Aktuell
› Zurück

Tierwelt 7/2014

Die Idee des «Superhuhns» ist schon uralt

Kleintierzucht, Nutztiere | Donnerstag, 13. Februar 2014, Text & Bilder: Fabian Schenkel

Das unlängst von Coop angepriesene «Superhuhn» ist keine neue Erfindung. Zwei­nutzungshühner gibt es schon seit über hundert Jahren. Für die Erhaltung der Biodiversität sorgen die Rassegeflügelzüchter – auch heute noch. 

Wohl aus den Genreserven von alten Rassen hat die Tierzüchterei Lohmann aus Deutschland ein Nutzhuhn gezüchtet, das sowohl für die Eier- als auch für die Fleischproduktion geeignet ist. Es handelt sich dabei um ein Hybridhuhn namens «Lohmann-Dual», und es kommt auf eine Legeleistung von rund 250 Eiern pro Jahr. Im Vergleich zu dem, was die 2,2 Millionen Legehennen in der Schweiz liefern, ist dies nicht gerade eine berauschende Zahl, denn Legehybriden erbringen in ihrem kurzen Leben von 16 Monaten eine Jahresleistung von gegen 400 Eiern.

Wyandotten

Herkunft: Amerika
Legeleistung: 180 Eier pro Jahr
Eiergewicht: 54 Gramm
Schalenfarbe gelb bis dunkelbraun; je nach Farbenschlag
Körpergewicht Hahn 3,4 – 3,8 kg
Körpergewicht Henne 2,5 – 3 kg
www.wyandotten.ch

Sussex
Herkunft: England
Legeleistung: 180 Eier pro Jahr
Eiergewicht: 60 Gramm
Schalenfarbe: gelbbraun bis hellbraun
Körpergewicht Hahn: 3 – 4 kg
Körpergewicht Henne: 2,5 – 3 kg

Barnevelder
Herkunft: Holland
Legeleistung: 180 Eier pro Jahr
Eiergewicht: 60 Gramm
Schalenfarbe: dunkelbraun
Körpergewicht: Hahn 3 – 3,5 kg
Körpergewicht: Henne 2,5 – 2,75 kg
www.barnevelder.ch.vu

Etwas anders ist dies bei den Rassehühnern, sie sind nicht auf Höchstleistungen in kurzer Zeit getrimmt. In der Hobby-Geflügelzucht gibt es Rassen, die entweder auf Legeleistung oder auf Fleisch, aber auch als Doppelnutzungshühner gezüchtet wurden. Sie entstanden vor rund 100 Jahren, noch bevor die heutigen Legeleistungshühner erzüchtet wurden. Diese Zweinutzungshühner legen bis zu 220 Eier pro Jahr und sie können, was ihre Lebensleistung betrifft, längst mit den Hybridhühnern mithalten. Die Eiablage erfolgt demnach über mehrere Jahre verteilt, daher ist der Futterverbrauch insgesamt höher und die Wirtschaftlichkeit geringer. Die Biodiversität dieser alten Rassen wurde in der Schweiz durch die Züchter von Rassegeflügel Schweiz erhalten. 

Das Anfang Februar vom Schweizer Detailhändler Coop medienwirksam angepriesene Superhuhn – die neue Rasse «Lohmann-Dual» – ist also keine Neuheit. Bei dem Projekt mit 5000 Tieren werden einzig die männlichen Tiere nicht, wie sonst bei Legehybriden üblich, gleich nach dem Schlupf getötet. Dank der Mastfähigkeit leben sie einige Wochen bis zur Schlachtreife als Poulet. Das Leben der weiblichen «Superhühner» dauert etwas länger, sie werden nach der Ablage von 250 Eiern im Alter von etwa 15 Monaten getötet und dann erst zu Suppenhühnern oder Biomüll verarbeitet.

Der Umgang mit dem industrialisierten Zweinutzungshuhn namens «Lohmann Dual» ist also eine Spur naturnaher, tierfreundlicher als der mit den reinen Legehybriden. Würde allerdings in der Schweiz jede Familie pro Jahr ein Suppenhuhn essen, so müssten nicht die meisten der 2,2 Millionen Legehennen zu Biomüll verarbeitet werden.

Wer seine Eier und sein Poulet so natürlich wie möglich produziert haben möchte, beschafft sich seine eigenen Rassehühner. Je nach Zielsetzung wählt man eine Rasse mit besonderen Legeeigenschaften, eine mit guter Mastfähigkeit oder eben ein seit Jahren bekanntes Zwiehuhn, von denen es verschiedene gibt. 

In England musste die Rasse wetterfest sein

 Die Wyandotten waren einst die verbreitetste Rasse –
 und noch heute ist die Zwergform sehr beliebt.

Zu den ältesten unter ihnen zählen wohl die Wyandotten. Sie sind in Amerika entstanden, und jene des weissen Farbenschlags galten lange Zeit als die leistungsfreudigste Variante. Inzwischen werden sie von speziellen Legerassen in der Leistung übertroffen, doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts sorgten die weissen Wyandotten ihrer Eigenschaften wegen für viel Aufsehen.

Noch heute zählt die Zwergform zur beliebtesten und am weitesten verbreiteten Rasse in der Schweiz. Während bei der Grossrasse momentan nur noch wenige Züchter zu finden sind, hat die Zwergform Liebhaber in fast allen der beinahe 30 Farbenschläge gefunden. Beide, sowohl die Gross- als auch die Zwergrasse, fliegen nicht und zeichnen sich durch einen ruhigen Charakter aus. Die zutraulichen Hühner sind dank dem flaumenreichen Gefieder auch im Winter gut geschützt und eignen sich daher besonders gut für ein raues Klima.

 Ein Sussex-Hahn. 

Auch in England wurde früher auf zahlreichen Farmen eine Zwierasse gehalten. Auf den Märkten in London war das Tafelfleisch der Sussex ein begehrtes Produkt. Die in der gleichnamigen Grafschaft in Südengland entstandene Rasse war auf jedem Bauernhof anzutreffen. Noch heute wird die Sussex nicht nur des Fleisches, sondern auch der vielen Eier wegen gern gehalten. Ausserdem ist die im regnerischen England entstandene Rasse ausgesprochen wetterfest und wächst schnell heran. 

Etwas weiter südlich, in Holland, sorgten die Barnevelder als frühreifes Legehuhn mit guter Fleischnutzung nach dem Ersten Weltkrieg für Aufsehen. Die ausgesprochen dunkelbraune Schalenfarbe stiess bei den Eierkäufern bis nach England auf grosses Interesse. Bald wurde für diese braunen Eier mehr bezahlt als für die weissen. Die Rasse wurde nach der Stadt benannt, in der sich ein Geflügelzentrum wie sonst nirgendwo auf der Welt entwickelte. Gemäss Walther Münter in «Die Hühnerrassen» entstand in Barneveld extra eine Markthalle, in der wöchentlich bis zu einer Million Eier gehandelt wurden. 

Wer Eier und Fleisch nutzt, für den sind die jungen Hähne nicht «sinnlos»

 Ein Barnevelder-Hahn.

Diese Eier wurden von Hühnern eines ­Landhuhnschlags produziert. Dabei entstand ein rassereines Huhn, das Eier mit dunkelbrauner Schale legte. Das zweite Highlight der Barnevelder ist die filigrane Zeichnung mit doppelter Säumung. Das schwarze Gefieder zeigt eine doppelte braune Säumung an den Federn auf der Brust, auf der Seite und dem Rücken. 

Bei der Zucht spielen die kleinsten Details der Zeichnung eine bedeutende Rolle. Die Züchtung dieser Rasse wird in der Schweiz von einem engagierten Spezialverein gefördert, dessen Mitglieder das Zwienutzungshuhn nicht nur zum Eierlegen, sondern deren Hähne auch als Fleischlieferanten nutzen und sie deshalb nicht sinnlos nach dem Schlupf töten müssen. Was die Wirtschaftsgeflügelzucht nun mit dem «Superhuhn» wieder einführen möchte, erhalten die Hobbyzüchter mit den ursprünglichen Rassen als Genreservoir. 

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen