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Unfälle mit Geflügel

Wenn Hühner hühnern, haften Halter

Kleintierzucht | Donnerstag, 24. April 2014, Matthias Gräub

Flattert ein freilaufendes Huhn einem Auto vor die Motorhaube, passiert schnell ein Unfall. Für Blechschaden und Spitalkosten kann der Geflügelhalter zur Kasse gebeten werden.

Am Ostersonntag ist es passiert: In einem beschaulichen Dorf in der Ostschweiz hat ein Huhn einen Unfall verursacht. Es flatterte einem Autofahrer plötzlich vor die Motorhaube, worauf dieser abrupt bremste. Der Fahrer im Wagen hinter ihm bemerkte dies zu spät und krachte ihm ins Heck. Die Bilanz: fünf Verletzte und 20'000 Franken Sachschaden. Alles wegen einem Huhn, das jetzt möglicherweise gemütlich vor sich hingackert und sein Leben geniesst (aus der Meldung der Polizei ging nicht hervor, ob das Tier den Unfall überlebt hat).

Was das Huhn und die beiden Autofahrer hier angerichtet haben, ist rechtlich ein ganz vertrackter Fall. Die Frage, die sich stellt: Wer haftet für den angerichteten Schaden? Der Halter des Huhns, der brüsk bremsende Fahrer (Autofahrer 1) oder derjenige, der nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte (Autofahrer 2)?

Welcher Autofahrer ist schuldig?
«Die Frage ist aus juristischer Sicht sehr interessant, aber auch recht komplex», sagt Rechtsanwalt David Lüthi auf Anfrage von «Tierwelt Online». Zunächst einmal stellt sich die Frage, welcher der beiden Autofahrer der Schuldige ist. Grundsätzlich hat ein Fahrzeugführer «beim Hintereinanderfahren einen ausreichenden Abstand zu wahren, so dass er auch bei überraschendem Bremsen des voranfahrenden Fahrzeugs rechtzeitig halten kann», steht in der Verkehrsregelnverordnung (VRV). Klarer Fehler also bei Autofahrer 2, der nicht schnell genug gebremst hat?

Nicht ganz so klar. Denn Absatz 2 des selben VRV-Artikels besagt: «Brüskes Bremsen und Halten sind nur gestattet, wenn kein Fahrzeug folgt und im Notfall.» Ob nun also ein plötzlich aufflatterndes Huhn einen Notfall darstellt, darüber kann gestritten werden, ausser dem Huhn selber wäre ohne die Vollbremsung schliesslich kaum jemand zu Schaden gekommen. 

Genau so hatte auch ein Freiburger Bezirksgericht argumentiert, als es einen Autofahrer schuldig sprach, der im Jahr 1987 mit einer Vollbremsung einen Auffahrunfall verursachte. Ihm – so seine Version – seien zwei Füchse vors Auto gerannt. Sein Gegner vor Gericht hatte nur Mäuse gesehen. 

Ob Maus oder Fuchs, der Verurteilte zog den Entscheid bis vor Bundesgericht und erhielt dort Recht. Seither gilt: «Tauchen auf der Fahrbahn plötzlich Tiere auf, so stellt dies eine Gefahrensituation dar, in welcher auch bei brüskem Bremsen nicht von unnötigem Anhalten gesprochen werden kann.» Der Fall ist also klar: Autofahrer 2 ist der Schuldige unter den beiden Automobilisten.

Kollision der Gesetze
Nun kommt allerdings noch der Hühnerhalter ins Spiel. Und da kollidieren zwei Gesetze miteinander. Zum einen heisst es im Obligationenrecht (OR): «Für den von einem Tier angerichteten Schaden haftet, wer dasselbe hält, wenn er nicht nachweist, dass er alle nach den Umständen gebotene Sorgfalt in der Verwahrung und Beaufsichtigung angewendet habe, oder dass der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt eingetreten wäre.» Zum anderen besagt das Strassenverkehrsgesetz (SVG): «Wird durch den Betrieb eines Motorfahrzeuges ein Mensch getötet oder verletzt oder Sachschaden verursacht, so haftet der Halter für den Schaden.»

Die beiden Gesetzesartikel widersprechen sich im konkreten Fall; beide Parteien müssten für den Schaden haften. Denn von «aller gebotenen Sorgfalt» kann kaum gesprochen werden, wenn das Huhn frei auf der Strasse herumrennen kann, auch wenn diese Szene gerade in ländlichen Gebieten oft zu sehen ist. Die «Vorkehrung des Üblichen», also die Aussage «das machen hier alle so!» hilft dem Geflügelhalter vor dem Gesetz nicht.

Teurer Freilauf für den Geflügelhalter
Klar scheint also, der Hühnerhalter wird zumindest einen Teil der Haftung übernehmen müssen. Wohl aber nur ein Drittel des Gesamtbetrags, denn in der Praxis werden die Haftungen laut Rechtsanwalt Lüthi im Verhältnis von 2:1 zu Lasten des Autofahrers aufgeteilt. 

20'000 Franken Sachschaden plus fünf verletzte Personen, deren Pflegekosten übernommen werden müssen: Für den Hühnerhalter könnte teuer zu stehen kommen, dass er seine Tiere nicht ausbruchsicher eingezäunt hat. Vermutlich wird er sich wünschen, seine Henne wäre einfach überfahren worden. Das wäre billiger geworden.

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