliche, Kurse für einfache Arbeiten in Garten und Hof, Reitkurse, geführte Spaziergänge und Erholungsräume.

Mudchute Farm immer offen
Die Mudchute City Farm wurde 1977 gegründet. Dies war die Zeit, als landauf, landab in Grossbritannien solche Höfe ins Leben gerufen wurden. Mudchute liegt im Osten Londons, umgeben von Stadtquartieren und den Hochhäusern des Finanzzentrums Canary Wharf. Mit seinen 13 Hektaren ist Mudchute einer der grössten Stadthöfe der englischen Hauptstadt. Dort leben rund 100 Tiere, darunter Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen, Esel, Lamas, Schweine, Hühner sowie weitere Kleintiere.

Damit bietet die Farm einerseits Erholungsraum, aber auch Anschauungsunterricht und erlebnisorientierte Umwelt- und Naturerfahrung. Ein kleines Restaurant, eine Kindertagestätte, ein Reitzentrum, Schulungsräume, eine Gärtnerei und eine Mediathek gehören zu den weiteren Angeboten. Wie viele Besucher vorbeikommen, sei schwierig zu erfassen, sagen die Betreiber, da einige einfach durchspazierten, andere länger verweilten und viele auch an Programmen teilnähmen. Einige 10'000 sind es aber bestimmt, die die Mudchute Farm pro Jahr besuchen.

 Nick Golson, der Manager der Mudchute Farm.
 Bild: Markus Rediger/LID

Vom Banker zum Bauern
Nick Golson, Manager von Mudchute war früher Banker, hatte jedoch auf dem Bauernhof seines Grossvaters schon früh eine Beziehung zur Landwirtschaft aufbauen können. Nun ist er mit Leib und Seele City Farm Manager und überzeugt, dass es nichts Wichtigeres in London gibt, als den Stadtkindern zu zeigen, woher Milch und Äpfel kommen und ihnen zu ermöglichen, mal eigenhändig ein Schaf oder eine Ziege zu streicheln.

Hauptzielgruppe für die Angebote mit den Tieren sind 5- bis 12-jährige Kinder. Gegenüber einer Gruppe von Agrarjournalisten erklärte Golson kürzlich, dass sich Bauern und Leute aus der Landwirtschaft nicht vorstellen könnten, wie wenig Ahnung die Stadtkinder von der Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft hätten. Die wüssten teils gar nicht, dass Milch von Tieren stammt.

Gesundheitsrisiken und Geldmangel als Gefahren
Als grösste Gefahren sieht Nick Golson neben allfälligen Finanzknappheiten den immer stärkeren Ruf nach grösseren Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen. Wichtig sei, dass die Kinder nach Tierkontakten und vor dem Essen die Hände waschen würden. Aber wenn irgendwann mal etwas passieren sollte und ein grosses Medienecho auslösen würde, dann könnte die Bürokratie und Präventionsmaschinerie derart ausgeweitet werden, dass diese einzige und wohl letzte Möglichkeit der Stadtkinder die Landwirtschaft mit allen Sinnen zu erfahren, verunmöglicht würde.

Gratiseintritt, der nicht gratis ist
Die Farm hat ein Budget von 1,8 Millionen Franken pro Jahr. Da der Eintritt gratis ist, wird vor allem mit Zusatzangeboten versucht, die Kasse zu füllen. Tierpatenschaften, Eselreiten, das Restaurant, die Kita und Merchandising sind direkte Einnahmequellen. Breite Unterstützung geniesst die City Farm auch von den Mitgliedern, Freundeskreisen, von Stiftungen, Sponsoren und wohltätigen Organisationen, die alle überzeugt sind vom Nutzen dieser grünen Erlebnisoasen.

Die meisten Mitarbeiter sind als Freiwillige tätig, oft veranstalten auch grosse Firmen, wie Credit Suisse, BP oder Sony Einsatztage für ihr Personal und helfen dann für einen Tag beim Unterhalt der Farm mit. Mudchute bietet aber auch Teambildungsanlässe und Umwelttage für Firmen an, indem gemeinsam Arbeiten auf der Farm ausgeführt werden, natürlich gegen ein entsprechendes Kursgeld.

 Hauptzielgruppe der Farm sind Kinder.
 Bild: Markus Rediger/LID

Kennen und schätzen lernen
Die City Farms in London sind eine wichtige Brücke zwischen Stadt und Land. Sie ermöglichen Jung und Alt aus der Stadt einen direkten Kontakt zu Bauernhoftieren, Pflanzen und der Natur. Hier können die Londoner Konsumenten von morgen heute erfahren, woher die Milch kommt und dass Eier von Tieren gelegt werden, von Hühnern, die gackern und picken.

Jung-Konsumenten, die mit dieser Grundlage ins Leben gehen, werden sich von den Schlagzeilen rund um das tägliche Brot, die sie ein Leben lang begleiten werden, weniger unnötig verunsichern lassen. Denn: «Niemand schützt, was er nicht schätzt und niemand wird zu etwas Sorge tragen, das er nicht erlebt oder erfahren hat» sagt Sir David Attenborough, ein bekannter britischer Tierfotograf, Naturforscher und Sympathisant der City Farms.

www.farmgarden.org.uk

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