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Dunek-Tauben

Zirkusreife Luftakrobaten

Kleintierzucht | Dienstag, 19. Juli 2016, Elke und Ingolf Jungnickel

Wenn sie durch die Luft wirbeln und sich trudelnd dem Boden entgegenstürzen, zeigen sie ein atemberaubendes Spektakel. Doch die Dunek sind nicht nur Kunstflugtauben. Sie suchen auch die Nähe zum Menschen.

Kommt der Zirkus in die Stadt, ist es ein Ereignis, das bei Gross und Klein stets für Freude sorgt. Kaum eine Familie mit Kindern lässt sich den Besuch entgehen. Neben Elefanten, Löwen oder besonderen Pferderassen gehören immer auch Zirkustauben zum festen Programm. Ob weisse Pfautauben oder die flinken Lachtauben: Ihre Gelehrsamkeit fasziniert die Zuschauer gleichermassen, wie die Kunststückchen, die sie vollbringen, für leuchtende Kinderaugen sorgen. Und kaum ist die Show vorbei, sehnt man bereits den nächsten Auftritt herbei. Doch leider kommt der Zirkus in der Regel nur einmal im Jahr ... Nun, Elefanten und Löwen ständig um sich zu haben, geht natürlich nicht so einfach. Wer jedoch täglich einen «Taubenzirkus» erleben möchte – bei sich zu Hause oder vielleicht bei einem Züchter in der Nähe –, hat es da schon einfacher. Die Rede ist von den Dunek. Die Flugtauben sind eine ganz besondere Rasse, die uns mit ihrer Zutraulichkeit und Luft­akrobatik einen ähnlichen «Zauber» bieten können wie dressierte Zirkustauben.

Dunek im Dreh- und Sturzflug: 

Bis vor drei Jahrzehnten in den westeuropäischen Ländern noch kaum bekannt, erfreuen sich die Dunek (je nach Herkunftsland auch Dynek oder Dönek genannt) auch bei den hiesigen Taubenhaltern zunehmender Beliebtheit. Ausgehend von der Türkei, gelangten sie während der Herrschaft des Osmanischen Reiches in viele besetzte Gebiete, darunter Griechenland, und in Varianten auch in die heutigen Länder Mazedonien, Serbien und in den Kosovo.

Die Taube auf dem Kopf
Wer «Zirkustauben» mit all ihren besonderen Merkmalen und Wesenseigenschaften liebt, für den sind die Dunek genau die richtigen. Ihre Zahmheit und «Menschen-Zugewandtheit» sind aussergewöhnlich ausgeprägt. So suchen sie sich ihre Streicheleinheiten, wann und wo immer sie können. Betritt etwa ihr «Herr und Meister» den Taubenschlag, stürzt sich die ganze Gesellschaft umgehend zu seinen Füssen. 

Fliegt dann der erste Dunek auf des Halters Hand, Schulter oder auch ohne jede Scheu gern mal auf den Kopf, den Hut oder die Mütze – gleich folgen die nächsten. Untereinander sind Dunek kaum einmal zänkisch. Im Gegenteil: Auch auf geringem Raum stehen sie so dicht wie möglich beieinander. Ein relativ kleiner Schlag reicht also aus. Am liebsten sind sie aber eh im Freien, auf dem Platz vor der Schlagtür, wo die lebhaften Tiere unermüdlich ihrem Züchter um die Füsse «wimmeln» und auf Leckereien warten, die sie am liebsten direkt von der Hand in den Schnabel gereicht bekommen.

Dunek sind Drehsturzflugtauben. «Drehen» bedeutet das Rotieren um die eigene Körperachse. Das Startsignal zu ihrem speziellen Kunstflug erfolgt vom Sammelplatz vor der Schlagtür aus. Der Züchter lässt sie einzeln oder in Zweier- bis Dreiergruppen aufsteigen, entweder direkt aus der Hand oder vom Boden aus, wo er die Tiere mit einem kleinen Stöckchen kurz antippt. In «guter Kirchturmhöhe», wie es im Jargon heisst, und immer in Sichtweite fliegend, werden sie dann nach fünf bis zehn Minuten «gedroppt», das heisst mittels eines Signals des Züchters herunterbefohlen – zum Landeplatz oder manchmal sogar gleich direkt in den Schlag hinein. Als Signal respektive als «Dropper» dient zumeist eine lebhaft flatternde Locktaube. 

«Propeller» und «Trudelnde Banane»
Was jetzt folgt, ist in der Tat eine reine «Zirkusnummer»: Beim Herabstürzen vollführen die Dunek rassenspezifische Drehfiguren. Dabei präsentieren sie sich als wahre Luft­akrobaten, die den Zuschauer an die Saltos und Schrauben fliegender Trapezkünstler im Zirkus erinnern. Der Sturzflug sieht im Übrigen nicht überall gleich aus. Hier ein paar Beispiele: Unter griechischen Züchtern ist das Flugmanöver «Stürzender Ball» besonders beliebt. Dabei dreht sich die Taube mit hervorgedrückter Brust und angelegten Flügeln schnell um ihre Längsachse. 

Weitere länderspezifische Figuren sind der «Propeller» in der Türkei, wobei der Sturzflug mit offener Schwingen- und Schwanzpartie erfolgt, die «Trudelnde Banane» in Mazedonien sowie die «Fliegende Untertasse» im Kosovo, die mit völlig offenen Flügeln geflogen wird. Auch der Sturz­winkel variiert und reicht von rund 45 Grad bei türkischen Dunek bis hin zu 90 Grad bei anderen Varianten.

Das Federkleid der Dunek ist ebenfalls bunt wie ein Kostüm in der Zirkusmanege, denn es gibt sie in allen denkbaren Taubenfarben, dazu mit oder ohne Bestrümpfung (Befiederung der Läufe). Am verbreitetsten ist eine mehr oder weniger stark aufgelöste Mönchszeichnung, also Schecken. Für die Ästheten unter den Rassetaubenzüchtern: Eine korrekte Mönchszeichnung kommt auch oft vor! Aber die «eingefleischten» Dunek-Züchter sind klar Flugtaubenspezialisten. Die freuen sich zwar auch über besonders attraktive Farben und Zeichnungen, doch hat die Leistung bei der Auslese der besten Luftakrobaten stets den absoluten Vorrang. 

Im Training macht man sich – wie der Dompteur im Zirkus – die Dressurfähigkeit der Dunek zunutze. Sie ist in hohem Masse durch ihre Intelligenz, ihre Lernfähigkeit und die Freude, stets mit dem Menschen ganz nah in Wechselbeziehung zu sein, gegeben. Um herauszufinden, welche Tiere im Schlag zu den besten Fliegern gehören, muss der Züchter viel Geduld aufbringen und möglichst täglich mit ihnen üben und sie dabei mehrmals aufsteigen lassen. Sofern man die Dunek nicht nur zur reinen Freude hält, sondern auch bei Flugwettbewerben und -meisterschaften mitkonkurrieren will. 

Viele Züchter halten ihre Dunek das ganze Jahr über in nur einem Schlag. Das hat den Vorteil, dass sich der Nachwuchs alle Abläufe bei den Alttieren abschauen und schrittweise übernehmen kann. Ab wann die Jungen die ersten Drehfiguren zeigen, hängt genetisch vom jeweiligen Stamm und von der Trainingsintensität ab. «Frühdreher» zeigen später nicht selten Unsauberkeiten in der Flugfigur. Jungtiere, die erst mit mehreren Monaten deutlich zu drehen beginnen, bleiben dagegen konstant und bringen ab zwei Jahren ihre Bestleistung. 

Flugkünstler brauchen «Hütehunde»
Der Einsatz von Begleittauben – hierzu eignen sich die wesensverwandten Flugmöv­chen oder die Demkesh am besten – ist unbedingt zu empfehlen. Es geht zwar auch ohne sie, jedoch sind sie, wie ein guter Hütehund bei einer Schafherde, Gold wert. Gemeinsam aufgelassen, dienen die Begleittauben als Orientierungshilfen, die die Dunek mit verlangsamtem Flügelschlag zunächst in die richtige Flughöhe und dann wiederholt in eine gute Position über dem Landeplatz bringen. Der Züchter erhält so mehrfach die Chance, den besten Moment für das «Droppen» zu wählen.

Die Aufzucht ist unproblematisch mit normalem Mischfutter und den üblichen Ergänzungen. Vermeiden sollte man starke Gaben von Sämereien als «Reizfutter», danach kann das Flugverhalten unberechenbar werden. Die Dunek zeigen ein treues, zuverlässiges Nestverhalten. Jeweils zwei Jungtiere pro Gelege sind die erfreuliche Norm. Ihrem Wesensverhalten entgegenkommend, bleiben die Nistzellen vorn weitestgehend offen. Ohne Vorsatzgitter, ein kleiner Sichtschutz für die Nistecke reicht, denn sie lieben ein freies Nistzellen-Anfliegen. Verbissene «Hackereien» kommen auch bei verirrten Zellennachbarn nicht vor. Dunek sind robust und wenig krankheitsanfällig. Kuren sollte man nur bei akutem Anlass. Eine regelmässige Paramyxoimpfung ist zu empfehlen.

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