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Brieftauben

Das Märchen von den Drogentauben

Kleintierzucht | Mittwoch, 20. September 2017, Rita Schmidlin

Wieder einmal zirkuliert in den Medien die Geschichte über eine Brieftaube, die Drogen in ein Gefängnis transportierte. Unsere Brieftauben-Expertin sagt: Alles erfunden! 

Fliegender Drogenkurier», «Polizei erschiesst Drogenkurier-Brieftaube», «Drogenkurier-Brieftaube stirbt durch Polizeikugel» – mit diesen und vielen weiteren fantasievollen Titeln erschien kürzlich eine Meldung über eine Brieftaube aus Argentinien. Dabei ist die ganze Story erfunden. 

Die Meldung, wie sie durch die Nachrichtenagentur AFP weiterverbreitet und auch hier bei uns veröffentlicht wurde, lautete wie folgt: «Argentinische Polizisten haben eine Brieftaube abgeschossen, die von Gefängnisinsassen als Drogenkurier missbraucht wurde. Der Vogel trug einen kleinen weissen Stoffrucksack, in dem Marihuana, Pillen und ein USB-Stick steckten, wie die Behörden am Freitag mitteilten. Die von Drogenhändlern abgerichtete Taube starb durch eine Kugel, als sie gerade im Gefängnis von Santa Rosa in der Provinz Pampa landen wollte.»

Ein Foto, das das argentinische Nachrichtenportal «Clarín» ohne Quellenangabe veröffentlichte, zeigt eine tote Taube, die auf einem weissen Blatt Papier liegt; auf ihrem Rücken ist ein winziger Rucksack befestigt,  der die Drogen beinhalten soll. Die Brieftaube sei, so das Nachrichtenportal, so trainiert worden, dass sie zehn bis 15 Mal pro Tag als Drogenkurier fliegen könne. «Narcopaloma» – Drogentaube, wird der Vogel genannt.

Dieses Foto veröffentlichte «Clarín» auf Twitter. Mit so einem Rucksack könnte die Taube aber gar nicht fliegen, sagt unsere Tauben-Expertin:

Alte Geschichte, neu aufgewärmt
Solche und ähnliche Geschichten tauchen regelmässig in der Weltpresse auf. Es ist so ziemlich alles falsch und unmöglich daran. Brieftauben kann man nicht trainieren, irgendwohin zu fliegen. Eine normale Brieftaube fliegt immer nur zu ihrem Heimatschlag. 

Es ist nicht anzunehmen, dass im besagten Gefängnis von den Insassen ein Taubenschlag geführt wird. Nur dann wäre ein solcher Drogenumschlag praktisch möglich. Das würde aber bedingen, dass die Brieftaube von einem Besucher aus dem Gefängnis geschmuggelt würde, damit er sie später mit Drogen wieder dorthin zurückfliegen lassen könnte. Vermutlich wäre es einfacher, die Drogen direkt ins Gefängnis zu schmuggeln – ohne Taube. 

Mit einem «Rucksack» wie auf dem verbreiteten Foto zu sehen, könnte die Taube nicht mehr fliegen; er ist so breit, dass er den Flügelschlag behindern würde. Beim Fliegen kommt es vor, dass eine Taube die Flügel oben sogar zusammenklatscht. 

Als Brieftauben noch als fliegende Kuriere genutzt wurden, trugen sie die Meldungen in Fuss- oder Brusthülsen. Die Fusshülse wurde für Meldungen auf sehr leichtem Papier genutzt, das Gewicht für die Fusshülse durfte rund fünf Gramm betragen, die Brusthülse durfte mit Material bis zu vierzig Gramm beladen werden, dies aber nur für sehr kräftige Tauben und über kurze Distanzen. Als Vorgänger der Brusthülse verwendete die Schweizer Armee kleine Täschchen, die aus Fallschirmseide hergestellt wurden. 

Schwierige Zweiweg-Verbindungen 
Wie jemand auf die Behauptung gekommen ist, dass eine Taube bis zu 15 Mal pro Tag als Drogenkurier eingesetzt werden kann, ist ebenfalls mehr als fragwürdig. Die Brieftaube müsste ja immer wieder geholt werden in ihrem Schlag und wegtransportiert werden. 

Der Brieftaubendienst der Schweizer Armee hat zwar Versuche durchgeführt und tatsächlich erreicht, dass Brieftauben zwei verschiedene Taubenschläge anfliegen. Das ist aber eine sehr aufwendige Arbeit. In einem Schlag haben die Vögel ihre Partner gehabt, im anderen Schlag wurden sie gefüttert. Wenn sie fliegen gelassen wurden und Hunger hatten, flogen sie zum «Futterschlag», wenn sie satt waren zum geliebten Partner. 

Einsatzfähig waren diese Tauben aber nur jeden zweiten Tag; vorher waren sie schlicht nicht hungrig genug, um ihren Futterschlag anzufliegen. Funktionieren kann eine solche Methode nur mit maximal zwei Taubenschlägen.

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