Aktuell
› Zurück

Tierwelt 9/2014

Gefiederte Kriegsheldinnen

Kleintierzucht | Donnerstag, 27. Februar 2014 07:30, Rita Schmidlin

Vor hundert Jahren ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Erinnerungen an traurige Ereignisse aber auch an Helden werden wach. Eine wichtige Rolle spielten die Brieftauben.

Der grosse Krieg, «la Grande Guerre», ist die französische Bezeichnung für den Ersten Weltkrieg, der vor hundert Jahren ausgebrochen ist. Viel wird aus diesem Grund heute wieder darüber geschrieben. Selten werden dabei jedoch die gefiederten Heldinnen erwähnt. Im nordfranzösischen Lille erinnert ein Denkmal an den wichtigen Einsatz der Brieftauben.

Während der Belagerung von Paris 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg hatten die Brieftauben noch eine grosse Bedeutung. Sie waren die einzige Möglichkeit, den Kontakt mit der Aussenwelt aufrechtzu­erhalten. Danach ging diese Übermittlungsmöglichkeit etwas vergessen. Man glaubte, die Brieftaube sei altmodisch geworden im Vergleich mit den technischen Mitteln. Das hatte zur Folge, dass bei Beginn des Ersten Weltkrieges der Brieftaubendienst der französischen Armee kaum existierte. 

Geflogen trotz Giftgas
Das änderte sich aber schnell und ab 1915 wurden die privaten Brieftaubenschläge und mobile Taubenschläge eingesetzt. Die Brieftauben wurden von Paris aus an die Front in Nordfrankreich gebracht und konnten so laufend aktuelle Berichte über das Vordringen  der deutschen Truppen liefern und über die Lage der eigenen Leute  berichten. Die gefiederten Kuriere waren wieder aktuell und oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Meldungen zu übermitteln. 

 In Lille steht das Monument in Erinnerung an 20'000 Brieftauben,
 die im Einsatz gestorben sind. 
 Bild: Velvet/wikimedia.org

Einen Ehrenplatz in der Geschichte erhielten die Brieftauben vor allem wegen eines Einsatzes in der Schlacht von Verdun von Februar bis Dezember 1916. Die Festung Vaux, ein strategischer Punkt, wurde am 1.Juni 1916 gegen Abend von deutschen Truppen eingekesselt. Die einzige Verbindungsmöglichkeit, die Kommandant Raynal noch hatte, waren vier Brieftauben aus dem Schlag von Verdun. Am 2. Juni liess er eine erste Taube fliegen mit der Meldung: «Der Feind ist rund um uns, Hauptmann Taboureau ist schwer verletzt, aber wir halten die Stellung.» Am 3. und 4. Juni liess er zwei weitere Tauben fliegen, die mit Beschreibungen der Lage in der Festung im Schlag in Verdun ankamen. Das feindliche Vordringen, der Widerstand der französischen Soldaten und die Bitte, dem verstorbenen Taboureau die Ehrenlegion posthum zu verleihen, waren darin enthalten. 

Am 5. Juni wurde die Situation prekär, Giftgaswolken umhüllten die Festung. Raynal liess die vierte Taube fliegen mit der Meldung: «Dies ist meine letzte Taube, wir halten die Stellung noch immer, aber wir erleiden einen Angriff durch gefährliche Gas- und Rauchwolken, wir benötigen dringend Hilfe.» Wegen der starken Rauchentwicklung flog die Taube aber nicht los, sondern kam zurück. Raynal schrie: «Sie muss unbedingt losfliegen!» Nochmals liess er sie starten und zu seiner Freude und Beruhigung zog sie in die Richtung von Verdun davon. Nun waren Raynal und seine Leute ohne Verbindung, mit wenigen Essensvorräten und ohne Wasser. Am 7. Juni ergaben sie sich. Das Heldentum des Kommandanten hat die deutschen Angreifer beeindruckt, sie liessen ihm seinen Degen als Zeichen der Anerkennung seines Mutes. 

Nur knapp überlebt
Die kleine Taube, es war ein Weibchen mit der Ringnummer 787-15, das bereits fünf schwierige Flüge hinter sich hatte, kam in Verdun an und überbrachte die Nachricht. Wie die Menschen in der Festung Vaux litt auch sie an Vergiftungen. Während Tagen schwebte sie zwischen Leben und Tod, nur dank intensiver Pflege erholte sie sich wieder. Einige Monate später erhielt sie den Ring der Ehrenlegion. 

Danach bauten die Verantwortlichen der Übermittlungstruppen der französischen Armee den Brieftaubendienst aus. Man begann auch damit, die Meldungen zu chiffrieren für den Fall, dass sie in Feindeshand gelangen sollten. Anfang 1918 verfügte die Armee über 24 130 Tauben, davon waren mindestens 15 000 perfekt trainiert. 

Auch die Alliierten setzten nun Brieftauben ein, diese wurden nach England und Holland gebracht und an Vertrauensleute in besetzten Gebieten übergeben. Am 11. November 1918 verfügte die französische Armee neben den festen Brieftaubenschlägen über mehr als 250 mobile Taubenschläge für ein Total von 30 000 Tauben. Ein Monument in Lille erinnert an die 20 000 Brieftauben, die für Frankreich gestorben sind.

Quelle: Musée du Pigeon Voyageur 
www.museedupigeon.com

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen