Aktuell
› Zurück

Geflügel

Hühnerzähmen leicht gemacht

Kleintierzucht | Donnerstag, 5. Februar 2015 07:30, Fabienne Schenkel

Als Haustier hält man sich gern ein Tier mit Fell, das sich knuddeln und streicheln lässt. An ein Huhn denkt man dabei in der Regel nicht. Doch auch Hühner kann man in die Arme nehmen und eine wertvolle Beziehung zu ihnen aufbauen.

Ein Huhn als Kuscheltier in der Wohnung? In unseren Breiten kommt das eher weniger vor. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden «Stubenhühner» jedoch immer mehr zum Trend. Hielt man in den USA bis vor Kurzem Hühner selbst in grossen Städten wie Miami, San Francisco oder Los Angeles noch zwecks Selbstversorgung im Hinterhof, werden Hühner heute immer häufiger in den Wohnungen gehalten. Das erinnert an den Fall des Hamburger Haushuhns Lotte, über den wir in der «Tierwelt» 26/2012 berichteten.

Das Halten von Hühnern ist in den meisten amerikanischen Städten zwar verboten, und ihre Besitzer haben die nicht immer vergnügliche Aufgabe, den Tieren dauernd hinterherputzen zu müssen, da sie nicht stubenrein zu kriegen sind. Doch das nehmen sie in Kauf, denn, so sagen sie, ein Huhn bellt nicht, kratzt nicht an der Türe und legt obendrein noch zuverlässig Eier. Eier, mit denen man gerne auch mal die Nachbarn besticht, damit diese sich nicht am neuen Mitbewohner stören. Diese Haltung mag aus Sicht der städtischen Hühnerbesitzer stimmen – empfehlenswert und artgerecht ist sie nicht. 

Vertrauen muss verdient werden
Ein Huhn sollte nicht als Kuscheltier gehalten werden, denn dabei kommt das artentypische Verhalten, wie das Scharren am Boden oder das Picken nach Essbarem, zu kurz. Ein Huhn muss aber andererseits nicht ausschliesslich als Nutztier gesehen werden. Auch wenn man die fast täglich gelegten frischen Eier gerne entgegennimmt, kann ein Huhn auch sonst viel Freude bereiten. Sei es beim Anblick des farbenfrohen Gefieders, beim Beobachten des emsigen Treibens im Hühnerhof oder beim Füttern.

Oder eben beim Streicheln, denn auch Hühner können zutraulich werden und zeigen Freude und Interesse, wenn man den Hüh­nerhof betritt. Voraussetzung dafür ist jedoch viel Vertrauen zwischen dem Tier und dem Menschen. Vertrauen, welches man sich beim Geflügel sicherlich härter erarbeiten muss als bei den meisten Säugetieren. Ein langsamer, aber stetiger Aufbau ist Voraussetzung für das Gelingen. Dabei muss man sich bewusst sein, dass es viel Geduld und Verständnis für die als eher menschenscheu geltenden Hühner braucht. 

 Zutrauliche Hühner picken einem das Futter aus der Hand.
 Bild: Fabienne Schenkel  

Wie bei anderen Tierarten bestimmt auch bei den Hühnern die Rasse und nicht zuletzt der Charakter jedes einzelnen Tieres, wie viel Zeit es braucht, um Vertrauen zu einem Menschen aufzubauen. Hühnerrassen aus Asien  wie die Ko Shamo oder Zwerg-Cochin beispielsweise gelten als sehr zutraulich. Mediterrane Rassen wie die Italiener sind eher scheu und zurückhaltend, während das Appenzeller Spitzhaubenhuhn als vorwitzig und impulsiv gilt. 

Entscheidend ist auch, wie lange man das Tier bereits kennt. Eine grosse Hilfe ist es, wenn man das Huhn schon vom Schlupf an betreut. So gewöhnt es sich bereits ab der ersten Minute an die Stimme des Halters. Diese erste Orientierung an einem Lebewesen oder Objekt nennt man Prägung. Das Erfassen von groben, allgemeinen Merkmalen eines Gegenstandes ist in den ersten 13 bis 16 Stunden nach dem Schlupf ausgebildet. 

In dieser Zeit sind die kleinen Küken sehr reizempfänglich. Werden sie dann beispielsweise regelmässig in die Hand genommen, gewöhnen sie sich viel rascher an den Duft eines Menschen und daran, dass sie in den Händen gehalten werden. Dieses Vertrauen kann auch an Ausstellungen ein wichtiger Vorteil sein. Zeigt sich das Huhn friedlich, wenn der Experte es aus dem Käfig nimmt, macht dies einen guten Eindruck. Nicht zuletzt regt sich das Huhn weniger auf, wenn die Hand des Experten in den Käfig greift. Die Gefahr, dass es sich dabei das Gefieder am Gitter durcheinanderbringt oder sich gar verletzt, ist geringer. 

 Mehlwürmer als Leckerbissen.
 Bild: Fabienne Schenkel  

Wer ein Huhn oder einen Hahn erst als ausgewachsenes Tier in den eigenen Hühnerhof holt, weiss in der Regel nicht, was es bis dahin mit Menschen erlebt hat. Das macht es schwieriger, Gründe für ein allfälliges Misstrauen herauszufinden und diesen entgegenzuwirken. Hier ist noch mehr Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt. 

Ob man nun das Herz eines Huhnes bereits als Küken oder erst in dessen späterem Lebensverlauf erobern will, es wird immer eine spannende Herausforderung sein. Eines haben allerdings alle Tiere (und angeblich sogar die Menschen) gemeinsam: Liebe und Zuneigung geht bei ihnen durch den Magen. Denn mit einer Delikatesse lässt sich jedes Huhn aus dem Stall locken. Als Leckerbissen eignen sich Weizen, Mehlwürmer oder auch Karotten. Bei Letzteren empfiehlt es sich, die Hühner bereits vom Kükenalter her daran zu gewöhnen. Um die Tiere anzulocken und vertraut zu machen, sollte allerdings nie das gleiche Futter verwendet werden, welches sie täglich angeboten bekommen, denn sonst fehlt der Anreiz. 

Scheuen Rassen hilft das Radio
Da Hühner Gewohnheitstiere sind, ist es von Vorteil, die Leckerbissen vor allem am Anfang immer am gleichen Ort anzubieten und den Auslauf an der gleichen Stelle zu betreten. Im Idealfall tut man dies auch noch immer zur gleichen Tageszeit. So wissen die Hühner bereits nach wenigen Tagen, was sie erwartet, und verlieren ihre skeptische Haltung gegenüber dem Eindringling rascher. 

Diese Erwartung verstärkt sich im Laufe der Zeit, sodass man nach kurzer Zeit nur noch die Türe öffnen muss, und schon rennen einem die Hühner aufgeregt gackernd entgegen. Einige Hühner werden ihre Scheu schneller ablegen als andere. Bei diesen ganz Neugierigen kann man versuchen das Futter auf die offene Handfläche zu legen und sie daraus picken zu lassen. Trotz des etwas bedrohlich wirkenden Schnabels sind Hühner vorsichtig beim Picken und fügen keine Schmerzen zu. Es fühlt sich an, wie wenn jemand mit dem Fingernagel auf die Handfläche klopft.

Während der ganzen Zeit im Auslauf empfiehlt es sich mit den Hühnern zu sprechen. Eine gleichmässige, ruhige Tonlage beruhigt die Tiere genauso wie langsame, kontrollierte Bewegungen. Manchmal hilft es auch, wenn man Küken von scheuen Rassen an Radiogeräusche gewöhnt. So erschrecken sie auch später nicht so leicht ab verschiedenen Geräuschen. Es genügt, das Radio morgens oder abends für eine Stunde laufen zu lassen. 

Um weiteres Vertrauen zu gewinnen, kann man die Hühner abends auch von der Sitzstange nehmen und sie auf Ungeziefer kontrollieren. So gewöhnen sie sich daran, in die Hand genommen zu werden. Auch hier kann es helfen, mit den Tieren zu sprechen. Der bekannte Tonfall beruhigt sie und gibt ihnen Sicherheit, auch wenn sie die Worte nicht verstehen können. Aber selbst mit all diesen kleinen Tricks gewinnt man die Zutraulichkeit eines Huhnes nicht über Nacht. Hier ist viel Geduld gefragt, die sich aber auf jeden Fall auszahlen wird.

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen