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Tierwelt 27/2013

Kleine, grüne Wesen erobern London

Wildtiere, Kleintierzucht | Donnerstag, 4. Juli 2013 07:30, Dorothy Allen

Halsbandsittiche haben sich in der englischen Metropole London explosionsartig vermehrt. Sie verbreiten zwar einen exotischen Glanz, verdrängen aber auch einheimische Vögel. Deshalb geniessen sie keinen Schutz mehr. 

Man hört sie schon, bevor man sie zu Gesicht bekommt. Ihr scharfes, unverwechselbares «Kii-ak Kii-ak» übertönt Londons Grossstadtlärm der Autos, Flugzeuge, heulenden Einsatzwagen. Dann sind sie plötzlich zur Stelle, mit ihren prächtigen smaragdgrünen Federn, den tiefroten Schnäbeln und den ganz unverkennbaren Halsstreifen in Rosa und Schwarz.

Sie wirbeln zu Dutzenden herum und plappern in rauen Tönen miteinander, bevor ihre langen Schwanzfedern und spitzen Flügel irgendwann in den obersten Baumwipfeln zur Ruhe kommen. Hallo und aufgepasst, einheimische Zwitscherlinge! Die kleinen grünen Wesen aus einer anderen Welt sind gelandet. Die Halsbandsittiche sind da.

Ökologen befürchten, dass die Sittiche einen grossen Schaden anrichten könnten
Der Papageien-Familie zugehörig, bescheren die Halsbandsittiche (Psittacula Krameri), auch als Alexandersittiche bekannt, London ohne Frage eine Spur hinreissenden tropischen Glanzes. Bisher sind sie denn auch durchaus beliebt gewesen, mit ihrem kleinen Gezänk und ihrem Herumgeflitze von Baum zu Baum – willkommene Farbkleckse unter einem oft allzu grauen Himmel.

Aber seit sie vor über 40 Jahren angefangen haben, hier frei zu nisten, hat ihre Zahl so alarmierend schnell zugenommen, dass Ökologen schweren Schaden von ihrer explosiven Vermehrung befürchten. Die grösste Sorge ist, dass die Halsbandsittiche, die in Astlöchern und Baumspalten nisten, einheimische Baumbewohner wie Spechte oder Stare aus ihrem angestammten Revier vertreiben könnten. Und das wäre den Londonern nicht recht.

Ursprünglich in jenem grünen Gürtel zu Hause, der sich von Afrika zum indischen Subkontinent bis nach China zieht, haben sich die wilden Sittiche jetzt in London und im englischen Südosten ganz gut eingelebt. Nicht nur im Hyde Park und in den Kew Gardens leben die munteren und fidelen Kerlchen, sondern auch in den kleinen Stadtteilparks, Friedhöfen und privaten Vorstadtgärten. 

Eines der spektakulärsten Schauspiele für Vogelliebhaber in London ist die tägliche Versammlung der Sittiche, im Morgengrauen wie in der Abenddämmerung, am Rugby-Spielfeld des Stadtteils Esher. Zwischen dem Rugby-Feld und dem örtlichen Bahnhof, unter der Einflugschneise des Flughafens Heathrow, kreischen und tollen dort bis zu 6000 Vögel bei ihren Massen-Zusammenkünften in den Bäumen herum. Sie rufen bei diesen Treffen auch andere Alexandersittiche herbei. Man fühlt sich glatt nach Indien versetzt. 

Sind die Vogelscharen womöglich Bogart und Hepburn oder Hendrix zu verdanken?
Die Frage ist: Wie sind diese exotischen Fremdlinge, die keine Zugvögel sind, überhaupt hierhergekommen? Und warum bleiben sie nur hier? Zum ersten Mal sind sie 1855 in Norfolk gezüchtet worden. Das war die Zeit, in der exotische Haustiere in England in Mode kamen. Aber damals sind sie auch rasch wieder ausgestorben.

Die Lieblings-Theorie für die Herkunft der gegenwärtigen Scharen ist, dass wir sie Humphrey Bogart und Katherine Hepburn zu verdanken haben. Halsbandsittiche wurden nämlich als zusätzliches Bühnenbeiwerk importiert, als in den Londoner Shepperton-Studios 1951 der Film «The African Queen» mit den beiden grossen amerikanischen Schauspielern gedreht wurde. Sie waren damals offenbar aus den Studios entkommen – und brüteten anschliessend in der betreffenden Region im Freien und breiteten sich immer weiter aus. Es gibt aber auch noch andere Erklärungen. Eine davon spricht Jimi Hendrix die Verantwortung zu. Er soll ein Pärchen der sogenannten grünen «Dschungeltauben» als Symbol der Freiheit während eines Spaziergangs durch Londons Carnaby Street freigelassen haben. Ein anderes Gerücht besagt, dass David Bowie bei seiner Hochzeit eine Schar Sittiche freigesetzt hat.

Eine etwas plausiblere Erklärung ist wohl, dass der Grosse Sturm von 1987 auf den Britischen Inseln eine Anzahl von Volieren im Lande beschädigte und viele Vögel daraus entkamen. Von dieser Theorie geht auch das «Project Parakeet» (Projekt Sittich) aus, das eine wissenschaftliche Forschungsgruppe des Londoner Imperial College in die Wege geleitet hat. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Zahl der wilden Sittiche in den frühen 1990er-Jahren plötzlich beträchtlich zugenommen hat. Wenig Sorge herrschte noch, als Ende der 1960er-Jahre erstmals Halsbandsittiche beim Nisten und Brüten in England beobachtet wurden. Schliesslich waren sie Tropen-Geschöpfe, und man ging davon aus, dass sie wie die meisten entflogenen Vögel aus solchen Breitengraden das harsche englische Klima kaum überleben würden. Aber so war es nicht. Im Himalaja-Gebiet, dem sie entstammen, kann es schliesslich auch sehr kalt werden. Es sind also abgehärtete Tiere. Und überdies extrem anpassungsfähig.

Jedes Jahr nimmt die Zahl der exotischen Halsbandsittiche um fast 25 Prozent zu
Die Zunahme ihrer Zahl ist wirklich erstaunlich. In den 1980er-Jahren gab es in Grossbritannien höchstens 500 von ihnen. Zehn Jahre später zählte man rund 1500. Zur Milleniumswende waren es schon 6000, und heute wird ihre Zahl auf über 30 000 geschätzt. Jedes Jahr vermehren sie sich im Schnitt fast um ein Viertel.

Der Grund dafür ist, dass sie in London keine natürlichen Feinde haben. Dass ihnen viele Krankheiten nichts anhaben können. Und dass sie bis zu 34 Jahre alt werden. An Nahrung herrscht für sie ausserdem kein Mangel. Sie fressen Beeren, Obst und Nüsse und tun sich an den von Vogelfreunden mit Erdnüssen gefüllten Futterröhren in Londons Gärten gütlich. Das ist das wirkliche Problem. Das Forscherteam des «Project Parakeet» vom Imperial College hat nämlich die Konsequenzen unter die Lupe genommen, die diese Ausbreitung der Sittiche für traditionelle Gartenvögel hat. Und die Ergebnisse sind besorgniserregend. «Halsbandsittiche haben einen sehr negativen Effekt», sagt Hannah Peck, die das Projekt seit drei Jahren leitet. «Sie sind äusserst aggressiv gegenüber anderen Vögeln. Sie fallen in grosser Zahl in Gärten ein und machen sich übers Futter her. Und ihre Präsenz schreckt andere Gartenvögel ab.» Laut Peck nisten und brüten sie sehr früh, im Februar und im März, viel früher als unsere eigenen Vögel. Das bedeutet, dass die Nistlöcher in den Bäumen besetzt sind, bevor einheimische Vögel Gelegenheit haben, sich dort niederzulassen. Das schafft Probleme für Dohlen, Stare und Spatzen. 

Ein klein wenig beginnt sich die Lage für die «Angestammten» allerdings aufzuhellen.Eine jüngste Änderung des Landschafts- und Tierschutz-Gesetzes hat zur Folge gehabt, dass Halsbandsittiche neuerdings keinen besonderen Schutz mehr geniessen. Es ist nun nicht mehr verboten, sie zu töten, wenn sie Ernten oder andere wilde Vögel bedrohen. Eine generelle Ausmerzung kommt aber nicht infrage. Die einzige Hoffnung ist, dass sich ihre Ausbreitung künftig verlangsamt. Ganz los wird Grossbritannien seinen einzigen eingebürgerten Papagei mit Sicherheit nicht mehr. Die Wesen aus der anderen Welt haben sich entschlossen zu bleiben. 

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