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Geflügel

Küken-Kinderstube im Klassenzimmer

1 Kommentare Kleintierzucht | Donnerstag, 17. April 2014 08:00, Daniela Eggler

Einmal dabei sein, wenn herzige Bibeli schlüpfen: Dieses Erlebnis ermöglichen engagierte Geflügelzüchter jedes Frühjahr vielen Schweizer Schulklassen. Im Kanton Graubünden etwa durften die Kinder junge Wachteln ins Leben begleiten.

Jeweils Ende Januar starten Claudio Beer aus Chur und Hermi Eggler aus Zizers mit ihrem Projekt «Kunstbrut im Klassenzimmer». Sie bieten es in vier Serien an, die mit je drei Klassen gleichzeitig durchgeführt werden. Pro Jahr kommen also von Januar bis Mai zwölf Schul- oder Kindergartenklassen in den Genuss dieses einmaligen Erlebnisses. 

Im November werden jeweils die Daten für das kommende Jahr festgelegt und ein Terminplan erstellt. Das ist nicht immer einfach, müssen doch auch die verschiedenen Schulferien und Feiertage berücksichtigt werden. Interessierte Lehrpersonen können sich anschliessend für die gewünschte Serie eintragen. Einige Lehrer sind so begeistert, dass sie sich gleich mehrmals anmelden. Eine rege Mund-zu-Mund-Propaganda unter Kollegen hat dazu geführt, dass die angebotenen Daten jeweils rasch ausgebucht sind. Wer nicht berücksichtigt werden kann, hat im kommenden Jahr die Möglichkeit, sich in die Liste einzutragen, noch bevor das Projekt in der Region offiziell über die Schulen ausgeschrieben wird.

Ein unvergessliches Ereignis für alle
Das Angebot der beiden Geflügelzüchter umfasst nebst den nötigen Einrichtungen – Brutapparat, Kükenheim und Zubehör wie Einstreu, Wärmelampe, Futter und Geschirr – auch eine Begleitung und Betreuung durch einen von ihnen. Die erfahrenen Züchter sind für Fragen und Hilfestellungen während der ganzen Zeit rund um die Uhr telefonisch erreichbar und kommen auch persönlich im Schulzimmer vorbei. Die Kinder und Lehrer nutzen diese Gelegenheiten gerne, um mit den beiden über ihre Erfahrungen zu sprechen und wertvolle Tipps zu bekommen. Die ausgebrüteten Küken werden circa zwei Wochen nach dem Schlüpfen in die Zucht der beiden zurückgenommen. Die Küken, die ihre ersten Lebenswochen mit den Kindern verbringen durften, sind gemäss Claudio Beer viel zutraulicher als ihr übriger Tierbestand. 

Mein erster Besuch in der 4. Primarklasse von Maia Suhner und Ursina Caviezel in Thusis fand am Morgen während des Schlupfs statt. Schon am Vortag und in der Nacht waren einige wenige Küken geschlüpft. Vor Unterrichtsbeginn standen nun die Kinder gespannt rund um den Brutapparat und beobachteten, wie sich die kleinen Federbällchen aus ihrer Schale kämpften. Einige Küken lagen danach ganz erschöpft und mit feuchtem Flaum im Brutkasten, andere waren schon trocken und munter, also bereit für den Transfer ins vorbereitete Kükenheim. Die Aufregung der Kinder war enorm, jedes wollte schauen, ob es «sein» Küken schon geschafft hatte. Mit den Smartphones schossen sie eifrig Fotos, um diesen einmaligen Augenblick festzuhalten. Von den eingelegten 28 Eiern sind 25 Küken geschlüpft. 

Dankbares Thema 
Die geplante Matheprüfung wurde natürlich auf später verschoben, erst mussten die Winzlinge in ihr neues Zuhause getragen werden. Ganz vorsichtig durften die Kinder die Küken vom Brutapparat unter die Wärmelampe ins Kükenheim bringen. Selbst die wildesten Kinder zeigten für einmal ihre sensible Seite und waren vom Ereignis überwältigt. Auf einmal konnten sie ihre Hände, die sie sonst auch ab und zu mal für kleine Auseinandersetzungen gebrauchen, ganz sanft im Umgang mit diesen zarten Lebewesen einsetzen.

Schon im Vorfeld, während der 17-tägigen Brutzeit, wurde das Thema Vögel und Eier eingehend behandelt. Im Allgemeinen ein dankbares und vielseitiges Thema, das auf allen Stufen umgesetzt werden kann. Jedes Kind führte ein persönlich gestaltetes Tagebuch, das es mit Zeichnungen ergänzte. Selbst das Wenden der Eier im Brutkasten wurde beobachtet, und auf einer Liste wurden täglich Temperatur und Luftfeuchtigkeit notiert.

Die Küken im Kindergarten Bonaduz, wo Ursina Flütsch 21 Kinder unterrichtet, waren schon 4 Tage alt, als ich ihnen einen Besuch abstattete. Die kleinen Federbällchen waren in dieser Zeit bereits in den Unterrichtsalltag der Kinder integriert. Schon von aussen, durch die Fenster, blickten mir lustige Hühner entgegen. Auch dem liebevoll dekorierten Zimmer war anzusehen, worum es hier seit Tagen geht, und an den Tischen wurden dem Thema entsprechend mit Federn Hühner gebastelt. 

Von den 36 eingelegten Eiern waren 29 Wachtelküken geschlüpft. Einige davon durften täglich für einige Zeit am Boden im Kreis der Kinder eine neue Welt entdecken. Vorsichtig hielten die Kinder ihre ausgestreckten Hände hin und freuten sich, wenn das eine oder andere Küken neugierig zu ihnen kam. Und wenn die Kleinen ihren Kot am Boden hinterliessen, waren die Kinder schnell zur Stelle, um das «Missgeschick» ihrer Schützlinge zu beseitigen. Immer wieder wurde das freie Spielen oder die Bastelarbeit kurz unterbrochen, um spontan durch die Scheibe nach den Winzlingen zu schauen. Rund um das Kükenheim waren Schemel aufgestellt, damit die Kinder auch jederzeit von oben ihre neuen Gspänli beobachten konnten.

Im Gespräch mit verschiedenen Lehrpersonen zeigt sich immer wieder, wie breit gefächert das Thema umgesetzt werden kann. Für den Kindergarten zum Beispiel sind viele Sach- und Bilderbücher sowie Gesellschaftsspiele erhältlich. Auch die Bastelmöglichkeiten zum Thema sind vielfältig. Im Schulunterricht kann das Thema ausser im Bereich Natur zudem in verschiedenen anderen Fächern wie Mathematik (etwa das Wägen der Küken), Sprache (Aufsätze, Vorträge, Tagebücher etc.), Werken (Basteln, Holzarbeiten) und Kochen (Eiergerichte) umgesetzt werden. Und vor allem: Im Umgang mit den Tieren wird das Verantwortungsbewusstsein und das soziale Verhalten der Kinder gefördert.

 Claudio Beer, Hermi Eggler: Initianten von «Kunstbrut im Klassenzimmer»

«Es gibt immer wieder Dankesbriefe»

Claudio Beer und Hermi Eggler sagen, was es den beteiligten Lehrkräften abverlangt und was es bei den Kindern bewirkt.

Herr Beer und Herr Eggler, wie ist das Projekt entstanden? 
Vor etwa 20 Jahren stellte der damalige Geflügelzüchterverein Graubünden den Schulen Brutapparate zur Verfügung. Als Hermi Obmann im Verein war, hat er das Projekt ausgebaut und betreut. Seit der Auflösung des Vereins führen wir es nun gemeinsam auf privater Basis weiter.

Wie viele Küken werden jährlich so ausgebrütet?
Etwa 200 bis 250 Wachtelküken. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass Wachteln besonders geeignet sind, da sie schnell wachsen und der Fortschritt während der kurzen Zeit in der Schule gut beobachtet werden kann.

Brauchen die Lehrpersonen vorher einen Kurs? 
Von den Apparaten her läuft alles automatisch – Brutdauer, Wendung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit etc. Es ist nicht schwierig, wenn man sich an ein paar wichtige Regeln hält. Bei der Anmeldung werden die Lehrer darüber informiert, was sie für Betreuungspflichten haben. Die Abgabe des Brutapparats erfolgt an einem kurzen Infoabend, die Informationen werden auch schriftlich abgegeben. Zudem stehen wir jederzeit telefonisch zur Verfügung und bei Bedarf kommen wir in der Schule vorbei.

Müssen die Lehrer dafür am Wochenende in die Schule?
Ja, die Kontrolle des Apparates und später die Fütterung müssen auch am Wochenende gewährleistet sein. Dies kann jedoch zum Beispiel auch an den Hauswart, delegiert werden.

Was waren besondere Erlebnisse?
Da gibt es viele. Ein Lehrer, der im Schulzimmer übernachtet hat, damit er das Schlüpfen der ersten Küken nicht verpasst. Oder die Durchführung des Projekts mit behinderten Kindern des Schulheims Chur. Wir erhalten immer wieder Dankesbriefe, Zeichnungen und Bastelarbeiten der Kinder. Die leuchtenden Augen und die Begeisterung, mit welcher die Schüler vom Erlebnis erzählen, sind für uns immer wieder Motivation.


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Kommentare (1)

Janet Wetter am 11.01.2016 um 15:52 Uhr
Grüezi Herr Beer und Herr Eggler
mit Interesse hab ich Ihren Bericht über die Wachtel-Aufzucht im Klassenzimmer gelesen, super Idee. Da ich mir in den nächsten Wochen drei bis vier Wachtelhennen zulegen möchte, wollte ich Sie fragen, ob Sie mir welche aus einem Klassenzimmer verkaufen würden! Denn ich kann mir gut vorstellen, dass diese Tiere zahmer sind als solche aus einer grösseren Zucht wo die Tiere kaum Kontakt zum Menschen haben! Wenn Sie mir dann welche verkaufen würden, wär es toll, wenn ich die Wachteln so früh wie möglich bekommen könnte, aber so dass Sie erkennen ob es Hennen sind, da ich keinen Güggel möchte! Ev. gibt es ja ein Schulprojekt hier in der Nähe, wär wirklich super und bei uns hätten die Wachteln ein wirklich schönes Leben. Herzlichen Dank für Ihre Antwort mit freundlichen Grüssen Janet Wetter aus Klosters

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