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Engagiert und erfinderisch

Kleintierzucht | Donnerstag, 27. Dezember 2018 09:00, Matthias Gräub

Christoph Uebersax ist einer der wenigen jungen Taubenverrückten in der Schweiz. Als Ausstellungschef schaut er, dass an der Nationalen in Giubiasco alles rund läuft. Und erfindet nebenbei eine neue Taube.

Alle schauen zu, als das Auto vorfährt. Der Neufundländer trabt als Erster an und begrüsst die Besucher stürmisch. Ein paar Hühner gackern zufrieden in der schlammigen Einfahrt und auf der Koppel halten die Pferde neugierig einen Moment lang ein, bevor sie sich wieder necken. Nur Christoph Uebersax braucht noch einen Moment; zwei junge Sennenhunde scharwänzeln so zappelig um ihn herum, dass er sich kaum die Arbeitsstiefel binden kann.

Das Bauernhofidyll hier in einem kleinen Weiler im bernischen Oberaargau wäre perfekt, wäre es nicht ein nasskalter Dezembervormittag. Hier ist Uebersax aufgewachsen. Hier leben noch heute seine Eltern. Und hier sind seine Tauben. Der 37-Jährige ist Ausstellungschef an der Nationalen, der grössten Taubenausstellung des Jahres, die am Wochenende in Giubiasco TI stattfindet. Und selbstverständlich ist er selber auch Taubenzüchter. Ein ganz angefressener noch dazu.

Die «Tierwelt» stand am Anfang
In seinem Taubenschlag neben dem Bauernhaus geht es beinahe so bunt zu und her wie in der Einfahrt. Ein Potpourri der diversesten Taubenrassen ruckelt durch die moderne Voliere. Luzerner und Thüringer heis­sen die, erklärt Uebersax, die aufflattern, als er ihnen näher kommt. Hühnergrosse Stras­ser bleiben seelenruhig auf dem Volierenboden sitzen, und die prächtigen Indischen Pfautauben schlagen ihr Rad friedlich weiter. 

Eigentlich waren es aber ganz andere Tauben, die Uebersax einst zu seinem Hobby geführt haben. «Ich war 13 oder 14 und habe in der ‹Tierwelt› ein Foto von Berner Rieselköpfen gesehen», erzählt er. «Die haben mir sofort gefallen.» Also besuchte er einen Züchter in der Nähe, der ihm aber von der Rasse abriet. Keine Einsteigertiere seien das. Wenn er unbedingt wolle, könne er schon, aber es sei einfach schwierig, mit denen zu züchten.

Also nahm Uebersax einen Umweg. Begann mit anderen, einsteigerfreundlichen Tauben, nur um nach ein paar Jahren doch wieder beim Berner Rieselkopf zu landen, seiner Paraderasse. Ganz schwarz sind die Körper der Tiere, die in ihrer eigenen Voliere auf Kopfhöhe auf einer Stange sitzen. Ihr Kopf trägt ein spitzes Häubchen und das Gesicht ist schwarz-weiss gesprenkelt. Gerieselt halt, wie der Rassenstandard sagt.

Unter anderem mit ebendiesen Rieselköpfen, aber auch mit seinen St. Galler Flügeltauben – weisse Tiere mit dunklen Flügeln und einem Punkt auf der Stirn –  möchte Christoph Uebersax auch am kommenden Wochenende punkten. Rund 50 seiner Tauben aus verschiedenen Rassen warten im Tessin auf ihre Bewertung, eine davon ist sogar eine Titelverteidigerin, wurde vor einem Jahr zur Schweizer Meisterin gekürt. «Da bin ich schon gespannt, wie sie dieses Jahr abschneidet.»

Denn die Bewertung von Rassetauben ist eine Wissenschaft für sich. «Das ist nicht wie bei einem Autorennen, wo die Zeit gestoppt wird und der Schnellste gewinnt», sagt der Züchter. In Reih und Glied stehen die Taubenkäfige bei Ausstellungen nebeneinander, nach Rassen und Farbenschlägen sortiert. Dann sind die Richter dran. Selber aktive Taubenzüchter, erhalten sie vom Organisationskomitee den Auftrag, eine oder mehrere Rassen zu bewerten. Am Ende steht dann eine Zahl neben der Taube. Je höher, desto besser. Das Maximum: 97 Punkte.

Holt er wieder einen Titel?

«Ich weiss auch nicht, wieso es nicht bis hundert geht», gesteht Uebersax. Eine 97er-Taube ist jedenfalls perfekt – zumindest gemessen am aktuellen Zuchtstand. Mit jedem «Wunsch», also mit jedem kleinen Makel, sinkt die Wertung der Taube. Hat sie gar einen waschechten Mangel, geht die Note rasch in den Keller. Wobei: 91 sieht für den Laien noch immer nach einer guten Punktzahl aus.

Selber ist Uebersax kein Preisrichter. Dafür ist er sonst praktisch in allen Belangen an der Nationalen beteiligt. Er hat einen Massentransport der Tauben aus dem Kanton Bern organisiert, «damit die Züchter nicht alle extra noch mal ins Tessin runterfahren müssen».  Als Ausstellungs-Chef ist er ausserdem verantwortlich, dass an der Nationalen alles rund läuft. Bei der Anlieferung am Donnerstag, bei der Bewertung am Freitag, bis zum Abräumen am Sonntag ist er in Giubiasco vor Ort. Fast 40 Mitarbeiter sind nötig, um so einen Grossanlass auf die Beine zu stellen. Schliesslich brauchen immerhin rund 2200 Tauben ihren eigenen Käfig. 

Am Sonntag werden die Preise verteilt sein und Uebersax wird schlauer sein, ob er wieder einen Schweizer Meister stellen kann. Oder gar eine der beiden begehrten Trophäen für die besten Kollektionen. Vier oder sogar sechs Tauben von Top-Niveau braucht es, um die «Tierwelt»-Kanne oder den Paul-Schönenberger-Gedächtnispreis abzuräumen.

Der Ü70-Club will ausstellen
Ob Uebersax nun abräumen wird oder nicht – daheim im Taubenschlag gibt’s auch nach der Nationalen noch eine Menge zu tun. Zum Beispiel will der gelernte Bäcker-Konditor seinen eigenen Farbenschlag züchten. Eine neue Kombination aus Rasse, Farbenschlag und Zeichnung. Heissen soll sie St. Galler Flügeltaube blau, weissgeschuppt. Bis sie einmal eine 97er-Wertung an einer Nationalen Taubenausstellung gewinnt, dauert es aber bestimmt noch ein Weilchen. «Ich habe die heuer das erste Mal gezüchtet. Bis die ausstellungsfähig sind, rechne ich schon noch mit fünf, sechs Jahren.»

Doch auch bis dahin wird Christoph Uebersax kaum langweilig. Er ist einer der spärlich gesäten Tauben-Enthusiasten, die nicht in die Ü70-Kategorie fallen. Entsprechend viel Druck lastet auf seinen Schultern, wie er auch selber sagt: «Die meisten Züchter wollen ihre Tiere schon ausstellen, aber selber organisieren wollen sie nichts mehr. Sie sagen, sie hätten schon mal oder seien zu alt dafür.» Also bleibt es gerne mal an ihm hängen. Und Uebersax ist jeweils da, wenn Not am Mann ist. Nach der diesjährigen Nationalen organisiert er deshalb gleich auch jene von 2020 und 2021. Dann aber nicht mehr im Tessin, sondern vor seiner Haustür, in Langenthal.

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