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Geflügel

Hühner mit Haube gibt es seit Jahrhunderten

Kleintierzucht | Donnerstag, 20. November 2014 07:30, Prof. Dr. Joachim Schille

Haubenhühner sind keine züchterischen Entgleisungen der Neuzeit. Schon im 17. Jahrhundert waren sie bekannt. Das zeigen die Gemälde des berühmten holländischen Geflügelmalers Melchior de Hondecoeter.

Melchior de Hondecoeter wurde von seinen Zeitgenossen auch «Vogel-Raffael» genannt. Auf seinen Bildern hat der holländische Maler (geboren 1636 in Utrecht, gestorben 1695 in Amsterdam) vor allem Hühner und andere Vögel dargestellt. Zu seinen beliebtesten Sujets zählten Haubenhühner. Dass Haubenhühner und Geflügel im 17. Jahrhundert überhaupt zum Sujet der Maler wurden, zeugt von ihrer starken Verbreitung in dieser Zeit. Zudem ist es ein überzeugender Beleg für das Alter dieser Rassen, die sich bis heute munter fortpflanzen. 

Es ist ein Glück, dass die Hühner und deren Bilder damals auf den Märkten gezeigt und verkauft wurden. Die Menschen konnten so Original und Abbild sehen und beides für wenig Geld kaufen. Die Bilder wurden oft auch von einfachen Leuten gekauft. Sie gehörten zur Ausstattung des Hauses in jener Zeit. Die Gemälde wurden kopiert, was das Zeug hält. Nur so erklärt sich auch die grosse Zahl der erhaltenen Hondecoeter-Bilder.

2500 Jahre alte Haubenhühner-Bilder
Die Maler waren, von wenigen Ausnahmen wie Rembrandt abgesehen, arm. Reich wurde vor allem die sich im niederländischen Barock herausbildende Gilde der Kunsthändler. Viele der zahlreichen Maler mussten nebenbei als Gastwirt, Händler, Trödler, Rahmenmacher oder Juwelier ihr Auskommen aufbessern. Um das Jahr 1560 soll es in Antwerpen 300 Maler und Stecher, aber nur 169 Bäcker und 79 Metzger gegeben haben. 

Meister Hondecoeter, den seine Kollegen 1662 in Den Haag zum Obmann der Malergilde wählten, beherrschte sein Handwerk. Souverän handhabte er Maltechnik und Farben. So entstanden lebendig anmutende Tierbilder, auf denen im Verhalten der Tiere oft eine Dramatik zu erkennen ist. Das unterscheidet seine Bilder von denen seiner Zeitgenossen wie etwa Jan Steen (1626 –1679), der auch Haubenhühner und Haubenenten dargestellt hat. 

Aus Beschreibungen etwa von Aldrovandi im Jahre 1600, der medische und lombardische Haubenhühner aus Polverara bei Padua erwähnt, geht hervor, dass es Haubenhühner schon seit langer Zeit gibt. Das älteste Zeugnis ist wohl der Hahn mit Quirlhaube auf dem Harpyienmonument von Xanthos im Südwesten der heutigen Türkei, das auf 500 vor Christus datiert wird. Harpyien waren räuberische, weibliche Vogelwesen, die Speisen anderer besudelten und die Seelen Verstorbener forttrugen. Die haubentragenden Seidenhühner werden von Aristophanes (384 bis 322 v. Chr.) als schwarz und weiss, in China beheimatet und Katzenhaar statt Federn tragend beschrieben. Über die Geschichte der sibirischen Haubenhühner, der Pawlowa, und der kleinasiatischen Haubenhühner, der Serail Tä-uk, wissen wir nichts – wohl aufgrund des einseitigen Blicks früherer Historiker auf Europa. 

Haubenhuhnforschung vor 100 Jahren
Die vielen Bilder von Hondecoeter und anderen Geflügelmalern seiner Zeit belegen überzeugend die weite Verbreitung der Haubenhühner im 17. Jahrhundert in den Niederlanden und das grosse Spektrum von Farbenschlägen. Sie zeigen aber auch, wie die Züchter von verbreiteten Landhuhnfarben zu bewusst gezüchteten Farbenschlägen übergingen und die Kombinationen von Haube und Bart sowie von Haube und verschiedenen Kammformen herauszüchteten. 

Wie sich Rassen in bestimmten Gebieten verbreiten konnten, wie Landhuhnrassen entstehen und sich zunächst kaum über eine Region hinaus verbreiten, warum sie in dieser Region jedoch relativ konstant verbreitet blieben, erklärten schon vor beinahe 100 Jahren die geographisch-genetischen Statistiken von A. S. Serebrovsky von der Universität Moskau, in denen Haubenhühner auch eine Rolle spielen. Serebrovsky hatte durch Bruno Dürigen auch Kontakt zur Geflügelwissenschaft in Deutschland. So kam es wohl, dass er im Jahr 1929 einen Artikel im Berliner «Archiv für Geflügelkunde» veröffentlichte unter dem Titel «Beitrag zur geographischen Genetik des Haushuhnes in Sowjet-Russland». Dieser Artikel ist von Belang für die Diskussion darüber, ob Haubenhühner wegen ihrer ausgeprägten Haube unter Schmerzen und Schäden leiden.

Serebrovsky und sein Mitarbeiter Petrov gingen der Frage nach, wie sich Mutationen unter Haushühnern verbreiten, wenn sich deren Populationen ungesteuert entwickeln. Sie gingen davon aus, dass sich die Haushühner in vielen Gebieten Russlands in den Dörfern ohne grossen Einfluss des Menschen fortpflanzen. Die Hühner hatten in den Dörfern Freilauf und paarten sich kreuz und quer über die Höfe hinweg. Wie sich die Kammformen, die Laufbefiederung, die Lauf- und Gefiederfarbe von Hühnern entwickeln, die nach isolierter Entwicklung vermischt werden, lässt sich dank der Genetik ziemlich präzise voraussagen. Bedeutsam für Haubenhuhn-Liebhaber ist der zweite Teil der Untersuchung. Serebrovsky beschrieb dabei rund 3300 Hühner im Hochland Dagestans im Kaukasus. Die 54 Dörfer, die er für seine Untersuchungen auswählte, lagen in einsamen Gebirgsschluchten und waren voneinander durch hohe Berge und reissende Ströme getrennt. Die hier gehaltenen Hühnerrassen erhielten kaum je einen Einfluss von aussen durch andere Rassen.

Im Westen Dagestans waren Haubenhühner häufig. Von 758 dort erfassten Hühnern trugen 249 eine Haube. Abbildungen in Serebrovskys Artikel zeigen die Verbreitung der Haubenhühner, aber auch die Haubenhuhnzüchtern bekannte Tatsache, dass Erbsenkamm und Haube schlecht kombinierbar sind. Wenn Haubenhühner sich unter widrigen Lebensbedingungen über Jahrhunderte halten, kann man davon ausgehen, dass es ihnen dabei wohl ist und sie nicht unter Schmerzen oder Behinderungen leiden. Sonst würden sie sich kaum so fleissig reproduzieren. 

 Bild: Fabian Schenkel  

Hauben schützen vor der Kälte
Die These von Bruno Dürigen, dem herausragenden Geflügelwissenschaftler seiner Zeit, ging folgendermassen: Die Ursprünge der Haubenhühner liegen im kalten Russland, von dort gelangten die Rassen über das Baltikum und den Mittelmeerraum nach Italien. Ihre Hauben und Bärte seien Ergebnisse der Evolution in kalten Klimazonen, befand Dürigen – anders gesagt: Die spezielle Befiederung schützt vor der Kälte.

Die Gene für Haube und Silberfarbe verbreiten sich weitgehend parallel, das zeigt sich auch auf einigen Hondecoeter-Bildern in Form von Silberfarbe bzw. Orangerückenzeichnung und Haubenbildung. Die Erklärung, warum zwei Gene häufiger kombiniert sind als andere, bleibt Serebrovsky schuldig. Vermutlich konnte er dieser Frage nicht nachgehen, denn im Stalinismus ab den Dreissigerjahren war Merkmalsgenetik in der Sowjetunion verpönt. Auch Fragen zur geografischen Entstehung und Verbreitung der Hühnerhaube bleiben offen. 

Sicher ist aber, dass die Haube ein Merkmal von Hühnern ist, das sich ohne züchterisches Tun, vermutlich an mehreren Orten der Welt, entwickelt hat. Hauben zu verbieten, wäre damit ein Eingriff in die Evolution, die auch vor Haustieren nicht haltmacht. Zu grosse Hauben, die den Hühnern die Sicht nehmen, lassen sich über Standard, Selektion und Bewertung steuern.

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